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- Zur Ruhe kommen
An dem Montag, an dem ihr diesen Beitrag lest, startet für mich das neue Wintersemester. Nach den Semesterferien, die wie immer keine wirklichen Ferien waren, geht es jetzt wieder los – und das tatsächlich in Präsenz. Die allermeisten in meinem Semester haben sich darüber nicht besonders gefreut. Der Vorteil an den Online-Veranstaltungen war, dass sich Studium und Arbeit in den meisten Fällen wunderbar miteinander verbinden ließen. Das ist jetzt vorbei und vor allem für diejenigen ein Problem, die entweder zur FH oder zu ihrer Arbeitsstelle eine längere Anfahrt haben. Auch bei mir war es nicht gerade leicht, neben meinen Veranstaltungen an der FH auch meine 20 Arbeitsstunden sinnvoll in meinem Stundenplan unterzubringen. Und das Ergebnis hat auch bei mir keine Vorfreude auf das neue Semester ausgelöst, sondern vor allem eins: Stress. Und das schon bevor der eigentliche Stress überhaupt angefangen hat. Das liegt vor allem daran, dass mein letztes Semester einer der stressigsten Zeitabschnitte war, die ich bisher erlebt habe. Zugegebenermaßen zähle ich auch einfach zu den Menschen, die anfällig für Stress sind. Es gibt bestimmt viele unter euch für die eine Woche mit 50 – 60 Stunden Arbeitsaufwand aus Studium und Job gut zu verkraften wäre. Aber ich habe gelernt, dass ich damit auf Dauer an meine Grenzen stoße. Vor allem, da sich der Großteil meines Stresses nicht in meinem Terminkalender, sondern in meinem Kopf abspielt. Deswegen habe ich mir ein paar Gedanken dazu gemacht, wie mein Glaube mir in stressigen Zeiten helfen kann (oder in der Vergangenheit schon geholfen hat) und welche Hilfsmittel uns die Bibel an die Hand gibt, um Ruhe zu finden. Diese Gedanken möchte ich heute gerne mit euch teilen. Wie Gott Ruhe verschafft Sucht man nach dem Begriff Ruhe in der Bibel, findet man ihn über 100 Mal. Der Begriff zieht sich durch das Alte und Neue Testament. Im Alten Testament ist damit vor allem die Abwesenheit von Krieg und Bedrängung durch die Feinde des Volkes Israel gemeint. Wir lesen davon, wie Gott den Israeliten immer wieder Ruhe verschafft hat. Zunächst indem er die Israeliten in das verheißene Land gebracht hat: „Denkt an das Wort, das Mose, der Knecht des HERRN, euch geboten hat, indem er sagte: Der HERR, euer Gott, schafft euch Ruhe und gibt euch dieses Land!“ (Josua 1, 13) „Und so nahm Josua das ganze Land ein, ganz wie der HERR zu Mose geredet hatte. Und Josua gab es Israel zum Erbteil, nach ihren Abteilungen, entsprechend ihren Stämmen. Und das Land hatte Ruhe vom Krieg.“ (Josua 11, 23) Aber auch, nachdem Israel in Kanaan eingezogen war, war ihre Ruhe nicht endgültig. Sie wurden immer wieder von den Völkern ringsumher bedrängt. Und immer wieder verschaffte Gott ihnen Ruhe vor ihren Feinden. „So musste sich Midian vor den Söhnen Israels beugen und konnte sein Haupt nicht mehr erheben. Und das Land hatte in den Tagen Gideons vierzig Jahre Ruhe.“ (Richter 8, 28) „Und es geschah, als der König [David] in seinem Haus wohnte und der HERR ihm Ruhe verschafft hatte vor allen seinen Feinden, ...“ (2. Samuel 7, 1) Genau wie die Israeliten damals können auch wir mit Gottes Hilfe Ruhe finden. Auch wenn wir es in den meisten Fällen mit einer ganz anderen Art von Bedrängnissen zu tun haben. „Kommt her zu mir, alle ihr Mühseligen und Beladenen! Und ich werde euch Ruhe geben.“ (Matthäus 11, 27) Dass Gott auch uns Ruhe verschafft, bedeutet nicht immer, dass auf wundersame Weise alle unsere Stressfaktoren verschwinden. Manchmal passiert das, aber eben nicht immer. Doch auch für diese Situationen finden wir in der Bibel ganz praktische Hilfen, die uns im Umgang mit Stress helfen können. Auf drei dieser Hilfsmittel möchte ich hier etwas genauer eingehen. 1. „Betet unablässig!“ (1. Thessalonicher 5, 17) Fangen wir mal mit dem wohl offensichtlichsten Hilfsmittel an, das uns geschenkt wurde: das Gebet. Wir werden aufgerufen unablässig zu beten und ich glaube, dass wir uns vor allem in stressigen Phasen bewusst Zeit dafür nehmen sollten. Für mich persönlich ist Gebet mit das wirksamste Mittel gegen Stress. Auch bevor ich angefangen habe, diesen Beitrag zu schreiben, hatte ich wieder ein starkes Gefühl von innerer Unruhe mit Blick auf den Semesterstart und all die Dinge, die ich noch erledigen wollte, bevor ich keine Zeit mehr dazu habe. Also habe ich gebetet. Eine halbe Stunde lang habe ich Gott von meinen Sorgen erzählt und konnte sie bei ihm ablegen. Wenn man darüber nachdenkt, ist Gebet wirklich eine komische Sache. Niemand von uns hat Gott jemals etwas erzählt, was er nicht schon wusste, aber trotzdem kann es für uns so unglaublich befreiend sein, diese Dinge bei ihm loszuwerden. In gewisser Weise sind Gebete für uns eine Erinnerungsstütze dafür, dass Gott von unseren Sorgen weiß, dass er sie mit uns trägt und wir sie loslassen können. Als ich mir also meinen Frust von der Seele geredet hatte, schenkte Gott mir den Gedanken daran, dass ich darauf vertrauen darf, dass er weiter in meinem Leben wirken wird und mich in der kommenden Zeit unterstützen und mir die Kraft geben wird, die ich brauche, um gut in das Semester zu starten. Mit dieser neuen Gewissheit konnte ich „Amen“ sagen. 2. „Sagt in allem Dank!“ (1. Thessalonicher 5, 18) Wie ich schon in meinem Beitrag zum Thema Dankbarkeit vom 28.06.2021 geschrieben habe, soll bewusst praktizierte Dankbarkeit unter anderem gegen Stress helfen. Nach über drei Monaten Dankbarkeitstagebuch-Schreiben kann ich dazu jetzt sagen: Es funktioniert! Mir (fast) jeden Tag bewusst darüber Gedanken zu machen, wofür ich Gott dankbar sein kann, hat mir mit der Zeit mehr und mehr die Augen dafür geöffnet, Gottes Wirken in meinem Leben zu erkennen. Nachdem ich vorher lange Zeit mehr oder weniger blind für diese Dinge war, hat mir mein Dankbarkeitstagebuch dabei geholfen, mehr von den kleinen „Zufällen“ im Alltag wahrzunehmen, die mir zu Gute kommen und auf Gottes Hand zurückzuführen sind. Aber wie hilft das im Zusammenhang mit Stress? Meine Einträge in meinem Dankbarkeitstagebuch habe ich meistens abends geschrieben. Das hat mir dabei geholfen mit einem guten Gefühl ins Bett zu gehen und einschlafen zu können, ohne einem nicht enden wollenden Gedankenkarussell ausgeliefert zu sein. Das hat zwar nicht in jeder Nacht funktioniert, aber die guten Nächte haben eindeutig überwogen 😉 Andere Menschen berichten davon, die Einträge am liebsten morgens zu schreiben, um direkt mit einer positiven Einstellung in den Tag zu starten. Auch das klingt für mich nach einer guten Idee. Das größere Bewusstsein für die kleinen Freuden des Alltags hat mir in den letzten Monaten auch immer wieder mitten am Tag ein Lächeln auf das Gesicht gezaubert und dabei geholfen, insgesamt etwas Positiver zu denken. Ich habe gelernt, Dinge wertzuschätzen, über die ich vorher hinweggesehen habe und das möchte ich nicht mehr missen. Außerdem hat es mir neues Vertrauen in Gottes Wirken geschenkt. Denn seitdem ich mehr und mehr erkenne, an wie vielen Stellen Gott in meinem Leben wirkt, fällt es mir auch leichter, darauf zu vertrauen, dass das auch in Zukunft so sein wird. Das soll nicht heißen, dass ihr euch alle ein Dankbarkeitstagebuch zulegen müsst, um euren Stress zu bekämpfen. Aber ich kann euch auf jeden Fall empfehlen, euch öfter mal die Zeit zu nehmen, darüber nachzudenken, wofür ihr dankbar sein könnt. Mir hilft es dabei, die Dinge aufzuschreiben - auch um hin und wieder mal zurückzublättern und staunend festzustellen, wie viel mittlerweile zusammengekommen ist. Aber für diejenigen, denen das nicht liegt, gibt es bestimmt auch andere Möglichkeiten mehr Dankbarkeit in den Alltag zu integrieren. 3. „Denkt an den Sabbattag, um ihn heilig zu halten.“ (2. Mose 20, 8) Denke ich, dass wir als Christen heute noch verpflichtet sind, den Sabbat zu halten? Nein. Aber ich glaube, dass wir aus dem Prinzip des Sabbats viel lernen können. Denn auch das Sabbatgebot ist keineswegs ein Gebot, dass von Gott zum Selbstzweck eingeführt wurde. Ganz im Gegenteil: Wie auch seine anderen Gebote, verfolgt das Sabbatgebot den Zweck, dass es uns dadurch besser geht. Oder wie Jesus es ausdrückt: „Der Sabbat ist um des Menschen willen geschaffen worden und nicht der Mensch um des Sabbats willen.“ (Markus 2, 27) Es ist ein bisschen so, wie wenn unsere Eltern uns sagen, dass es keine gute Idee ist, sich nur von Süßigkeiten zu ernähren. Wenn wir dann nach 3 Tafeln Schokolade und einer Tüte Bonbons mit Bauchschmerzen im Bett liegen, fällt uns auf, dass es tatsächlich einfach nicht gut für uns ist. An Stelle von Süßigkeiten warnt uns das Sabbatgebot davor, uns zu überarbeiten. Was wir aus dem Sabbatgebot lernen können, ist deswegen ganz simpel: Wir Menschen brauchen Pausen. Wenn ich ganz ehrlich zu mir bin, finde ich es wenig überraschend, dass Gott extra ein Gebot dafür einführen musste, um uns das klar zu machen. Ich persönlich neige auch dazu, mich im hektischen Alltagstrubel zu verlieren ohne mir eine Pause zu gönnen oder meine „Pausen“ mit Aktivitäten zu füllen, die mir auch keine Ruhe verschaffen. Das Prinzip des Sabbats ist im Grunde sehr einfach, aber kann sehr wirkungsvoll sein. Ein freier Tag in der Woche kann uns wieder neue Kraft für die nächste Woche schenken. Einen Sabbattag zu haben muss dabei nicht bedeuten, dass man den ganzen Tag nichts tut. Aber wir sollten uns bewusst Gedanken darüber machen, wie wir diese Zeit nutzen wollen. Gibt es Dinge, die euch Freude bereiten, aber für die ihr euch zu wenig Zeit nehmt? Das klingt nach einer guten Aktivität für einen Sabbattag. Habt ihr in der Woche zu wenig Zeit für eure Familie? Nutzt den Sabbat dazu, Zeit miteinander zu verbringen. Ein guter Maßstab könnte auch sein: Alles, was Stress auslöst, ist verboten. Ich persönlich finde zum Beispiel auch die