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How to disagree

Aktualisiert: 2. Nov. 2021

Aktuell folge ich einer Podcast-Mini-Serie, die auf dem Buch “Love Matters More” von Jared Byas basiert. In dem Podcast geht es darum, wie man seinen Nächsten lieben kann, auch wenn man nicht die gleiche Meinung zu wichtigen Themen hat.

Die Themen der insgesamt 6 Podcast-Folgen lauten:

1: How to disagree about Religion

2: The Language of Disagreement

3: How to disagree about Politics

4: How do disagree with Boundaries

5: How to disagree about Vaccines

6: How to disagree as Parents






Gleich die erste Folge fand ich sehr interessant, da dort ein amerikanischer Vater (David) und seine (erwachsene) Tochter (Daley) vorgestellt werden. Der Glaube des Vaters ist konservativ einzuordnen, wohingegen seine Tochter einen liberalen Glauben vertritt.

Spannend fand ich persönlich, dass sich die beiden in keinster Weise als “Experten” auf dem Gebiet des Miteinander-Kommunizierens sehen. Sie haben im Laufe ihres (Glaubens-) Lebens bereits viele (Streit-) Gespräche miteinander geführt, und jedes Mal wieder etwas festgestellt, was ihrer Beziehung gut tut und was ihr schadet.

In dieser Folge stellen sie daher unter anderem ihre “Regeln” vor, wie sie sich bei Diskussionen verhalten möchten, wenn sie nicht die gleiche Meinung vertreten. Da ich - wie viele von euch bestimmt auch – ebenfalls schon Gespräche dieser Art geführt habe, empfinde ich die folgende Liste der beiden als gute Anhaltspunkte für zukünftige Begegnungen:



1. Endpunkt festsetzen


Nach einer gewissen Zeit hat man alle relevanten Punkte ausgetauscht und dreht sich

möglicherweise nur noch im Kreis. Evtl. baut sich sogar Frustration auf, wenn der andere

immer noch nicht von meiner Meinung überzeugt ist. Es kann auch helfen, nicht beteiligte Personen zu bitten, das Gespräch nach einer gewissen Zeit zu unterbrechen, sollte man

selbst Schwierigkeiten damit haben, zum Ende zu kommen.



2. Ruhig bleiben


Es ist extrem schwierig, bei Themen, die einem besonders wichtig sind, nicht emotional zu werden. Darum ist es wichtig, nicht laut zu werden, den anderen ausreden zu lassen und nicht beleidigend zu werden.



3. Den richtigen Moment abwarten


Häufig können spannungsgeladene Gespräche bei Familientreffen stattfinden. Jedes

Familienmitglied hat dabei jedoch unterschiedliche Bedürfnisse und Grenzen, die

respektiert werden sollen. Wenn man weiß, dass sich beispielsweise der Bruder bei

Familienbesuchen darauf gefreut hat, vom eigenen Alltag entspannen und bei der Familie Kraft tanken zu können, wartet man am besten auf einen Zeitpunkt, an dem er gerade nicht da ist, oder man verlässt für das Gespräch den Raum. So können sich die anderen Familienmitglieder über andere Themen unterhalten und eine möglicherweise beim Gespräch entstehende Spannung breitet sich nicht in dem Raum aus, in dem sich noch andere befinden. Dies unterstützt auch nochmal den ersten Punkt (Endpunkt): Sobald man das Zimmer wieder betritt, ist das Gespräch beendet. Dies schafft auch räumlichen Abstand von der Thematik.



4. Auf Positives achten


Wenn der Austausch stattgefunden hat und das Gespräch soweit beendet ist, kann man

sich darüber austauschen, was man an Positivem von der Ansicht des anderen

mitgenommen hat.



Besonders der letzte Punkt könne dafür sorgen, dass sich beide Parteien trotz der

unterschiedlichen Meinungen gehört und gewertschätzt fühlen. Man kann zum Beispiel den anderen wissen lassen: “Was du erzählst, entspricht nicht meiner Erfahrung - aber ich glaube dir, dass es dir wichtig ist.” Dies überschatte natürlich nicht alle Unstimmigkeiten, aber es helfe sehr, etwas Positives in die Situation zu bringen.


