sehen und gesehen werden
- Ingo

- vor 2 Tagen
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Aktualisiert: vor 5 Stunden
Glück
In meinem letzten Blog berichtete ich von meinem Glückmoment, der unter anderem durch das „gesehen werden“ eines Glaubensbrüder ausgelöst wurde. Er sah mich mit meinen Eigenschaften und inneren Werten.
Hier ein Zitat aus dem Blog:
Er drückte seine Dankbarkeit für meine offene und entgegenkommende Art aus. Er freute sich über meine Ehrlichkeit, mein Verständnis und mein Einfühlungsvermögen. Und, dass wir so liebevoll miteinander umgehen. Das alles möchte er sich zum Vorbild nehmen, wenn er einmal in einer vergleichbaren Situation ist.
Es hat so gut getan. In der folgenden Zeit dachte ich weiter darüber nach.
Wie ist das mit dem „sehen und gesehen werden?
Was ist das für ein Phänomen?
Ist es typisch für die Menschen?
Hat Jesus auch so etwas gespürt?
Kennt Gott es womöglich auch?
Diesen Fragen gehe ich heute einmal nach.
Das Bedürfnis
Zur Einordnung lest bitte einen Ausschnitt aus dem Blog „Sehen und gesehen werden – Das uralte Bedürfnis nach Anerkennung“ von Christian Rabhansl:
Ist sie nicht tief verankert, die Sehnsucht nach Wahrnehmung? Schon in frühester Kindheit ist das Bedürfnis, „gesehen“ zu werden, ein zentrales Element der menschlichen Erfahrung. Es geht dabei nicht nur um die physische Wahrnehmung, sondern vor allem um das Gefühl, in der eigenen Einzigartigkeit erkannt und wertgeschätzt zu sein. Dieses uralte Bedürfnis zieht sich durch alle Lebensphasen und ist eine wesentliche Grundlage für ein stabiles Selbstwertgefühl und tiefe zwischenmenschliche Verbindungen. …
Das kann ich nur bestätigen. Es ist wirklich ein Bedürfnis, dass gestillt werden möchte. Gern in beide Richtungen. Es ist wunderbar Wertschätzung zu erfahren. Auf der anderen Seite ist es auch ein erbauendes Gefühl, anderen Menschen die Anerkennung auszusprechen. Energie wird freigesetzt und kann fliesen.
Jesus und die Jünger
In der Bibel nimmt das „gesehen und gesehen werden“ einen großen Raum ein. Es zieht sich wie ein Faden durch die Schrift.
Bei der Auswahl seiner Jünger sieht Jesus sie mit ihren Stärken und Schwächen an und fordert sie auf, ihm zu folgen. Scheinbar erfüllt sie sein Blick so positiv, dass sie alles stehen und liegen lassen und mit ihm gehen. Hier ein Beispiel:
Als Jesus Nathanael erblickte, sagte er: »Hier kommt ein wahrer Israelit, ein ganz und gar aufrichtiger Mensch!« Nathanael staunte: »Woher kennst du mich?« Jesus erwiderte: »Noch bevor Philippus dich rief, habe ich dich unter dem Feigenbaum gesehen.« »Rabbi, du bist wirklich Gottes Sohn!«, rief Nathanael. »Du bist der König von Israel!« . (Johannes 1,47-49)
Andersherum sehen die Jünger wer und was Jesus ist. Sie leben mit ihm und erleben ihn in der Begegnung mit anderen Menschen. Sie erkennen seine Werte und was ihn antreibt. So schätzen sie ihn ein:
Das Wort wurde Mensch und lebte unter uns. Wir selbst haben seine göttliche Herrlichkeit gesehen, eine Herrlichkeit, wie sie Gott nur seinem einzigen Sohn gibt. In ihm sind Gottes Gnade und Wahrheit zu uns gekommen. (Johannes 1,14)
Niemand hat Gott jemals gesehen; der einziggeborene Sohn, der in des Vaters Schoß ist, der hat ⟨ihn⟩ (Gott) bekannt gemacht. (Elberfelder Bibel: Johannes 1,18)
Nicht dass jemand den Vater gesehen hätte; nur der, der von Gott ist, der hat den Vater gesehen. (Johannes 6,46)
Niemand hat Gott jemals gesehen. Doch wenn wir einander lieben, bleibt Gott in uns und seine Liebe ist in uns zum Ziel gekommen. (1.Johannes 4,12)
Wie schön. Es bleibt nicht nur bei dem Sehen, wie die letzte Stelle zeigt. Sie nehmen sich auch vor, seinem Vorbild zu folgen. Sie fühlen seine Liebe in ihren Herzen und leben sie.