jüdische Tradition sehr passend, das Haus oder die Wohnung für den Sabbat vorzubereiten, indem aufgeräumt, geputzt und gespült wird, sodass für den Sabbattag alles bereit ist. Dass man dabei nicht jede Einzelheit aus der jüdischen Tradition befolgen muss, versteht sich hoffentlich wie von selbst. Aber wenn man wie ich zu den Menschen gehört, bei denen die Unordnung der eigenen Gedanken und der Wohnung in engem Zusammenhang stehen, kann diese „Sabbatvorbereitung“ bestimmt ein hilfreicher Schritt sein. Was wir am Sabbat nicht vergessen sollten, ist diese gewonnene Zeit auch für Gott zu nutzen und uns auch für ihn an diesem Tag Zeit zu nehmen. Ich kenne auch einige Menschen, die aus diesem Grund den Sonntag zu ihrem persönlichen Sabbat gemacht haben, um sich voll und ganz auf Gott und die Gemeinde konzentrieren zu können. Ich möchte auf jeden Fall in meinem nächsten Semester wieder darauf achten, mir einen Tag in der Woche frei zu halten und bewusst nur mit Aktivitäten zu füllen, die mir dabei helfen, wieder Kraft zu tanken. Vielleicht hat der ein oder andere von euch ja Lust mitzumachen. Eine ewige Ruhe Neben diesen Hilfen für den Alltag hält die Bibel natürlich auch noch etwas Langfristigeres bereit. Denn Gott hat den Israeliten nicht nur immer wieder seine Hilfe zugesagt, wenn sie in Bedrängnis waren, sondern er hat ihnen auch versprochen, dass es diese Bedrängnis irgendwann nicht mehr geben wird. Das gleiche gilt auch für uns. Während die Hilfsmittel, die ich oben beschrieben habe, nur eine Hilfe in sowieso schon stressigen Zeiten sind, haben wir außerdem das Versprechen, dass wir eine Zeit erleben werden, in der es diesen Stress nicht mehr gibt. Mit Gottes Reich wird die ewige Sabbatruhe beginnen, die die Welt so dringend braucht und wir dürfen die Hoffnung haben, Teil davon zu sein. Auch das sollten wir nicht vergessen und uns immer wieder die Hoffnung vor Augen führen, dass unsere ewige Ruhe noch aussteht. „Denn wenn Josua sie in die Ruhe gebracht hätte, würde er danach nicht von einem anderen Tag geredet haben. Also bleibt noch eine Sabbatruhe dem Volk Gottes übrig.“ (Hebräer 4, 8 + 9) Bis zum nächsten Mal! Eure Lea
- Nach der Wahl ist vor der Wahl
Der Wahltag Gestern war in Deutschland die Bundestagswahl. Und um es gleich vorwegzunehmen. Ich war aus Überzeugung nicht wählen. Ja, ich habe davon Gebrach gemacht, dass es in Deutschland keine Wahlpflicht gibt. Im Wahllexikon des Bundeswahlleiters habe ich folgendes entdeckt: "In der Bundesrepublik Deutschland besteht keine Wahlpflicht. Anders ist dies beispielsweise in Belgien, Griechenland, Luxemburg und Zypern. Wählt ein Wahlpflichtiger ohne ausreichende Begründung nicht, kann dort eine Geldstrafe verhängt werden. Nach deutscher Auffassung würde die Wahlpflicht der Wahlfreiheit zuwiderlaufen. Selbstverständlich besteht eine gewisse moralische Pflicht, an der Wahl teilzunehmen („Wahlrecht ist Wahlpflicht“)." (Stand: 1. Dezember 2015 https://www.bundeswahlleiter.de/service/glossar/w/wahlpflicht.html Zugriff: 25.09.2021) Dass es in manchen Nachbarländern eine Wahlpflicht gibt, finde ich interessant und hat mich überrascht. Dort würde ich dann sicherlich wählen gehen. In Deutschland muss ich es nicht. Gehen Christen wählen? Im Netz habe ich dazu die ganze Bandbreite von Aussagen gefunden. Viele Christen sprachen sich dafür aus, sich an der Wahl zu beteiligen. "Durch die Wahl kann ich die Gesellschaft mitgestalten, in der ich wohne." Oft gab es auch das Argument, durch eine Wahlenthaltung würde der Anteil der extremen Parteien größer werden. In einem YouTube Video konnte ich die Argumentationskette eines Christen verfolgen, der aus "christlicher Erkenntnis" die Wahl ablehnt. Er behauptet am Ende sogar, dass die Wahlenthaltung heilsentscheidend für Gott sei. Mit anderen Worten: Wenn ein Mensch wählen geht, gibt er Gott die Begründung, diesen Menschen abzulehnen und nicht an seiner Auferstehung teilhaben zu lassen. Häufiger biblischer Ausgangspunkt der Überlegungen ist der Römerbrief, der das Thema, der Christ und die staatliche Ordnung, behandelt: 1 Jeder soll sich den Behörden und Amtsträgern des Staates unterordnen. Denn es gibt keine staatliche Macht, die nicht von Gott kommt; jede ist von Gott eingesetzt. 2 Wer sich also den Regierenden widersetzt, handelt gegen die von Gott gegebene Ordnung und wird dafür von ihm verurteilt werden. 3 Wer gut und richtig handelt, braucht die staatliche Macht ohnehin nicht zu fürchten; das muss nur, wer Böses tut. Wollt ihr also ohne Angst vor Bestrafung leben, dann tut, was richtig und gut ist, und euer Verhalten wird Anerkennung finden. 4 Die Staatsgewalt steht im Dienst Gottes zum Nutzen jedes Einzelnen. Wer aber Unrecht tut, muss sie fürchten, denn Gott hat ihr nicht ohne Grund die Macht übertragen, Strafen zu verhängen. Sie handelt im Auftrag Gottes, wenn sie unbestechlich alle bestraft, die Böses tun. 5 Es sind also zwei Gründe, weshalb ihr euch der staatlichen Macht unterordnen müsst: zum einen, weil euch sonst das Urteil Gottes droht, zum andern, weil schon euer Gewissen euch dazu auffordert. 6 Die Vertreter des Staates üben ihren Dienst im Auftrag Gottes aus, deshalb zahlt ihr ja auch Steuern. 7 Gebt also jedem, was ihr ihm schuldig seid. Zahlt die Steuern, die man von euch verlangt, ebenso den Zoll. Unterstellt euch der staatlichen Macht und erweist denen, die Anspruch darauf haben, den notwendigen Respekt. (Römer 13, 1-7) Etwas vereinfacht dargestellt leiten die Befürworter des Wahlgangs ab, dass es sich um eine Staatspflicht handelt, der ein Christ nachkommen soll. Die Wahlverweigerer vertrauen darauf, das Gott die Ordnung einsetzt und wollen deshalb keinen Einfluss darauf nehmen. Es scheint also eine echte Gewissensendscheidung zu sein. Sie spiegelt den Stand der eigenen Überlegungen und Erfahrungen wieder. Und das ist aus meiner Sicht auch gut so. Darin eine Frage über Leben und Tod zu erkennen, fällt mir sehr schwer. Das Geschenk der Gnade wird in diesem Moment mit Füßen getreten. Das Programm Die Parteien, die am Sonntag zur Wahl standen, hatten alle ein Wahlprogramm. Damit wollten sie sich von ihren Mitbewerbern unterscheiden und darstellen, wofür sie stehen. Sozusagen hat GOTT auch ein Wahlprogramm geschrieben. Die Bibel Im ersten Teil beschreibt er die Situation der Menschen und der Schöpfung. Er erwählt ein Volk und beschreibt die Erlebnisse mit ihm. Hier bekommt der Mensch eine Idee von dem Sinn seines Lebens. Im zweiten Teil, um im Bild der Wahl zu bleiben, wird das Leben des Spitzenkandidaten beschrieben. Jesus Christus ist sein Name. Der Leser erfährt, was ihm und seiner "GOTT" Partei wichtig ist. Und er bleibt nicht nur theoretisch sondern er zeigt und durchlebt aktiv die Lösung des Menschheitsproblems. Er überwindet den Tod. Danach lebt er weiter bei Gott und wartet auf die Rückkehr zur Erde, um endgültig das Reich Gottes herzustellen. Zwischenzeitlich sorgen die Nachfolger Christi für die Verbreitung des Wahlprogramms. Dabei versäumen sie es nicht, es auch praktisch umzusetzen. Hierzu heißt es weiter im Römerbrief zum wichtigsten Gebot: 8 Bleibt keinem etwas schuldig! Was ihr einander allerdings immer schuldet, ist Liebe. Wer nämlich seine Mitmenschen liebt, der hat Gottes Gesetz erfüllt. 9 Die Gebote: »Du sollst nicht die Ehe brechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; begehre nicht, was anderen gehört« und alle anderen Gebote sind in einem Satz zusammengefasst: »Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst.« 10 Denn wer seinen Mitmenschen liebt, tut ihm nichts Böses. So wird durch die Liebe das ganze Gesetz erfüllt. (Römer 13, 8-10) Für diejenigen, die sich weiter informieren möchten, schlage ich die Bergpredigt von Jesus vor. Im Kapitel 5 des Matthäusevangeliums fasst der "Spitzenkandidat" kurz und knackig, sozusagen in einem "Monoell", seine wichtigsten Standpunkte zusammen. Über die Verbreitung der Idee und ihrer Partei wird in der Apostelgeschichte erzählt. Die ersten Nachfolger Christi reisen durch die damalige, bekannte Welt und erzählen den Menschen von der Idee der Partei und wie sie an dem zukünftigen Reich teilnehmen können. Echt spannend. Die Wahl Zu Beginn sagte ich bereits, dass ich am Sonntag nicht gewählt habe. Besser gesagt habe ich nicht mehr gewählt, seitdem ich bei "Jesus Christus" und der "GOTT" Partei mein Kreuz gemacht habe. Seitdem bin ich beruhigt. Natürlich tue ich das, was von mir in dieser Gesellschaft erwartet wird. Gern setze ich mich für die Bewahrung der Schöpfung nach meinen Möglichkeiten ein. Versuche nachhaltige Entscheidungen zu fällen. Auch hier inspiriert mich der Schreiber des Römerbriefes weiter dadurch, was er zum Leben im Licht Gottes schreibt: 11 Liebt also eure Mitmenschen, denn ihr wisst doch, dass es an der Zeit ist, aus aller Gleichgültigkeit aufzuwachen. Unserer endgültigen Erlösung sind wir jetzt näher als zu Beginn unseres Glaubens. 12 Bald ist die Nacht vorüber, und der Tag bricht an. Deshalb wollen wir uns von den Taten trennen, die zur Dunkelheit gehören, und uns stattdessen mit den Waffen des Lichts rüsten. 13 Lasst uns ein vorbildliches Leben führen, so wie es zum hellen Tag passt, ohne Fressgelage und Saufereien, ohne sexuelle Zügellosigkeit und Ausschweifungen, ohne Streit und Eifersucht. 14 Legt all das ab und zieht Jesus Christus wie ein neues Gewand an: Er soll der Herr eures Lebens sein. Darum passt auf, dass sich nicht alles um eure selbstsüchtigen Wünsche und Begierden dreht! (Römer 13,11-14) Ja, ich habe gewählt. Und die Versprechungen des "Spitzenkandidaten" und aus dem "Wahlprogramm" werden umgesetzt. Davon spricht die Gerechtigkeit Gottes. Es wird passieren. Und solange kann ich sagen: "Ich gehe meinen Weg mit Gott und Jesus. So werde ich das Ziel erreichen. Ein Leben in Frieden und Freiheit, in einer wunderbaren, wiederhergestellten Natur." In diesem Sinne wünsche ich dir eine gute Wahl. Ingo Falls sich jemand für den erwähnte YouTube Beitrag interessiert, kann er mir gerne schreiben. Bei Fragen oder ausführlichen Kommentaren natürlich auch. Email an: ingo@einfach-biblisch.de Die Bibelzitate sind aus der Übersetzung Hoffnung für Alle® (HFA) Ingo Tauchert