Am Ende umarmen sich Vater und Tochter dann sogar meistens noch :)


David berichtet im Laufe des Gespräches, dass ihm im Arbeitsalltag häufig Menschen begegnen, die nicht seine Meinung teilen. Dies mache ihm nicht sonderlich viel aus. Geht es allerdings um Glaubensthemen, mit denen seine Tochter nicht übereinstimmt, sei dies plötzlich etwas ganz Anderes. Mit hinein spielen hier Selbstvorwürfe (Was habe ich in der Erziehung falsch gemacht?) oder unerfüllte Hoffnungen (David ist als Kind immer mit seiner ganzen Familie in die Kirche gegangen. Daley und ihre eigene Familie gehören jedoch einer anderen Kirche an. Die gemeinsamen (Glaubens-) Erlebnisse und Erfahrungen, die sich David so sehr wünscht, bleiben somit unerfüllt).


Die beiden Möglichkeiten, die einem in so einer Situation bleiben, sind:

Man geht komplett getrennte Wege, oder aber man findet gemeinsam einen Weg, wie man von nun an mit diesen Unstimmigkeiten umgeht.


David und Daley haben sich fest vorgenommen, sich trotz unterschiedlicher Ansichten weiterhin in Liebe zu begegnen und eine enge Beziehung zueinander zu haben. Sie beide möchten akzeptieren, dass die Situation einfach anders ist, als sie es sich erhofft haben.


Dann wird die Frage gestellt, wie wahrscheinlich es ist, dass derartige Diskussionen tatsächlich den Gegenüber von der anderen Meinung überzeugen können. Vater und Tochter hatten da verschiedene Ansichten:


David gibt zu, dass in ihm natürlich die Hoffnung weiter bestehe, dass seine Tochter ihre Meinung im Laufe ihres Lebens einmal ändern wird. Menschen könnten sich nur durch das Auseinandersetzen mit unterschiedlichen Meinungen ändern.

Daley hingegen meint, dass Veränderung häufig nur dadurch erfolgen könne, wenn man sich von seinem Gegenüber geliebt und akzeptiert fühlt.


Dazu passt, was der einflussreiche Psychologe Carl Rogers einmal sagte: “Das Paradox ist, dass man sich selbst erst verändert, sobald man sich selbst so akzeptiert, wie man ist.” *)

Dies gilt bestimmt auch, wenn man sich von anderen so akzeptiert fühlt, wie man ist.


Was Daley während einer Therapie gelernt hat, war Folgendes: Trauere um das, was du niemals haben wirst, und dann akzeptiere das, was du stattdessen hast. In ihrem Fall sei das Zweite: Dass sie sich glücklich schätzen können, dass sie und ihre Geschwister sich so sehr lieben, dass sie alle gemeinsam mit ihren Eltern und Kindern zusammenziehen wollen, damit ihre Kinder gemeinsam aufwachsen können, und sie so kleine Dinge gemeinsam unternehmen können, wie ihre gemeinsamen Pizza-Abende als Familie.

Sich auf positive Dinge zu konzentrieren, ändere die Perspektive. Sie können vielleicht diese eine gemeinsame Sache nicht haben, stattdessen aber viele andere positiven Dinge.


Zu der Frage, welches sie selbst als schwieriges Thema bezeichnen würde, berichtet Daley, dass sie selbst viele Freunde aus der LGBTQ-Community habe. Wenn diese hören würden, was ihr eigener Vater zu dem Thema zu sagen habe, würde es diese sehr verletzen. Dabei weiß Daley, dass ihr Vater eigentlich ein herzensguter Mann ist. Dies sei für sie daher besonders schwierig, anzusprechen.

Ein weiteres Beispiel sei die unterschiedliche Ansicht zu Frauen in leitenden Positionen innerhalb der Kirche.