Ich denke genau diese Bekenntnisse haben auch Jesus gut getan. Vielleicht waren sie geradezu die Voraussetzung und der Ansporn für ihn, seinen Weg zu gehen.
Ein wenig entnehme ich diesen Eindruck aus dieser Beschreibung:
Da bat Philippus: »Herr, zeig uns den Vater, dann sind wir zufrieden!« Jesus entgegnete ihm: »Ich bin nun schon so lange bei euch, und du kennst mich noch immer nicht, Philippus? Wer mich gesehen hat, der hat auch den Vater gesehen. Wie also kannst du bitten: ›Zeig uns den Vater‹? Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und der Vater in mir ist? Was ich euch sage, habe ich mir nicht selbst ausgedacht. Mein Vater, der in mir lebt, handelt durch mich. (Johannes 14, 8-10)
So konnte Jesus auch sein. Es ist, als wenn er ungehalten war über die Frage. Sie zeigte ihm, dass seine im Grunde einfache Botschaft nicht in seiner Fülle verstanden wurde. Genau das war für sein Erlösungswerk so unendlich ausschlaggebend.
Ein weiteres Beispiel wie wichtig es für Jesus war, das wirklich jeder ihn sieht und an ihn glaubt, lesen wir in der Beschreibung der Begegnung der Jünger mit ihm als Auferstandenem.
Am Abend desselben Tages hatten sich alle Jünger versammelt. Aus Angst vor den führenden Juden ließen sie die Türen fest verschlossen. Plötzlich kam Jesus zu ihnen. Er trat in ihre Mitte und grüßte sie: »Friede sei mit euch!« Dann zeigte er ihnen die Wunden in seinen Händen und an seiner Seite. Als die Jünger ihren Herrn sahen, freuten sie sich sehr. Jesus sagte noch einmal: »Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich jetzt euch!« Nach diesen Worten hauchte er sie an und sprach: »Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden erlasst, dem sind sie erlassen. Und wem ihr die Schuld nicht vergebt, der bleibt schuldig.« Thomas, einer der zwölf Jünger, der auch Zwilling genannt wurde, war nicht dabei. Deshalb erzählten die Jünger ihm später: »Wir haben den Herrn gesehen!« Doch Thomas zweifelte: »Das glaube ich nicht! Ich glaube es erst, wenn ich seine durchbohrten Hände gesehen habe. Mit meinen Fingern will ich sie fühlen, und meine Hand will ich in die Wunde an seiner Seite legen.« Acht Tage später hatten sich die Jünger wieder versammelt. Diesmal war Thomas bei ihnen. Und obwohl sie die Türen wieder abgeschlossen hatten, stand Jesus auf einmal in ihrer Mitte und grüßte sie: »Friede sei mit euch!« Dann wandte er sich an Thomas: »Leg deinen Finger auf meine durchbohrten Hände und sieh sie dir an! Gib mir deine Hand und leg sie in die Wunde an meiner Seite! Zweifle nicht länger, sondern glaube!« Thomas antwortete: »Mein Herr und mein Gott!« Da sagte Jesus: »Du glaubst, weil du mich gesehen hast. Wie glücklich können sich erst die schätzen, die mich nicht sehen und trotzdem glauben!« (Johannes 20,19-29)
Gerade durch diese Aussagen können Menschen, die jetzt leben, Jesus begreifen und im übertragenen Sinne sehen. Und ich kann es ihm zurufen und ihm dadurch eine Bestätigung zukommen lassen. Gerade weil ich selbst erlebt habe, wie gut es tut.
Gott, Jesus und der Mensch
Durch Jesu Leben bekomme ich also eine Vorstellung von Gott. Er hat die Eigenschaften Gottes verkörpert und in der Welt gelebt. Seine Jünger und die zu dieser Zeit Lebenden sahen ihn, reagierten auf ihn und gaben ihm Wertschätzung zurück.
Wie ist es mit Gott direkt?
Kann ich Gott sehen?
Möchte er überhaupt gesehen werden?