- Immer noch da
In letzter Zeit ist es still geworden in meiner Beziehung mit Gott. Nicht, weil Gott sich zurückgezogen hätte – ich bin es, der viel zu wenig Zeit und Energie in unsere Beziehung steckt. Wenn ich mir überlege, wie unglücklich ich schon damit bin, dann kann ich nur erahnen, wie traurig Gott sein muss. Und trotzdem lässt er mich nicht los, das habe ich in der letzten Woche wieder eindrücklich erleben dürfen. Er ist immer noch da! Der Grund für die Stille, die ich zwischen mir und Gott erlebe, ist so einfach wie dumm: Es passiert so viel, worüber ich mir Gedanken mache oder mich sorge, dass ich mich 25 von 24 Stunden am Tag nur mit mir selbst beschäftige und dabei in Stress, Sorgen oder einfach nur Dingen, die erledigt werden müssen, versinke. Es geht mir nicht schlecht und ich stehe nicht vor großen Problemen, aber der einfache Alltag reicht schon, um jede Ecke in meinem Kopf einzunehmen. Könnte ich Gott in all diese Dinge einbeziehen und würde er mir den ganzen Stress und die Last von den Schultern nehmen? Auf jeden Fall! Tu ich das? Leider viel zu selten. Darum hat Gott mir wohl letzte Woche mal wieder nahelegen wollen, wie einfach es sein könnte. Unter allem, worüber ich mir Tag für Tag so Gedanken mache, war ein Thema in letzter Zeit besonders dominant: mein anstehendes Personalgespräch. Ich bin grundsätzlich sehr zufrieden mit meiner Arbeit und ich war mir vor dem Gespräch auch relativ sicher, dass meine Arbeit mit mir zufrieden ist. Ich hatte meiner Erinnerung nach alle Deadlines eingehalten und sogar ein paar mehr Projekte umgesetzt, als eigentlich in der Zeit zu schaffen gewesen wären. Mit den Ergebnissen war ich sogar auch größtenteils zufrieden. Trotzdem ließ mir das anstehende Gespräch mit meinen Vorgesetzten keine Ruhe. Was, wenn ihr Empfinden meiner Leistung komplett anders war als meins? Hatte ich vielleicht einige Erwartungen nicht erfüllt, ohne es zu bemerken? Ist unser Verhältnis vielleicht nicht so gut und entspannt, wie ich es wahrgenommen hatte? Würde ich merken, wenn etwas im Argen liegen würde? Und dann war da noch ein Thema, was mich – zu meiner großen Unzufriedenheit – besonders beschäftigte: das liebe Geld. Geht es mir finanziell schlecht oder habe ich Probleme, meine Familie zu versorgen? Überhaupt nicht! Selbst jetzt, wo meine Frau schon seit fast 2 Jahren in Elternzeit ist und nur einen kleinen Teil ihres sonstigen Gehalts bekommt, geht es uns wunderbar. Und trotzdem machte ich mir eine Menge Gedanken um die anstehende Gehaltsverhandlung. Ich verdiene genug … aber dann natürlich auch wiederum nicht so viel wie andere. In einem Lied, das ich sehr mag („The Me You Made“ von Matthew West) heißt es: „Comparison ist he thief of joy“. Wie wahr! Was meinen Neid bzw. meine Gier noch einmal besonders anfachte war, dass ich vor kurzem erfahren hatte, was andere in ähnlichen Jobs und zum Teil mit Tarifverträgen verdienten. Dieses Wissen, gepaart mit der Erwartung, dass es dieses Jahr (durch Corona, etc.) einen noch strengeren Deckel für die Möglichkeiten der Gehaltserhöhung geben würde als sonst, ließ meine Gedanken nur noch mehr kreisen. So habe ich also über die letzten Wochen vor allem mit dem Grübeln über die Gehaltsfrage viel mehr Zeit verbracht als mir lieb war. Zeit, die ich nicht in meine Beziehung mit Gott investiert habe. Ich denke, für mich war das Sünde. Nicht eine der Formen von Sünde, die man vermutlich aufgezählt bekäme, wenn man Menschen in der Fußgängerzone fragt, was der Begriff bedeutet … aber trotzdem Sünde. Viele würden Sünde vermutlich als etwas definieren, was gegen Gottes Willen verstößt und ihn deshalb verärgert. Ich habe kürzlich eine viel praktischere Definition gehört, die sich sehr gut für die schnelle Einschätzung im Alltag eignet: Sünde ist, was mir oder anderen schadet*. Wer schon mehrere meiner Artikel gelesen hat, weiß wahrscheinlich, dass sich diese Definition besser mit meinem Verständnis Gottes und der Bibel deckt, als zu sagen: Sünde ist, wenn ich gegen irgendein Gebot verstoße. In meinem Fall bin ich überzeugt, dass meine Gedanken sündig waren (um noch mal dieses uralte und mit vielen falschen Vorstellungen beladene Wort zu benutzen), da sie mir selbst geschadet haben. Sie haben nicht nur all meine Zeit beansprucht und mich damit von Gott entfernt, sondern sie haben mich auch ganz einfach unglücklich gemacht. Und das hat obendrein sicherlich auch Gott unglücklich gemacht. Am Tag vor meinem Personalgespräch war ich also an dem Punkt, dass ich mir genau überlegt und aufgeschrieben hatte, welche Aspekte meiner Arbeit ich besonders hervorheben sollte, um im besten Licht dazustehen, wie viel mehr Geld sich faktisch hinter welcher prozentualen Erhöhung verbergen würde, bei welchem Prozentsatz ich anfangen wollte zu verhandeln und bei welchem ich wie viel Unmut äußern würde, was ich als Alternativen zu mehr Gehalt in der Hinterhand haben könnte, um nicht komplett unzufrieden aus dem Gespräch zu gehen und wie ich argumentieren könnte, dass der eventuell begrenzte Spielraum meiner Chefin kein Grund sein muss, mir nicht trotzdem mehr Geld zu geben. Ich war perfekt auf eine taffe Verhandlung vorbereitet – und fühlte mich grässlich damit. Das war der Punkt, an dem ich endlich tat, was ich schon so lange hätte tun sollen: ich fing an zu beten. Ich öffnete Gott mein Herz und schüttete ihm alles aus, was mich bedrückte. Ich erzählte von meiner Unzufriedenheit mit der Situation, von den ganzen Gedanken, die in meinen Augen falsch waren, und vor allem davon, wie schrecklich ich mich fühlte in meiner neuen Rolle als kalkulierter, gieriger Verehrer des „Mammons“. Ich musste an eine Bibelstelle denken, die ich auch schon in diversen anderen Beiträgen erwähnt habe: „Deshalb sage ich euch: Seid nicht besorgt für euer Leben, was ihr essen und was ihr trinken sollt, noch für euren Leib, was ihr anziehen sollt! Ist nicht das Leben mehr als die Speise und der Leib mehr als die Kleidung? Seht hin auf die Vögel des Himmels, dass sie weder säen noch ernten noch in Scheunen sammeln, und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr nicht viel wertvoller als sie? Wer aber unter euch kann mit Sorgen seiner Lebenslänge eine Elle zusetzen?“ (Matthäus 6,25-27) Also sagte ich abschließend zu Gott: „Ich will nicht mehr, dass diese blöde Geldfrage mich so einnimmt. Ich möchte mir weder darüber Gedanken machen, noch um meine Leistungen, über etwaige Kritik oder sonst irgendwas, was mich jetzt so lange beschäftigt hat. Ich will einfach darauf vertrauen, dass du dich um mich kümmerst und alles so leitest, dass es gut wird – egal was das bedeutet. Vor allem will ich mich nicht selbst darstellen müssen als herausragenden Mitarbeiten, der aus diesem und jenem Grund viel mehr Gehalt verdient. Es widert mich an. Vielleicht gibt es ja sogar eine Möglichkeit, dass ich gar nicht verhandeln und mich selbst anpreisen muss? Das wäre wunderbar! Lass bitte einfach passieren, was du für richtig hältst.“ Könnt ihr euch vorstellen, was das Ende vom Lied war? Das Gespräch hätte positiver kaum sein können. Meine Vorgesetzten waren überaus zufrieden mit mir und meiner Leistung im letzten Jahr. Es gab nur einen kleinen Kritikpunkt, der aber überhaupt nicht schwer ins Gewicht fiel und nicht mal wirklich negativ war. Und dann ging es an die Gehaltsverhandlung. Der Teil, vor dem ich die meisten Bauchschmerzen hatte. Meine Abteilungsleiterin leitet ironischer Weise in etwa mit den Worten ein: „Du hast dir ja bestimmt Gedanken gemacht über das Gehaltsthema?“ … wenn sie wüsste! :-D Was sollte ich also sagen? Vor Gott hatte ich mir gewünscht, dass ich gar nichts sagen müsste … also versuchte ich es mit einem: „Was bin ich denn in deinen Augen wert?“ Und mehr musste ich nicht mehr sagen. Ich will hier nicht mehr ins Detail gehen als nötig, aber ich kann sagen, dass es noch erfreulicher verlaufen ist, als ich mir gewünscht hätte. Vielleicht lag das daran, dass ich vorher viel schlechter verdient habe als andere in der Abteilung (man spricht ja nicht darüber) … vielleicht hatte ich auch wirklich herausragend gute Arbeit geleistet … Für mich lag es aber ganz allein daran, dass ich gebetet hatte. Ich bin überzeugt, dass das Gespräch anders verlaufen wäre, wenn ich mich auf mich selbst verlassen und aus eigener Kraft versucht hätte, das bestmögliche rauszuholen. Das ist das Amüsante am Leben mit Gott: Meine Chefin weiß, warum sie mir mehr Geld gegeben hat. Aber egal, was ihr Grund gewesen ist, kennen ich und Gott einen weiteren Grund, von dem sie vermutlich nicht mal etwas ahnt! 😊 So hat Gott mir letzte Woche gezeigt, wie gut ich daran tue, mich nicht auf mich selbst, sondern auf ihn zu verlassen. Während ich diesen Text schreibe, wird mir erst richtig klar, wie viel leichter sich alles anfühlt, jetzt, wo ich Gott wieder richtig in mein Leben eingeladen habe. Und ich habe mal wieder gelernt: Egal wohin ich mich verirrt habe und komplett verloren versuche im Dunkeln den richtigen Weg zu finden – wenn ich innehalte und mich besinne, dann ist da jederzeit eine helfende Hand. Auch wenn ich komplett im Alltag verloren gehe und ihn nicht mehr sehe – Gott ist immer noch da. „Kehre zurück, meine Seele, zu deiner Ruhe! Denn der HERR hat dir Gutes erwiesen.“ (Psalm 116,7) Gottes Segen und bis zum nächsten Mal Euer Daniel *Die Definition stammt aus: John Launchbury: Sin and the poverty of law (https://www.pressonjournal.org/blog/sin-and-the-poverty-of-law) Alle Bibelzitate sind aus der Elberfelder Bibelübersetzung.