Zum Abschluss des Gespräches wird zusammengefasst, dass die Schwierigkeit häufig darin besteht, wie man Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen richtig zuhört, und wie man unter derart schwierigen Umständen trotzdem weiterhin Gemeinschaft haben kann. Dies sollte aber, so Jared Byas' Meinung, dennoch möglich sein. Man müsse lernen, in einer Gemeinschaft diese Spannung untereinander auszuhalten und leben zu lernen, denn es werde im Leben immer wieder Punkte geben, in denen man nicht miteinander übereinstimmt. Wichtig sei, aufeinander acht zu geben, selbst Grenzen zu setzen und auch mal zu entscheiden, keine Diskussion zu führen, wenn man

merkt, es würde nicht gut ausgehen. Und man müsse Themen finden, zu denen beide Parteien etwas dazu lernen wollen.


Byas sagt weiter: Beide Extreme, sowohl den Gegenüber überzeugen zu wollen, als auch das Akzeptieren der Meinung des anderen, kämen daher, dass man seinen Gegenüber liebe. Das werde leider oft falsch interpretiert.


Schließlich fasst die Tochter zusammen, dass sie sich wünsche, dass ihr Vater sich keine Vorwürfe machen würde. Sie weiß, dass sie nicht ändern könne, wie er sich fühlt. Dennoch sagt sie ihm, dass er sie ganz wunderbar erzogen habe, denn alle seine Kinder seien gute Eltern, in ihrer eigenen Kirchengemeinde engagiert, und sie alle vereine die Liebe zu ihrer Gemeinde und zu Gott. Ausgehend von der Stelle, an der sich der Vater derzeit befindet, haben alle seine Kinder ihre eigenen Entscheidungen getroffen, doch den Grundstein haben die Eltern gelegt, und darauf könnten sie stolz sein.


Daraufhin sagt David, dass auch er sich noch immer auf einer Reise befindet. Er habe mit der Situation, dass es zwischen ihm und seinen Kindern unterschiedliche Ansichten gibt, zwar noch keinen Frieden gefunden, aber er könne damit leben, wie es jetzt ist.


In seiner Kirche gäbe es ebenfalls Mitglieder, die nicht alle miteinander übereinstimmen. Und eines Tages sagt der ein oder andere vielleicht, dass er keine Gemeinschaft mehr mit dieser Kirche haben könne. David möchte auf keinen Fall, dass dies auch innerhalb seiner Familie passiert, dass sie nicht mehr Teil ihres Leben sein können. Und beide, Vater und Tochter, haben bereits entschieden, dass es niemals dazu kommen werde.


Zu den oben bereits genannten Regeln werden zum Ende hin noch folgende Stichpunkte genannt, auf die bei Gesprächen geachtet werden sollte:

  • Lass den Gegenüber wissen, dass du ihm wichtig bist und ihm zuhörst, dass das Gespräch in Liebe beendet wird, und dass die Beziehung nicht daran zerbrechen wird

  • Achte auf das, was euch verbindet

  • Disagree in love


Die hier genannten Punkte können verständlicherweise nicht bei allen Diskussionen angewandt werden. Es gilt je nach Situation einzuschätzen, welche Punkte hilfreich sind.


Alles in allem empfand ich das Gespräch jedoch als gute Ideenstütze, bzw. Inspiration.


Wer Interesse an der Podcast-Serie hat, kann sie hier finden:

https://podcasts.apple.com/gb/podcast/how-to-disagree/id1590669883


Eure Hannah-Mi






Gelegentliche Gastbeitrag-Schreiberin, hat grundsätzlich eine positive Einstellung, mag tiefsinnige Gespräche, liebt es, zu lachen, fühlt sich Gott in der Natur am nächsten, teilt die Ansicht 'Gemeinschaft ist trotz Unterschiede möglich' und lebt mit Mann und 2 Katzen in Schottland.



*) Zitat aus “Love Matters More” von Jared Byas, S. 62, Zondervan, 2020

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