• Ulrike

"Le Chaim!"

Montag – viertel nach eins – ein Zug rattert aus dem Norden stetig Richtung Süden – an Bord meine Chefin und ich – Unser Ziel: Landau in Pfalz.


Die Einladung zur Weinlese bei dem Bio-Winzer Heiner Sauer hatten wir schon vor Monaten angenommen und nun konnten wir kaum glauben, endlich auf dem Weg zu sein.



Bei einem Spaziergang durch die Weinberge bei Böchingen erklärte uns Heiner Sauer persönlich, was da wächst und wie hier gearbeitet wird. Dieses Jahr haben die Winzer es ziemlich schwer, denn die Reben brauchten mehr Aufmerksamkeit als sonst. Der falsche Mehltau breitete sich aus und wenn nicht zur rechten Zeit dagegen vorgegangen wird (mit Kupferlösung spritzen), dann werden die Trauben befallen und der Ertrag schwindet. Oder kleine Insekten piksen die Traubenhaut an, verletzen die Frucht und das zieht dann Fäulnis und Schimmelbildung an, was den Weinbauern ebenfalls nicht erfreut.


Oja, meine beiden Weinstöcke zu Hause zeigten dasselbe Bild und die komplette Ernte eines Stockes ist durch Mehltau und Insekten zerstört. Ich hätte wohl schon ganz früh dagegen angehen können. Anschaulich erklärte der passionierte Winzer, der auch ein Weingut in Spanien besitzt, in reinstem Pfälzer Dialekt, was ihm hier und da so auffiel.


Jetzt weiß ich, wie ein gepflegter, bearbeiteter Weinberg aussieht und einer, dessen Besitzer „gerade andere Sorgen“ plagen. Hier waren die Reben nicht oft genug geschnitten, Blätter wurden nicht entfernt, so dass die Trauben wenig Licht bekamen, dort wucherte hüfthoch das Kraut. Neu war für mich, wieviel Arbeit so ein Weinberg macht. Beim Anlegen angefangen. Die richtige Sortenwahl, passend zum Boden. Dann 2 Jahre warten, bis zur ersten Ernte. Ich spürte die Liebe zur Natur, den weitsichtigen Umgang mit den Ressourcen und die Freude am Ergebnis: den reifen, prallen, süßen Früchten.


Am Abend durfte eine Weinprobe mit leckerem Essen nicht fehlen. Mit glänzenden Augen hatte der Gastgeber zu jedem Tropfen eine Geschichte parat und wir aßen und tranken in geselliger Runde.


Am nächsten Morgen hieß es früh aufstehen. Schon um 7 Uhr gab es Frühstück, um kurz nach 8 Uhr waren wir beim Weingut und wanderten zur Lese. Zwei Stunden lang ernteten wir Grauburgundertrauben. Mit einer Rebschere, die äußerst scharf und spitz ist, werden so alle reifen Trauben abgeknipst. Gut, dass die Mitarbeiter schon am Vortag die Blätter um die Trauben entfernt hatten, so konnten wir gut erkennen, was abzuschneiden war. Wegen des feuchten Sommers, hatte so manche Traube kleine Schimmelnester, die wir dann beherzt mit der Schere abschlugen. Nach einer halben Stunde fragte ich mich, ob ich zu groß oder der Weinstock zu niedrig war, musste ich mich doch richtig krumm machen, um an das Schnittgut zu kommen. Unsere Gruppe, ungefähr 25 „Teilzeitwinzer“, war lustig dabei – fehlte nur noch, dass jemand ein Liedchen anstimmte. Selbst zwei kleine kräftige Schauer konnten uns nicht aufhalten und am Ende hatte der kleine Weinbergtraktor zwei große Kisten Trauben geladen.


Zurück am Weingut bekamen wir eine Einführung in die Weiterverarbeitung. Und die Erkenntnis wuchs: Weinanbau ist keine einfache Sache. Respekt! Weißwein wird anders gekeltert als Rotwein, die Temperatur in den Edelstahlbehältern darf 37 Grad nicht überschreiten und die Lagerung im Weinkeller hat auch seine Besonderheiten. Auf was der Winzer so alles achten muss…


Mit einem kleinen Mittagessen und der Verkostung eines besonderen Weines („wild und wunderbar“) endete dieser interessante Besuch, der einen nachhaltigen Eindruck auf mich gemacht hat.


Diesen versuche ich mal mit ein paar Aspekten aus der Bibel zu verknüpfen.


Frage: Wie heißt der erste erwähnte Weinbauer in der Bibel? Da war ich schon überrascht, das hatte ich nicht bewusst wahrgenommen.