- Einschlafen
Auf der linken Seite, auf der rechten Seite, auf dem Bauch? Auf dem Rücken? Mit Musik, Hörspiel, -buch oder Meditation? Beim Lesen? Ein Thema, das mich im Moment viel beschäftigt. Wenn ich abends endlich im Bett liege, fängt das „Gedankenkarussell“ sich an zu drehen. Immer schön im Kreis, mal links, mal rechts herum. Ich bin so müde und würde am liebsten einfach den „Ausknopf“ drücken. Aber ich lasse den Tag Revue passieren, gehe die „To-Do-List“ für den nächsten Tag durch und so ziehen langsam aber sicher auch die alltäglichen Sorgen an mir vorbei. Einkaufsliste, Packliste für das Babyschwimmen. Andere Termine. Welche Wäsche muss gewaschen werden? Wie bekomme ich Breiflecken aus der Kleidung? Kann ich den Brei auch einen Tag mal weglassen? Warum habe ich Kopf- und Nackenschmerzen? Wie kann ich das verändern? Soll oder darf ich wählen gehen oder nicht? Was macht mich gerade wütend? Mache ich alles richtig? Bin ich ein guter Mensch? Usw. Dann möchte ich am liebsten Googlen. Das habe ich mir aber zum Glück fast abgewöhnt (auf jeden Fall am Abend), indem ich mein Smartphone auf dem Flur lasse und dort auflade. Aber häufiger nehme ich es doch mit ins Bett und überwinde mich ein Hörspiel einzuschalten. Am liebsten etwas aus der Kindheit. Wer errät es? Die Leser*Innen, die mich gut kennen, wissen es vielleicht. Am liebsten bin ich auf dem Martinshof unterwegs. Bei Bibi und Tina. Mal sehen, was die beiden, Sabrina und Amadeus (ihre Pferde) heute wieder erleben? Meistens bekomme ich nicht viel mit. Eine Minute zuhören und ich bin im Schlafkoma. Das ist mein absolutes Wundermittel um richtig abzuschalten. Funktioniert bei mir besser als jede Meditation. Am besten gefallen mir die Folgen mi Bibis Papi Bernhard. Super lustig. Und der Erzähler, der immer mittendrin im Geschehen ist, mitfühlt und fast einen „Live Kommentator“ abgibt. Einfach cool. Nicht so cool ist es, dass Gebete und Bibellese für mich leider nicht sehr hilfreich sind (außer Daniels super Meditation "Wer Ohren hat, der höre". Kannst du davon mal eine Serie machen?) Also komme ich eher selten dazu. Wenigstens habe ich jetzt angefangen, immer mal wieder unserem Sohn aus der Kinderbibel vorzulesen, aber er ist abends meistens so müde, dass er nicht mal mehr ein Buch braucht um in Ruhe einzuschlafen – der Glückliche (meistens reicht ein einfaches Mulltuch zum Nesteln, mal ausgenommen er bekommt nicht gerade Zähnchen und hat somit die gleichen Probleme wie ich. Aber dann hilft auch kein Buch, sondern nur ganz viel Nähe und Kuscheln). Vielleicht sollte mir vor dem Einschlafen noch mehr bewusst werden, dass Gott und Jesus über mir wachen und mich beschützen. Natürlich gilt das auch für euch. Ich könnte ja mal diesen Vers auswendig lernen, dann werden die Sorgen vielleicht kleiner und ich ruhiger und entspannter. Ich will mich in Frieden hinlegen und schlafen, denn du allein, HERR, gibst mir Geborgenheit. (Psalm 4, 9 NLB) Wenn ihr auch Schwierigkeiten beim Einschlafen habt und Verse auswendig lernen nicht so euer Ding ist, könnt ihr auch mal Lisas letzten Beitrag lesen. Ganz tolle Bibelstellen (und ein Lied), die beruhigen und das Leben ein bisschen leichter machen "Kontrolle ist eine Illusion und Hilflosigkeit der Normalzustand"). Danke dafür! Eure Freya Rise up and shine! Oder auch gesegnete Nacht und träumt schön! 😊
- Wie geht's dir?
Ein Kunde betritt den Laden. Ich stehe hinter dem Käsetresen und packe Käse sorgfältig in Folie ein. Aus dem Augenwinkel registriere ich ein bekanntes Gesicht, jemanden den ich schon lange nicht mehr gesehen habe. Wir sehen uns, freuen uns und fragen uns: „Wie geht es dir?“. Was folgt? Jetzt kann sich der geneigte Leser ausmalen, wie es weitergehen könnte. Kratze ich nur höflich an der Oberfläche oder möchte ich wirklich eine ehrliche Antwort. Kann ich ehrlich antworten? Die schnelle Variante „Gut – und selber?“ lenkt von mir ab. Da ist kein Platz mehr für die unschönen Dinge des Lebens, Probleme oder Trauer. „Gut“ – signalisiert: ich habe mein Leben im Griff, du brauchst nicht weiter fragen. Diese Art der Begrüßung, wie sie auch im englischsprachigen Raum gerne benutzt wird, empfinde ich als reine Floskel. „How are you?“ – „Fine – Thank's“. Und welchen Käse kann ich dir verkaufen? Andererseits kann es auch passieren, dass sich der alte Bekannte öffnet und dir plötzlich erzählt, was ihn gerade so umtreibt. Es verändert sich etwas, wenn ich „Gut“ durch ein adäquates Wort wie z. B. „ich bin zufrieden“ oder „gerade sehr trubelig, komme kaum zur Ruhe“ ersetze. Manchmal erkenne ich durch die Antwort auf meine Frage: „Wie geht's dir?“, ob das Nachfolgende oberflächlich bleibt oder ein wirklicher Austausch gewünscht wird und zustande kommt. Wenn ich bereit bin, auf diese einfache Frage mal ausführlich zu antworten, was erwarte ich dann? Oder andersherum: Öffnet sich mein Gegenüber und schüttet mir sein Herz aus, was mach ich damit? Mein Gegenüber ist mein Nächster. Das bringt mich zu einer Facette der Nächstenliebe. „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst.“ (Markus 12,31) „... wie dich selbst“ bedeutet für mich in diesem Kontext, ich möchte mich nicht selbst belügen und ehrlich mit mir und dem Nächsten sein. Und das ist so oft viel mehr als einfach „Gut – danke“. Gott und Jesus wissen, was in mir vorgeht und wie es um mich steht. Das verbindet mich sehr mit ihnen, macht mich sicher und hoffnungsvoll positiv. Kann das mit den Menschen um mich herum genauso gehen? Ich denke ja! Nicht, dass das so endet wie im Psalm 142: „Nirgendwo will man etwas von mir wissen. Ich finde keine Hilfe mehr, und keiner kümmert sich um mich.“ (Psalm 142,5) Nehme ich mir Gott und unseren Herrn Jesus zum Vorbild, dann habe ich ein offenes Ohr, höre zu, nehme wahr und fühle mit. Dann weine ich mit den Weinenden und lache mit den Lachenden. „Freut euch mit den Fröhlichen! Weint auch mit den Trauernden!“ (Römer 12,15) Bin ich der Erzählende, dann bekomme ich nicht immer prompt eine Antwort auf meine Fragen oder eine passgenaue Lösung von Gott präsentiert. Und genau das will ich auch nicht, wenn ich meinem Nächsten von meinen Problemen und Nöten erzähle. Darum geht es in erster Linie dann gar nicht. Sondern um einen Mitwissenden, um eine Begleitung. Der Kunde vom Käsetresen, siehe oben, erzählte mir dann, dass er gerade aus der Innenstadt in einen ruhigen Vorort umgezogen ist und wie schön es ist, wieder einen kleinen Garten zu haben und morgens von Vogelgezwitscher geweckt zu werden. Allerdings gibt es noch keine Küche ... dafür ein leckeres Stück Bergkäse von mir. Wie geht es euch damit? Benutzt ihr auch gerne mal ein schnelles „Gut“, um Nachfragen aus dem Weg zu gehen? Hört ihr zu, wenn euch was erzählt wird und versucht ihr auch mal die Sichtweise des Erzählenden einzunehmen? Ich nehme mir vor, daran zu denken und ehrlich Interesse zu zeigen und authentisch zu antworten. – Danke der Nachfrage! Eure Ulrike Die Bibelzitate sind aus der Übersetzung "Hoffnung für alle" entnommen
- „Kontrolle ist eine Illusion und Hilflosigkeit ist der Normalzustand“
Vor einer Weile habe ich mit meinem Mann zusammen einen Podcast von "Netztheologen" gehört. Der Podcast heißt Biotracking: Wie Fitbit, Schrittzähler und Statistik unser Menschenbild verändern (https://open.spotify.com/episode/0p3k26ZHMgRXRrlgmRfJue). In dem Podcast reden die beiden Moderatoren Roman und Chris über Körperdaten aus verschiedenen Apps, seien es Apps, die die Fitness tracken oder aber auch Zyklus-Apps für Frauen, und die Auswirkungen dieser Daten auf unser Menschenbild. Es geht dabei zum Beispiel darum, ob man sich zu sehr mit dem „normalen Durchschnittsmenschen“ vergleicht, aber auch darum, wie diese Daten vielleicht doch sinnvoll genutzt werden könnten. Roman vertritt dabei die eher theologische Sichtweise und Chris klärt über die wissenschaftlich-technische Sichtweise auf. An einer Stelle bin ich beim Zuhören besonders hängen geblieben. Es geht mir eigentlich nur um einen Satz, den Chris von seinem Pastor zitiert hat, aber damit ihr das auch etwas einordnen könnt, werde ich euch eine kurze Zusammenfassung der Stelle geben. 😉 Chris und Roman haben über die Abhängigkeit gehandicapter bzw. kranker Menschen geredet. Viele Menschen sind auf Medikamente oder auch technische Hilfsmittel angewiesen, um zu überleben. Dadurch machen sie eine Erfahrung, die gesunde Menschen in dem Ausmaß nicht machen können. Eigentlich würde man sagen, dass die Gesunden den Kranken etwas voraushaben, da sie ja nicht abhängig sind von Medikamenten beispielweise. Chris und Roman haben dann allerdings erwähnt, dass alle Menschen in gewisser Weise abhängig sind, sei es von der Luft, die wir atmen oder Geld, damit wir uns etwas zu Essen kaufen können. Eigentlich ist die Abhängigkeit nichts Negatives, sondern das, was das Menschsein ausmacht. Den gehandicapten oder kranken Menschen ist das nur vielmehr bewusst und die Gesunden verleugnen das und leben somit eigentlich in einer Illusion. An dieser Stelle (Minute 24:34) hat Chris seinen Pastor zitiert, der einmal sagte: „Kontrolle ist eine Illusion und Hilflosigkeit ist der Normalzustand.“ Die Gesunden vergessen das nur immer und verdrängen, wie fragil eigentlich alles ist. Und um genau diesen Satz geht es mir eigentlich: „Kontrolle ist eine Illusion und Hilflosigkeit ist der Normalzustand.“ Es steckt so viel Wahres darin. Wir denken oft, dass wir die Kontrolle über unser Leben haben müssten und wenn das nicht so sein sollte, dann läuft irgendetwas falsch. Doch wie oft stoßen wir an unsere Grenzen und merken, dass es gar nicht so einfach ist, immer die Kontrolle über alles zu behalten? Sind wir nicht eigentlich oft hilflos und wissen nicht, was wir tun sollen? Mir geht es auf jeden Fall oft so. In so vielen Situationen weiß ich nicht weiter und könnte fast an der Situation verzweifeln. Wie gut, dass der Gedankengang an dieser Stelle nicht aufhören muss und wir in unserer Hilflosigkeit ertrinken müssen. Für mich kommt jetzt Gott ins Spiel. ER ist es, auf den wir vertrauen können. ER sorgt und kümmert sich um uns. „Darum sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen werdet, noch um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? Schaut auf die Vögel des Himmels: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in Scheunen - euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht mehr wert als sie? Wer von euch vermag durch Sorgen seiner Lebenszeit auch nur eine Elle hinzuzufügen? Und was sorgt ihr euch um die Kleidung? Lernt von den Lilien auf dem Feld, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht, ich sage euch aber: Selbst Salomo in all seiner Pracht war nicht gekleidet wie eine von ihnen. Wenn Gott aber das Gras des Feldes, das heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird, so kleidet, wie viel mehr dann euch, ihr Kleingläubigen! Sorgt euch also nicht und sagt nicht: Was werden wir essen? Oder: Was werden wir trinken? Oder: Was werden wir anziehen? Denn um all das kümmern sich die Heiden. Euer himmlischer Vater weiss nämlich, dass ihr das alles braucht. Trachtet vielmehr zuerst nach seinem Reich und seiner Gerechtigkeit, dann wird euch das alles dazugegeben werden. Sorgt euch also nicht um den morgigen Tag, denn der morgige Tag wird für sich selber sorgen. Jeder Tag hat genug an seiner eigenen Last.“ (Matthäus 6,25-34) Wie unfassbar schön ist diese Aussicht, vor allem vor dem Hintergrund, dass wir so oft hilflos sind und nicht weiterwissen. Natürlich passieren auch manchmal schlimme Dinge, aber Gott ist trotzdem immer bei uns und stärkt uns dann vor allem auch geistlich. „Fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir! Hab keine Angst, denn ich bin dein Gott! Ich mache dich stark, ja, ich stehe dir bei! Ja, ich halte dich mit der rechten Hand meiner Gerechtigkeit!“ (Jesaja 41,10) Mir gibt das einfach eine Ruhe und Gelassenheit, die ich sonst nicht hätte. Wenn ich mal wieder das Gefühl habe, zu verzweifeln und nicht weiter zu wissen, weiß ich, dass ich einfach nur zu Gott beten muss. Entweder, er hilft mir direkt in der Situation oder ich finde durch Gott Ruhe, Gelassenheit und Frieden mit der Situation. Das ist schon so oft passiert. „Sorgt euch um nichts, sondern lasst in allen Lagen eure Bitten durch Gebet und Fürbitte mit Danksagung vor Gott laut werden. Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken bewahren in Christus Jesus.“ (Philipper 4,6-7) Von "for KING & COUNTRY" gibt es ein sehr schönes Lied, das wunderbar zu diesem Thema passt. Es heißt „Shoulders“ und ich lasse euch hier mal den Spotify-Link da, damit ihr mal reinhören könnt 😉: https://open.spotify.com/album/3JgsuH1i4ddVP4Ke5zf87I Das war jetzt heute wirklich nur ein ganz kurzer Gedanke von mir. Aber ich habe in letzter Zeit so oft festgestellt, dass Gott für mich da ist und für mich sorgt und ich diese Unterstützung von ihm auch tatsächlich häufig brauche. Und dieser Satz aus dem Podcast hat mich einfach etwas wachgerüttelt, dass es wahrscheinlich vielen Menschen so geht. Sei es nun psychisch oder physisch. Da ist es doch einfach wunderbar, jemanden zu haben auf den wir uns so sehr verlassen können und der uns versprochen hat, sich um uns zu kümmern. Ohne dass wir groß etwas dafür machen müssten. Es reicht schon aus, wenn wir sagen: „Gott, ich brauche dich. Bitte sei bei mir und hilf mir.“ Und dann ist er da und leitet uns auf unserem Weg. Eure Lisa ♥
- Mit welchem Maß ihr messt
Einer der wahrscheinlich bekanntesten Aussprüche Jesu ist „Mit welchem Maß ihr messt, wird euch gemessen werden.“ (Markus 4, 24) Die meisten kennen diesen Vers vermutlich schon seit einer langen Zeit. Schon früh wird uns dieser Vers an die Hand gegeben, um uns zu lehren, dass wir nicht über andere richten sollen. Häufig beziehen wir die Stellen oben auf die Verhaltensweisen unserer Mitmenschen. Wahrscheinlich fallen jedem sofort Menschen ein, über die man sich nur zu gerne aufregt. Die Drängler, die uns mit dem PKW an der Stoßstange oder mit dem Einkaufswagen in den Fersen hängen. Der eine Kollege, der immer wieder Lob für die Arbeit anderer einheimst. Der eine Freund, der immer das letzte Stück Pizza isst ohne vorher zu fragen, ob es noch jemand haben möchte. Aber wenn ich euch sage, dass wir auch diese Menschen annehmen und nicht verurteilen sollen, ist das vermutlich für niemanden etwas Neues. Ich will damit nicht sagen, dass es einfach wäre. Auch mir rutscht oft das ein oder andere Schimpfwort heraus, wenn ich es auf der Straße mit Verkehrssündern zu tun habe oder ich lasse mir an der Supermarktkasse betont etwas länger Zeit, wenn mein Hintermann meint, mich mit seinem Einkaufswagen anschieben zu müssen. Also nein – einfach ist es nicht, auch diesen Menschen liebevoll zu begegnen. Aber es soll nicht das Thema dieses Beitrages sein. Ich möchte mich heute mit einem anderen Aspekt des Richtens beschäftigen. Das Richten über Ansichten Vor einiger Zeit habe ich Römer 14 gelesen. In dem Kapitel beschreibt Paulus wie die Gemeinde in Rom mit verschiedenen Ansichten innerhalb der Gemeinde umgehen soll. Diese unterschiedlichen Ansichten haben zu Spannungen in der Gemeinde geführt, da die Geschwister sich gegenseitig für ihre gegensätzlichem Ansichten verurteilt haben. Kommt das irgendwem von euch bekannt vor? Ich glaube auch in unseren Gemeinden heute ist das ein Problem, das wir häufig vorfinden. Zu oft entstehen Streitigkeiten um verschiedene Meinungen. Zwei verhärtete Fronten stehen einander gegenüber und versuchen verzweifelt die Gegenseite davon zu überzeugen, wie falsch sie liegen. Die Geschwister verurteilen sich gegenseitig dafür, wie „verweltlicht“ oder „übertrieben konservativ“ oder „weichgespült“ oder „zu fundamentalistisch“ ihre Ansichten sind. Wenn ihr zu den Menschen gehört, die sich komplett hiervon freisprechen können und so etwas noch nie in ihrer Gemeinde erlebt haben, dann kann ich euch nur gratulieren. Ich glaube, bei den meisten von uns ist es wahrscheinlicher, dass wir diese Spannungen schon in der eigenen Gemeinde erlebt haben und bei dem Blick in den Spiegel feststellen müssen, dass auch wir den sprichwörtlichen Balken in unserem Auge vorfinden. An dieser Stelle muss ich schon einmal vorausschicken, dass ihr in diesem Beitrag sicherlich nicht das Patentrezept gegen solche Spannungen in der Gemeinde finden werdet. Diesem Anspruch könnte ich gar nicht gerecht werden. Aber ich möchte euch einladen, mit mir gemeinsam einen genaueren Blick auf Paulus Lösungsansatz in Römer 14 zu werfen und darüber nachzudenken, ob unser eigener Umgang mit verschiedenen Ansichten in der Gemeinde diesem ähnelt oder nicht. Also schauen wir mal, was Paulus zu der Sache zu sagen hat. Annahme statt Verurteilung „Den Schwachen im Glauben aber nehmt auf, doch ohne über Ansichten zu streiten. Einer glaubt, er dürfe alles essen; der Schwache aber isst Gemüse. Wer isst, verachte den nicht, der nicht isst; und wer nicht isst, verachte den nicht, der isst! Denn Gott hat ihn aufgenommen. Wer bist du, der du den Hausknecht eines anderen richtest? Er steht oder fällt dem eigenen Herrn.“ (Römer 14, 1 - 4) Schon in diesen ersten Versen steckt viel, das wir mitnehmen können. Auch Paulus beginnt mit der Aussage, dass wir nicht übereinander richten sollen. Er führt auch direkt die Begründung dafür an: Gott hat den Schwachen ebenso aufgenommen, wie den Starken. Wer wären also wir, ihn abzuweisen? Das ist ein Argument, auf das Paulus immer wieder zurückkommt. Auch der Bruder oder die Schwester, die etwas andere Ansichten als wir haben, wurden von Gott angenommen und Christus ist für sie gestorben (s. V. 9 und 15 sowie Kap. 15, 7). Wir sollten sie also ebenso annehmen. Außerdem betont Paulus die Beziehung des einzelnen Gläubigen zu Gott. Der „Hausknecht“ ist lediglich seinem Herrn Rechenschaft schuldig – also Gott bzw. Jesus und nicht uns. Es steht uns nicht zu, uns in diese Beziehung einzumischen oder den Gläubigen zu beurteilen. Diese Aufgabe obliegt seinem Herrn. Richtig und Falsch Interessant ist auch, dass Paulus nicht damit beginnt zu sagen „Variante A ist richtig, ihr solltet euch alle so verhalten!“. Paulus sagt weder zum Essen oder Nichtessen, dass es Sünde wäre. Zwar stellt Paulus auch seine Meinung zu der Thematik dar, indem er sagt „Ich weiß und bin überzeugt in dem Herrn Jesus, dass nichts an sich unrein ist […]“, aber im gleichen Atemzug erklärt er auch „[…] nur dem, der etwas als gemein ansieht, dem ist es unrein.