„Zusammen mit Noah hatten auch seine drei Söhne Sem, Ham und Jafet das Schiff verlassen. Ham war der Vater von Kanaan. Von diesen dreien stammen alle Völker der Erde ab. Noah betrieb Ackerbau und legte als Erster einen Weinberg an. Eines Tages trank er so viel von dem Wein, dass er betrunken wurde und sich nackt in seinem Zelt schlafen legte.“ (1. Mose 9,18-20)

Offensichtlich machten die ersten Weinbauern auch gleich die Erfahrung, was zu viel Weingenuss so alles anrichten kann, wie dann im folgenden Bibeltext nachzulesen ist. In der ganzen Bibel finde ich kein Verbot, Wein zu trinken, sondern gut gemeinte Ratschläge und Empfehlungen oder sogar Gebote zur Verwendung. Also anders als im Islam, wo grundsätzlich das Trinken von Alkohol verboten wird, finden wir in Gottes Wort viele Beispiele aus dem Leben der Menschen durch die Zeitgeschichte hindurch.


Wein wird in den Opfergesetzen erwähnt.

„Lass täglich zwei einjährige Lämmer auf dem Altar verbrennen, eins am Morgen, das andere gegen Abend! Mit dem ersten Lamm soll ein Speiseopfer von eineinhalb Kilogramm feinem Weizenmehl dargebracht werden, vermengt mit einem Liter bestem Olivenöl, dazu als Trankopfer ein Liter Wein.“ (2. Mose 29,38-40)

Wie so oft, werden Bilder aus dem alltäglichen Leben verwendet, um Ereignisse in der Zukunft zu beschreiben. Die Weinlese wird als Zeit der Freude beschrieben. Auch wenn hier das Gegenteil geschrieben steht:

„… denn gerade in der Zeit eurer Ernte und Weinlese sind die Feinde mit lautem Kriegsgeschrei über euer Gebiet hergefallen. In den Obstgärten und Weinbergen singt und jubelt man nicht mehr, niemand presst mehr Trauben in der Weinkelter aus. Dem Singen der Winzer habe ich, der Herr, ein Ende gemacht.“ (Jesaja 18,9+10)

Der Weinanbau zu biblischen Zeiten war weit verbreitet und Wein war mit Öl und Getreide ein Grundnahrungsmittel. Mühsam und steinig war der Anbau von Wein. Das ausgewählte Stück Land musste erst von Steinen befreit werden. Von diesen wurde eine Mauer gebaut, um die Pflanzung zu schützen. Und ganz wichtig: ein Turm mit einem Laubdach, in dem es ein paar Grad kühler war, als auf dem sonnigen Feld. Hier konnten die Arbeiter sich im Schatten ausruhen. Hier befand sich auch die Kelter und der Weinkeller. Der Turm eignete sich auch als Wachtturm. (Nachzulesen im „Lexikon zur Bibel“, Brockhaus-Verlag). Anders als bei uns in Nordeuropa, liegen die Weinstöcke am Boden. Das schadet ihnen nicht, da die Sommer heiß und trocken sind. Nur die Reben werden an Pfählen hochgebunden, damit geerntet werden kann.


Im neuen Testament komme ich am Wein auch nicht vorbei. Er dient als Heilmittel, wie der Arzt Lukas im Gleichnis vom barmherzigen Samariter beschreibt:

„Er ging zu ihm hin, behandelte seine Wunden mit Öl und Wein und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier und brachte ihn in den nächsten Gasthof, wo er den Kranken besser pflegen und versorgen konnte.“ (Lukas 10,34)

Und der gut gemeinte Rat von Paulus an Timotheus:

„Nun gebe ich dir noch einen persönlichen Rat: Trink nicht länger nur reines Wasser. Du bist so oft krank, und da würde etwas Wein dazu deinem Magen gut tun.“ (1. Timotheus 5,23)

Wein wird zum Passahmahl gereicht und ist in unserem Gottesdienst ein zentraler Bestandteil, wenn wir der Aufforderung Jesu folgen und so oft wir uns treffen, den Becher Wein untereinander teilen zum Gedächtnis an unseren Herrn und Messias.

„Jesus nahm einen Becher mit Wein, sprach das Dankgebet und sagte: »Nehmt diesen Becher und trinkt alle daraus! Ich sage euch: Von jetzt an werde ich keinen Wein mehr trinken, bis Gottes Reich gekommen ist«“ (Lukas 22,17+18)

So viele Facetten des Weinanbaus sind interessant und lassen sich ins geistige Leben übertragen, dass ich hier nur Gedankenanstöße geben kann.


Und zum Schluss kommt mir noch das Bild von den Kundschaftern, die Mose ins Land Kanaan aussandte, in den Sinn:

„Dann kamen die Kundschafter ins Eschkol-Tal. Dort pflückten sie Granatäpfel und Feigen. Sie schnitten eine Weinrebe ab, die so schwer war, dass zwei Männer sie an einer Stange tragen mussten. Darum nannte man dieses Tal später Eschkol (»Traube«)“ (4. Mose 13,23+24)


„Le Chaim“ sagen die Juden und prosten sich zu! Wörtlich: „Zum Leben“ … ganz einfach.


Damit bis zum nächsten Mal.


Eure Ulrike



Die Bibelstellen sind aus der Übersetzung „Hoffnung für alle“ entnommen

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