“ (Römer 14, 14). Viele von uns wären vermutlich anders mit der Situation umgegangen. Wir hätten das Markusevangelium aufgeschlagen und vorgelesen: „Damit erklärte er alle Speisen für rein“ (Markus 7, 19). Ist doch ganz einfach. Steht doch da! Ob das Essen tatsächlich unrein ist oder nicht, scheint hier jedoch gar nicht der entscheidende Punkt zu sein. Vielmehr steht das Gewissen des Gläubigen im Vordergrund. Nicht umsonst sagt Paulus: „Jeder aber sei in seinem eigenen Sinn völlig überzeugt!“ (Römer 14, 5) und am Ende des Kapitels „Wer aber zweifelt, wenn er isst, der ist verurteilt, weil er es nicht aus Glauben tut. Alles aber, was nicht aus Glauben ist, ist Sünde.“ (Römer 14, 23) Welches Verhalten sündig ist, ist also nicht daran geknüpft, welcher der zwei Gläubigen recht hat, sondern daran, ob sie sich ihrer Überzeugung entsprechend verhalten oder gegen ihren Glauben handeln. Kommt man auf das Bild des Maßnehmens zurück, das Jesus gebraucht, sieht man an diesem Beispiel, dass Gott offenbar an verschiedene Menschen auch verschiedene Maße anlegt. Ein bisschen so, als würde der eine in Metern und der andere in Fuß gemessen werden. Ich finde, hieran sieht man auch sehr gut, warum es so gefährlich ist, andere Menschen selber „messen“ zu wollen. Unser eigenes Maß ist möglicherweise nicht das, mit dem unser Gegenüber gemessen wird. Wir können nicht in jedem Fall einschätzen, was für diese Person Sünde ist oder nicht oder ob sie aus Glauben heraus handelt oder nicht. Das richtige Maß kann am Ende nur Gott anlegen. Die Sache mit dem Fallstrick Jetzt stellt sich natürlich die Frage: Wie sollen wir uns denn nun verhalten? Das Richten und Verurteilen der anderen Ansichten steht uns nicht zu, also wie sieht der liebevolle Umgang miteinander in diesem Fall aus? Dazu sagt Paulus Folgendes: „Lasst uns nun nicht mehr einander richten, sondern haltet vielmehr das für recht, dem Bruder keinen Anstoß oder keinen Fallstrick zu bieten! […] Denn wenn dein Bruder wegen einer Speise betrübt wird, so wandelst du nicht mehr nach der Liebe. Verdirb nicht mit deiner Speise den, für den Christus gestorben ist!“ (Römer 14, 13 - 15) „Zerstöre nicht einer Speise wegen das Werk Gottes! Alles zwar ist rein, aber es ist böse für den Menschen, der mit Anstoß isst. Es ist gut, kein Fleisch zu essen noch Wein zu trinken noch etwas zu tun, woran dein Bruder sich stößt.“ (Römer 14, 20 + 21) Wenn man sich diese Stellen anschaut, findet man ein paar wesentliche Punkte, die auch uns als Ratschlag dienen können. Unter anderem erfahren wir, wie der falsche Umgang miteinander aussehen würde: Zu den falschen Handlungsoptionen gehören sowohl das Richten des Anderen als auch das Überstülpen der eigenen Meinung auf den Bruder, der diese nicht teilt. Derjenige, der alles isst, sollte seinen Bruder nicht dazu zwingen, es ihm gleichzutun, wenn dieser dies nicht aus Glauben tun kann. Wenn er ihn auf diesem Weg dazu bringt, gegen sein Gewissen zu handeln, dann hat er ihn zur Sünde verleitet. (Das gleiche lesen wir übrigens in 1. Korinther 8) Die richtige Option ist somit, sich so zu verhalten, dass dem Anderen kein Anstoß und kein Fallstrick geboten wird. Doch wie sieht das in der Praxis aus? Ich habe schon in vielen Situationen erlebt, dass diese Stelle mit dem Fallstrick als Veto-Recht in der Gemeinde benutzt wird. Das ist auch an sich nicht falsch. Auch wenn die Starken in diesem Fall die Gruppe sind, die mit der Meinung von Paulus bezüglich der Reinheit der Speisen übereinstimmt, sollen sie sich an den schwächeren Gliedern der Gemeinde ausrichten und sich entsprechend verhalten. Ich wage jedoch zu behaupten, dass oftmals voreilig von diesem Veto-Recht Gebrauch gemacht wird. Denn „Anstoß nehmen“ kann hier nicht gleichgesetzt werden mit „Ich ärgere mich darüber, dass die anderen anders denken“. Der Fallstrick, von dem in Vers 13 die Rede ist, meint, jemandem Anlass zur Sünde zu geben. Ich denke daher, dass Paulus hier sowohl eine Ermahnung für die Starken als auch für die Schwachen bereithält. Wenn wir in der Position der Schwachen sind, müssen wir ehrlich hinterfragen, ob tatsächlich die Gefahr besteht, dass uns Anlass zur Sünde gegeben wird oder ob wir uns nur darüber ärgern, dass einige eine andere Auffassung als wir haben. Versucht man uns dazu zu bewegen, uns anders zu verhalten, ohne dass wir dies mit unserem Glauben vereinbaren können? Das ist die Sorte Problem, die Paulus beschreibt. Wollen die anderen sich einfach selbst so verhalten dürfen, wie es ihrem Glauben entspricht und finden es in Ordnung, dass ich selbst meinen Glauben anders auslebe? Dann gibt es hier kein Problem und keinen Grund, mein Veto-Recht einzulegen. Denn auch für mich gilt „wer nicht isst, richte den nicht, der isst“ (V. 4). Im Grunde beschreibt die letzte Variante vielmehr den optimalen Umgang mit dieser Art von Meinungsverschiedenheiten. Beiden Parteien wird zugestanden, sich so verhalten zu dürfen, dass ihr Verhalten ihrem Gewissen entspricht, solange sie nicht versuchen den anderen dabei ihre Meinung aufzuzwingen. Das funktioniert allerdings nur, wenn sich alle Parteien darüber einig sind, dass sowohl Variante A als auch Variante B richtig ist, solange alle in ihrem Handeln völlig überzeugt sind und dass Sünde in diesem Fall für jeden etwas anderes bedeuten kann. Und wie geht das? Diesen Ansatz im Gemeindeleben umzusetzen, ist unsagbar schwierig. Zum einen stellt sich die Frage, wie es praktisch aussehen soll, dass beide Verhaltensweisen ermöglicht werden und zum anderen stellt sich die viel schwierigere Frage, bei welchen Meinungsverschiedenheiten dieser Ansatz angebracht ist und bei welchen Fragen doch für alle das gleiche Richtig und Falsch gilt. Auf beide Fragen habe ich leider keine gute Antwort, aber ich möchte euch ein paar Gedanken mit auf den Weg geben, die ihr weiterverfolgen könnt, wenn ihr es gleich zum Ende dieses (für meine Verhältnisse ziemlich langen) Beitrags geschafft habt. Der erste Gedanke, den ich euch mitgeben möchte, ist, dass es auf die Fragestellung nach der Reinheit der Speisen eigentlich eine klare Antwort gab. Jesus selbst hat alle Speisen für rein erklärt, Petrus hatte eine passende Vision dazu in Apostelgeschichte 10 und auch Paulus sagt sowohl in Römer 14 als auch in 1. Korinther 8 und 10, dass alles inkl. Götzenopferfleisch gegessen werden darf. Und trotzdem kann es für jemanden Sünde sein, dies zu tun. Wie oft gehen wir zu jemandem, der eine andere Meinung hat, schlagen die Bibel auf und sagen „Da steht es doch!“? Ich persönlich finde wahnsinnig interessant, dass Paulus hier anders gehandelt hat, obwohl es um eine Fragestellung ging, bei der aus unserer Sicht, die Beweislage absolut eindeutig war. Könnte das bedeuten, dass es vermutlich mehr Fälle gibt als wir denken, in denen die Meinungen einzelner sich unterscheiden können und trotzdem für die jeweilige Person richtig sind? Der zweite Gedanke bezieht sich darauf, dass wir immer wieder davon lesen, wie wir Einheit in der Gemeinde haben sollen, zum Beispiel in der ersten Hälfte von Epheser 4. Interessanterweise spricht Paulus diesen Punkt auch im Römerbrief direkt im Anschluss an Kapitel 14 an: „Der Gott des Ausharrens und der Ermunterung aber gebe euch, gleichgesinnt zu sein untereinander, Christus Jesus gemäß, damit ihr einmütig mit einem Munde den Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus verherrlicht.“ (Römer 15, 5 + 6) Würde Paulus mit Gleichgesinntheit meinen, dass alle einer Meinung sein sollen, hätte er damit seine gesamte Argumentation in Kapitel 14 zunichte gemacht. Deswegen denke ich, dass Einheit in der Gemeinde vielmehr bedeutet, dass wir nicht zulassen dürfen, uns von Meinungsverschiedenheiten auseinanderreißen zu lassen. Auch wenn wir in einzelnen Dingen unterschiedlicher Meinung sind, sollen wir weiterhin „einmütig mit einem Munde“ Gott verherrlichen und den Zusammenhalt der Gemeinde aufrecht erhalten. Zugegebenermaßen ist das eine der schwierigsten Aufgaben, denen wir heutzutage in unseren Gemeinden gegenüberstehen. Aber auch, wenn ich euch keine Schritt-für-Schritt-Anleitung liefern konnte, wie wir dies schaffen können, hoffe ich, dass ihr aus diesem Beitrag einige Gedanken mitnehmen konntet, die euch in Zukunft dabei helfen werden. Zu guter Letzt möchte ich euch noch daran erinnern, dass es am Ende nicht darauf ankommt, alles bis ins Detail verstanden zu haben und zu jeder Frage die richtige Antwort zu kennen. Das könnten wir auch nicht, wenn wir es noch so sehr versuchen würden. Daher sollten wir allem voran daran arbeiten, demütig und liebevoll in unserem Umgang mit Streitfragen in der Gemeinde zu bleiben und dabei nicht das Wesentliche aus den Augen zu verlieren. Oder um noch ein letztes Mal Römer 14 zu zitieren: „Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist. Denn wer in diesem dem Christus dient, ist Gott wohlgefällig und den Menschen bewährt.“ (Römer 14, 17 + 18) Bis zum nächsten Mal! Eure Lea
- Urlaubszeit
Liebe Leser und Leserinnen, der Blog macht 14 Tage Urlaub. Am 23.08.2021 geht es wie gewohnt weiter. Wir, eure Blog-Schreiber wünschen euch eine schöne Zeit und bis bald.
- Ein neues Hobby
Wie es dazu kam? Immer wieder, wenn ich beim Bibellesen an dieser Stelle vorbeikam, habe ich mich gefragt, was mein Beitrag dazu sein kann. Ein reiner und unbefleckter Gottesdienst vor Gott und dem Vater ist dieser: Waisen und Witwen in ihrer Bedrängnis zu besuchen, sich selbst von der Welt unbefleckt zu erhalten. (Jakobus 1, Vers 27) Was kann das heute sein, Waisen und Witwen zu besuchen? Mit Waisen sind wahrscheinlich Menschen gemeint, die keine Eltern mehr haben und so gut wie keine Unterstützung der Familie erwarten können. Für die Witwe gilt das auch. Der Mann ist gestorben und sie bleibt unversorgt zurück. Zumindest war das in der Zeit nach Jesu Leben bestimmt häufig der Fall. Heute sind diese Menschen in unserem Sozialstaat gut versorgt. Es gibt die Einrichtung der Pflegeeltern und der Adoption. Ehefrauen haben Anspruch auf Witwenrente und Erben das Vermögen und den Besitz des Mannes. Welche Menschen soll ich da besuchen? Viele Jahre hatte ich keine wirkliche Antwort darauf. Im Frühsommer hörte ich einen Radiobeitrag. Ein Reporter zog für eine Woche in ein Altenheim. Er wollte über das Leben dort berichten. Er nannte seine Feature "Herr Nickels Schuhe." Sehr hörenswert, wie ich meine. Einen Link findest du unten. Diesem Herrn Nickel wurden die Schuhe versteckt, weil er mit Schuhen ständig das Haus verlässt und dann den Weg zurück nicht wieder findet. So konnte er nicht seine geliebten Spaziergänge machen. Als ich das hörte meinte ich sofort, ich könnte mir vorstellen, einmal die Woche, mit so einem Menschen spazieren zu gehen. In meinem nächsten Kurzurlaub erinnerte ich mich wieder an diese Sendung und mein Entschluss stand fest. Ich rief im nächsten Altenheim an und erzählte mein Anliegen. Von der Leitung wurde ich zum Kennenlernen eingeladen. Schnell einigten wir uns darauf, es einmal auszuprobieren. Die Leiterin hatte schon einen Mann vor Augen. Er kann nicht allein das Haus verlassen, weil er sich aufgrund seiner Krankheit verlaufen würde. Sie stimmte es mit den Angehörigen ab. Die waren erfreut und einverstanden. Für sie war es nicht möglich, regelmäßig ihren Onkel zu besuchen bzw. mit ihm spazieren zu gehen. Damit war auch mein einziger Anspruch erfüllt. Der Mensch sollte in gewisser Weise allein auf sich gestellt sein. Ich wollte nicht der Familie oder den Freunden ihre Rolle wegnehmen. So ging es los. Bis jetzt habe ich Herrn Bunte sechsmal getroffen. Jede Woche für eine Stunde am gleichen Wochentag. Das hat den Vorteil, dass wir es beide in unseren Alltag einbauen können. Und das hat auch schon ganz gut geklappt. Lest also selbst in meinen Tagesberichten von unseren ersten gemeinsamen Erlebnissen. In meinem Bericht habe ich die Namen der Personen und der Orte geändert und trotzdem versucht, alles so authentisch wie möglich zu beschreiben. Sommer 2021 Heute bin ich zum ersten Mal im Altenheim. Dort lerne ich Herrn Bunte kennen. Wir unterhalten uns eine Stunde vor dem Hotel. Hotel, so nennt er das Altersheim. Am Ende fragt ihn die Leiterin, wie es ihm gefallen hat. Er sagt beim Weggehen, "ihm kommen die Tränen." Das ist wohl ein Kompliment. Der Lohn für eine Stunde. Ein schönes Gefühl. 2.Tag mit Herrn Bunte Er wartet schon auf mich. "Hatte schon gedacht, dass Sie nicht wiederkommen." Über mein Kommen freut er sich wohl. Er sitzt in seinem neuen Rollstuhl. So brechen wir also zu unserer ersten Runde auf. Erst rechts zur Bahn. Der Weg ist schlecht. Das ist gefährlich. Also umdrehen und in die andere Richtung. "Wie geht es heute?" frage ich. "Morgens fing es ganz gut an." "Dann schmerzten die Knochen. "So hatte ich noch nicht viel vom Tag." Er sagt weiter, "Ich kann hier nicht viel machen." "Ich habe schon den Gedanken gehabt, mein Leben zu beenden." Ich sage, "Irgendetwas hat das Leben immer zu bieten - solange man nicht tot ist." Puh - mit dem Rollstuhl durchs Dorf. Das ist ein Abenteuer. "Geht das so, oder soll ich lieber selber laufen?" "Heute versuch' ich es mit schieben." Einmal um die Kirche. Ich zeige ihm, was ich kenne. Ein schönes altes Haus. Das Gemeindehaus der Kirche. Hier hört der Weg um die Kirche auf. Umdrehen. Eine Baustelle von mir. Der Weg von hinten am ehemaligen Dorfkrug. Den Krug kennt er. Da ist sein Vater mit dem Pferdewagen vorbeigekommen, als er Holz geholt hat. Ich erzähle vom Sägewerk in der Nähe, wo ich auch schon Holz gekauft habe. Wieder erzählt er mir von der neuen Eisenbahn, die auf dem Wasser fahren soll. Was meint er nur damit? Ein E - Auto am Straßenrand. "Das wird die neue Technik werden", meint er. Der Weg zurück auf den Hof ist schwer zu überwinden. "Nun helfe ich", sagt er und möchte selber laufen. Mit meiner Hilfe steht er auf und macht erste, vorsichtige Schritte. Ich merke, dass es ganz gut geht. Also fahre ich mit dem Rollstuhl neben ihm. Bereit ihn wenn nötig, zu stützen. "Da ist wieder mein Zuhause." "Ist das jetzt mein Zuhause?" Er fremdelt noch etwas. Die Leiterin Frau Tulpe kommt vor die Tür. Ich sage laut, "Da ist die Hotelchefin". Wir schmunzeln. Vor der Tür angekommen nehmen zwei Mitarbeiter Herrn Bunte in Empfang. Sie freuen sich beide sehr über meinen Besuch und berichten mir, dass er nach dem letzten Mal sehr gerührt war. Herr Bunte und ich verabschieden uns mit Handschlag. 3. Tag mit Herrn Bunte Heute geht es ihm nicht so gut. Er will nur im Rollstuhl sitzen. Ich zeige ihm mal den nahegelegenen Edeka Markt. "Vielleicht können wir da mal Kaffeetrinken?" frage ich. Das wäre für ihn OK. Dann über den Parkplatz und über die Holzbrücke an der Hauptstraße entlang. Er bemerkt die großen Lastzüge auf der Straße. Da fahren echt viele. Ich überlege in meinen Gedanken: Ob das seine Arbeit war? Lkw beladen? An der Ecke zum Krug Richtung Bäckerei Lose ruft ihn eine Frau aus dem fahrenden Auto zu. "Hey Hans!" Das ist eine Pflegerin aus dem Heim, erklärt uns eine wartende Fahrradfahrerin. Dann auf den ehemaligen Dorfkrug-Parkplatz. Hier treffen wir auch noch einige Menschen. Frau Müller, die Bürgerbus Fahrerin. Frau Ehrenhorst und Frau Beck kümmern sich um den Garten. Im Werkstatt-Gebäude probt die Band. Ein Junge lernt Schlagzeug. Wir schauen durch die offene Tür. Sprechen kurz mit dem dunkelhäutigen Lehrer. Dann schiebe ich ihn wieder zurück. Er merkt, dass es für mich anstrengend sein muss. Es ist sehr warm und schwül. Gibt bestimmt noch Gewitter. Noch rückwärts über die Granitpflasterstraße. Geschafft. Er sagt, " Ich bin, glaube ich, genauso nass geschwitzt wie sie". Wir setzen uns noch 10 Minuten hin. Ausruhen! Er hat schon etwas Angst um sein Leben, wenn wir so mit dem Rollstuhl durchs Dorf fahren. Heißt aber nicht, dass es nicht geht. Er schmunzelt dabei. Ein Wolfgang war sein Chef. Heute hat er wohl seinen Neffen erwartet. Der kommt aber nächste Woche und holt ihn zu seinem Geburtstag ab. Das war es für heute. Ich schiebe ihn vor die Tür und wir verabschieden uns. Bis nächste Woche. 4. Tag mit Herrn Bunte: Heute werde ich schon beim Kommen von einer Mitarbeiterin an den Geburtstag von Herrn Bunte erinnert. Er hatte wirklich Geburtstag. Seine Aussage beim letzten Mal war also richtig. Ich gratuliere ihm und er lächelt. Da ich einen anstrengenden Tag hatte, fahren wir nur unter das nahegelegene Vordach. Im Schatten ist es sehr angenehm. Erst einmal muss er von seiner gestrigen Feier berichten. Sein Neffe Claudio hatte ihn zu sich geholt. Seine Schwester war auch da und hat Würstchen gemacht. Sie haben scheinbar einiges über die Familien Verhältnisse beredet, was er aber nicht mehr zusammenbringt. Ich frage ihn, ob er mir auch einmal eine Frage stellen will. Er verneint. Also erzähle ich ungefragt von meiner heutigen Arbeit. Er sitzt in seinem Rollstuhl und schaut auf das Heim. Das gefällt ihm. Diesen Blick hatte er noch gar nicht. Er bemerkt einen Bewohner auf einem Liegestuhl. Fragt, "Was sind das denn für Rohre, die da aus der Erde kommen? "Sind das Wasserstandsanzeiger?" "Nein, es sind Außenleuchten." Ich merke, dass er das Haus, was ja jetzt sein neues Zuhause sein sollte, noch gar nicht gut kennt. Da ich nun etwas ausgeruhter bin, schiebe ich ihn noch auf und ab am Haus entlang. Leider gibt es keinen Weg um das gesamte Anwesen herum. Wir bleiben immer wieder stehen und ich weise auf ein paar Details hin, die mir auffallen. Z.B. fallen uns beiden die grünen Kunststofftüten um frisch gepflanzte kleine Eichenbäume auf. "Was haben die für einen Zweck?" Das interessiert uns beide so sehr, dass ich schließlich den rasenmähenden Gärtner frage. "Die sind zur Bewässerung", kommt die prompte Antwort. Spannend. Dann bringe ich ihn zurück zur Tür. Ich würde gern mal wissen, wo sein Zimmer in etwa liegt. Da er es nicht weiß, hat er jetzt eine Hausaufgabe mitbekommen. In einer Woche gibt's die Antwort. 5. Tag mit Herrn Bunte Er wartet schon auf mich. Heute hat er kein Bingo gespielt. Seinen Zustand beschreibt er wie letztes Mal. Ich fühle mich ganz fit und so schieben wir los. Diesmal in Richtung Osten. Da die Fußwege im Dorf teilweise sehr uneben sind, entscheide ich mich für die hier glattere Straße. Das ist angenehmer für Herrn Bunte und leichter für mich. Wir kommen am Friedhof vorbei. "Hier will ich nicht irgendwann liegen", höre ich aus seinem Munde. Weiter geht es einen Berg hinauf. Das Dorf hat durchaus Hügel. Er hat wieder Mitleid mit mir. "Ist das nicht zu schwer?" "Und den Weg müssen wir auch noch wieder zurück." Bei einem Haus können wir eine Gartenbaustelle miterleben. Durchaus große Maschinen laden Sand auf. Wir fahren vorbei. An der Bahn entscheiden wir uns umzudrehen. Das ist schon fast am Dorfende. So können wir aus sicherer Entfernung das Treiben auf der Baustelle beobachten. Beim Vorbeifahren spricht er sogar den Bauherren an. Der gibt bereitwillig Auskunft. Wieder an der Kreuzung am Friedhof fahren wir rechts am eigentlichen Friedhofseingang vorbei zur Bahn. Hier soll ein Bahn-Halt gebaut werden. Am Bahnübergang bekommt er Angst. Ich bleibe vor den Schienen stehen. Können wir überhaupt noch zurück? Natürlich. Ich drehe um und wir machen uns auf den Rückweg. Einmal rechts und schon bald ist die Auffahrt zum "Hotel" erreicht. "Hier bin ich mal rumgelaufen als ich weglaufen wollte", sagt er plötzlich. Wahrscheinlich hat er sich an etwas erinnert. Echt gut. Vor dem Eingang ermutige ich ihn aufzustehen. Er geht dann mit dem Stock ein paar Schritte zur Tür. Die Pflegerin öffnet und er geht hinein. Ich schiebe den Stuhl hinterher. "Komm wir trinken noch etwas." "Sie müssen durstig sein." Ich lehne ab, bedanke mich trotzdem. Die Pflegerin bekommt zu hören, was wir eben erlebt haben, das reicht für mehrere Tage. Das finde ich auch. Bis nächste Woche. Übrigens, wo sein Zimmer ist, konnte er mir nicht so genau sagen. Scheinbar links und im 1. Obergeschoss. Mal sehen, ob das stimmt. 6. Tag mit Herrn Bunte Heute einigen wir uns erst mal auf das Du. Dann brechen Hans und ich zu einer weiteren Tour durch das Dorf auf. "Heute zeige ich dir mal meine Arbeitsstelle." Dazu müssen wir den Ort von Norden nach Süden durchqueren. Das gelingt ganz gut, weil wir fast ausschließlich die Straßen mit einem glatten Belag nutzen. Die Fußwege meiden wir. Die sind wirklich zu uneben. An einem Fachwerkhaus bleiben wir stehen, weil mich der Spruch über dem Torbogen interessiert. Ich lese ihm den Vers aus einem Psalm vor. Die zweite Hälfte spricht mit. Er kennt ihn. Von früher im Unterricht mit dem Pastoren. Am Ziel angekommen, kommt uns erst mal ein Kollege von mir im Auto entgegen. Er muss warten, weil ein Auto entgegen kommt und wir auf der Straße fahren. Als er seine Fahrt fortsetzt, grüßen wir uns alle freundlich. Ich bin nicht sicher, ob er mich erkannt hat. Vielleicht hat er mich ja auch als "Alt-Zivi" eingeordnet. Ich zeige Hans alles, was wir von der Straße aus sehen können. Dann machen wir uns auf den Rückweg. Am kleinen Baumarkt vorbei. Da war früher ein Einkaufsmarkt. "Ja" meint Hans, "der war zu klein und deshalb wurde ein Größerer gebaut." Er weiß das, weil seine Schwester hier früher wohnte. Quasi gegenüber - das hat er sofort erkannt. Uns überholt ein Auto. "Oh, das ist der alte Besitzer von der Tankstelle", bemerke ich. "Den kenne ich", meint Hans, "der war mit mir auf der Berufsschule." Stimmt das?, denke ich. Dem gehen wir nach!, entscheide ich bei mir. Fahren zur Tanke und fragen nach dem Senior. Erst den Sohn, dann den Enkel und als letztes die Kassiererin. Keiner hat ihn gesehen. Komisch, wo ist er denn? "So, eine Idee habe ich noch." "Das ist der letzte Versuch." "Wenn er da nicht ist, rollen wir weiter." Ich kenne die Werkstatt, weil ich dort langjähriger Kunde bin. Und richtig. Ich sehe den ehemaligen Chef hinter einem kleinen Fenster, klopfe und er öffnet die Tür. "Ich habe hier einen Hans Bunte." "Der behauptet, dass er mit dir zur Berufsschule gegangen ist." "Äh ja, das kann sein." denkt der Senior laut. Wir gehen zum Mann im Rollstuhl. Und sie erkennen sich, begrüßen sich mit dem "Corona-Faustgruß". Dann gibt es einen regen Austausch. Jetzt weiß ich endlich wo Hans gearbeitet hat und ich kenne die fast 100 jährige Geschichte des Familienbetriebs der heutigen Tankstelle. Dann verabschieden wir uns, begeistert über das Zusammentreffen. Jetzt wird es auch Zeit, wieder zurückzugehen. "Nicht das wir noch nass werden, denn der Himmel verdunkelt sich", bemerkt Hans. Ich gebe Gas und schon bald stehen wir vor der Tür. Wir sind beide irgendwie aufgedreht und können es kaum glauben, was wir heute schon wieder alles erlebt haben. Bis nächste Woche. In diesem Sinne wünsche ich dir erfüllte Hobbys. Ingo Auf ein, aus meiner Sicht, passendes Bibelzitat möchte ich noch hinweisen. Lasst uns also nicht müde werden, Gutes zu tun. Es wird eine Zeit kommen, in der wir eine reiche Ernte einbringen. Wir dürfen nur nicht vorher aufgeben! Solange uns noch Zeit bleibt, wollen wir allen Menschen Gutes tun, vor allem aber denen, die mit uns an Jesus Christus glauben. (Galater 6, 9+10) Dieses Bibelzitat ist wie gewohnt aus der Übersetzung Hoffnung für Alle® (HFA) Das oben genannte Feature kann hier nachgehört werden. Wie ich sieben Tage ins Altenheim zog - Ein Selbstversuch Das Bibelzitat im Text oben ist heute ausnahmsweise aus meiner alten Bibel, der Elberfelder Übersetzung. Mir gefiel das Wort besuchen hier so gut. In meiner aktuellen Übersetzung steht hier helfen. Ingo Tauchert
- Wut
Mir fällt es oft sehr schwer, Wut oder Ärger bewusst wahrzunehmen. Oftmals schlucke ich diese Gefühle hinunter oder verdränge sie, weil ich Angst davor habe, dass es vor Gott falsch ist, wütend zu sein und andere mit meiner negativen Stimmung zu belasten oder zu verletzen. Doch ich sage euch: Schon wer auf seinen Mitmenschen zornig ist, gehört vor Gericht. Wer zu ihm sagt: ›Du Schwachkopf!‹, der gehört vor den Hohen Rat, und wer ihn verflucht, der verdient es, ins Feuer der Hölle geworfen zu werden. (Matthäus 5,22) So habe ich mit Wut und wütend sein bis vor Kurzem eigentlich nur negative Begriffe wie beispielsweise Aggression, Zerstörung, Hilflosigkeit, Rache, Hass oder Verletzung assoziiert. Ich bin überzeugt davon, dass ich schnell vergeben und die Menschen nicht verurteilen und bestrafen soll, wenn ich wütend auf sie bin. Denn die Verurteilung, Bestrafung und Zerstörung liegt in Gottes Verantwortung, nicht in meiner (dafür bin ich auch manchmal sehr dankbar): Wenn ihr zornig seid, dann ladet nicht Schuld auf euch, indem ihr unversöhnlich bleibt. Lasst die Sonne nicht untergehen, ohne dass ihr einander vergeben habt. (Epheser 4,26) Liebe Freunde, verschafft euch nicht selbst Recht. Überlasst vielmehr Gott das Urteil, denn er hat ja in der Heiligen Schrift gesagt: »Es ist meine Sache, Rache zu üben. Ich, der Herr, werde ihnen alles vergelten.« Handelt so, wie es die Heilige Schrift von euch verlangt: »Wenn dein Feind hungrig ist, dann gib ihm zu essen; ist er durstig, gib ihm zu trinken. So wirst du ihn beschämen.« Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute. (Römer 12, 19-21) Als seine Jünger Jakobus und Johannes das hörten, sagten sie: »Herr, das brauchst du dir doch nicht gefallen zu lassen! Sollen wir befehlen, dass Feuer vom Himmel fällt und sie vernichtet, so wie es damals bei Elia war?« Jesus drehte sich zu ihnen um und wies sie scharf zurecht. Dann gingen sie in ein anderes Dorf. (Lukas 9, 54-56) In meinen Ohren klingt also immer: „Sei nicht zornig!“, „Besiege das Böse durch das Gute!“ – übersetzt für mich: „Reg dich nicht auf, sei sanftmütig!“. Erst im letzten Jahr ist mir bewusst geworden, wie sehr ich eigentlich darunter leide, dieses Gefühl zu unterdrücken oder es überhaupt wahrzunehmen. Die Bedürfnisse, die hinter diesem Gefühl standen habe ich also überhaupt nicht hinterfragt. Ich wurde zum Meister der Verdrängung vermeintlich negativer Gefühle. Mein Körper reagierte darauf mit chronischen Kopfschmerzen und sehr häufigen Infekten. Ich fing an zu leiden und spürte zunehmend eine innere Unzufriedenheit. Umbruch So angespannt wollte ich natürlich nicht weiterleben, also bin ich jetzt dabei zu lernen, dass alle Gefühle wichtig sind und dass sie mir wichtige Bedürfnisse mitteilen, die ausgedrückt werden wollen und müssen! Und trotzdem ist da dieser innere Konflikt, den ich überwinden muss. Auf der einen Seite der Glaube, dass es „falsch“ ist wütend zu sein und auf der anderen Seite das große Bedürfnis, diese Gefühle zu zeigen und mich mitzuteilen. Also entschied ich mich dafür – wenn auch mit einem etwas schlechten Gewissen – dass es mir gut tut die Wut zuzulassen und diesem Gefühl Ausdruck zu verleihen, zum Beispiel durch Spazierengehen, Meditation, Yoga oder mit guten Freunden darüber zu sprechen oder aufzuschreiben, was mich wütend macht. Am schwierigsten ist es für mich, diese Bedürfnisse, die hinter meiner Wut stehen, meinen Mitmenschen mitzuteilen. Umso wichtiger mir die Person ist, desto schwerer fällt mir das. Es passiert häufig, dass ich anfange zu weinen, einfach aus Hilflosigkeit oder Resignation, weil ich nicht weiß wie ich meine Erwartungen oder Bedürfnisse äußern soll ohne den anderen zu verletzen, somit zu verärgern und dann zu verlieren. Die Lösung Was würde Jesus tun? Im neuen Testament gibt es zahlreiche Stellen in denen wir lesen können, wie Jesus sich gegenüber seinen Jüngern und Mitmenschen verhält. Er ist der kongruenteste* (ich liebe dieses Wort einfach!) Mensch, den ich kenne. Jesus ist authentisch, ehrlich und direkt. Er spricht immer angemessen und wird auch mal lauter, wenn es sein muss. Dann ging Jesus in den Tempel, jagte alle Händler und Käufer hinaus, stieß die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenverkäufer um und rief ihnen zu: »Ihr wisst doch, was Gott in der Heiligen Schrift sagt: ›Mein Haus soll ein Ort des Gebets sein‹, ihr aber macht eine Räuberhöhle daraus!« Noch während Jesus im Tempel war, kamen Blinde und Gelähmte zu ihm, und er heilte sie. (Matthäus 21,12-14) Es ist interessant zu sehen, dass Jesus sich sehr gut unter Kontrolle hat. Er zeigt sein Unbehagen, macht laut auf das Problem aufmerksam und handelt. Danach beruhigt er sich wieder und bleibt sogar im Tempel um zu heilen. Es ist also sehr sinnvoll, wenn ich die Probleme anspreche, die mich stören und meine Erwartungen mitteile. Weiterhin kann ich so meine persönlichen Grenzen aufzeigen, um mich selbst zu schützen. Das ist ein wichtiger Teil der Selbstfürsorge. Das „Wütend-sein“ ist in erster Linie also nicht destruktiv sondern konstruktiv. Es kommt darauf an, wie ich dieses Wutgefühl auf eine positive Art und Weise nutzen kann. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es sich viel gesünder anfühlt, meinem Gegenüber meine Bedürfnisse und Gefühle mitzuteilen und somit authentisch und ehrlich mit der Wut umzugehen. Es wird mir zunehmend wichtiger anzusprechen, was mir nicht passt, wenn es sein muss auch laut, aber nicht beleidigend. Jesus ist dafür das perfekte Vorbild und ich bin froh, dass ich mich an ihm orientieren kann. Und zum Abschluss: Es gibt keine richtigen oder falschen Gefühle. Alle haben eine Daseinsberechtigung und wollen uns etwas mitteilen. Wir müssen nur hinhören. Sogar Gott hat all diese Gefühle, nur weiß er ganz genau, wie er mit ihnen umgehen muss. Wenn Gott zornig ist, heißt das nicht, dass er uns nicht liebt. Denn gerade weil er zornig sein kann, können wir erkennen, wie wichtig wir Menschen ihm sind. Ohne diese Gefühle wäre Gott total unnahbar und gleichgültig. Und mal ehrlich: ohne Liebe, Trauer, Wut, Freude und die ganzen anderen Gefühle wäre das Leben doch total langweilig. In diesem Sinne, lasst euren Gefühlen freien Lauf und teilt sie mit! Eure Freya Rise up and shine! * Kongruenz: die verbale und nonverbale Kommunikation stimmen überein. Anders ausgedrückt: die Mimik. Gestik, das Verhalten und die Sprache ergeben gemeinsam ein stimmiges Bild und wirken zusammen authentisch.