Um Antworten auf diese Fragen zu finden drehe ich die Frage erstmal um.
Wie sieht Gott auf Jesus?
Eine Wanderung der Jünger mit Jesus auf einen Berg in Israel gibt Aufklärung. Gott wiederholt hier seine Sicht auf Jesus.
Sechs Tage später nahm Jesus Petrus, Jakobus und Johannes mit auf einen hohen Berg. Sie waren dort ganz allein. Da wurde Jesus vor ihren Augen verwandelt: Seine Kleider wurden so strahlend weiß, wie kein Mensch auf der Erde sie bleichen könnte. Dann erschienen Elia und Mose und redeten mit Jesus. Petrus rief: »Rabbi, wie gut, dass wir hier sind! Wir wollen drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elia.« Er wusste aber nicht, was er da sagte, denn die drei Jünger waren vor Schreck ganz durcheinander. Da kam eine Wolke und hüllte sie ein, und aus der Wolke hörten sie eine Stimme: »Dies ist mein geliebter Sohn! Auf ihn sollt ihr hören!« Als sich die Jünger umschauten, sahen sie plötzlich niemanden mehr. Nur Jesus war noch bei ihnen. (Markus 9,4-8)
Dies ist die gleiche Aussage, die Gott schon bei seiner Taufe machte.
Siehe auch meinen Blog „Wer glaubt und sich taufen lässt, ...“
Gott bestätigt Jesu einmalige Stellung. Er ist sein geliebter Sohn. Dadurch wird Gott zum Vater von Jesus und im Übertragenen Sinn von allen Menschen. Auf ihn sollen sie hören. Jesus bestimmt, was passiert. Er weiß was zu tun ist und geht seinen Weg. Und Gott vertraut ihm.
Ich ordne diese beiden Bekenntnisse des Vaters zu seinem Sohn als zentrale Stellen in der Bibel ein. Hier wird die heilige Beziehung der beiden zueinander so deutlich. Sie gehören untrennbar zusammen.
Es offenbart auch etwas über Gott. Er möchte als Vater gesehen werden. Eine erste Antwort auf meine Fragen oben.
Um vielleicht mehr zu erfahren möchte ich auf die Menschen schauen, die bei diesem Ereignis dabei waren. Die Jünger schienen in der Situation überfordert.
Was ist mit Mose und Elia?
Warum sind sie dabei?
Beide hatten in ihrem Leben auch ein Berg-Erlebnis mit Gott.
Gott und Mose
Der HERR antwortete Mose: »Auch diesen Wunsch, den du gerade ausgesprochen hast, will ich erfüllen, denn ich habe dich gnädig angenommen und kenne dich ganz genau!« Mose bat: »Lass mich dich in deiner Herrlichkeit sehen!« Der Herr erwiderte: »Ich will an dir vorüberziehen, damit du sehen kannst, wie gütig und barmherzig ich bin. Meinen eigenen Namen ›der HERR‹ werde ich vor dir aussprechen. Ich erweise meine Gnade, wem ich will. Und über wen ich mich erbarmen will, über den werde ich mich erbarmen. Mein Gesicht darfst du nicht sehen, denn kein Mensch, der mich gesehen hat, bleibt am Leben! Aber du kannst hier bei mir auf dem Felsen stehen. Wenn ich dann in meiner Herrlichkeit vorüberziehe, stelle ich dich in eine Felsspalte und halte meine Hand schützend über dich, bis ich vorübergegangen bin. Dann ziehe ich meine Hand zurück, und du kannst mir hinterherschauen; mein Gesicht aber darf niemand sehen!« (2.Mose 33,17-23)
Da kam der HERR in der Wolke herab, trat zu Mose und rief seinen Namen »der HERR« aus. Er zog an Mose vorüber und verkündete: »Ich bin der HERR, der barmherzige und gnädige Gott. Meine Geduld ist groß, meine Liebe und Treue kennen kein Ende! (2.Mose 34,5+6)
Mose wünschte sich, Gott zu sehen. Gott setzte nach den Möglichkeiten dieses Verlangen um. Mose durfte Gott von hinten sehen. Von vorne durfte Gott noch kein Mensch anschauen. Bei diesem Ereignis hört Mose die Eigenschaften Gottes direkt von Gott. Gott stellt sich ihm vor in seiner unendlichen Größe die im Grunde aus einer unendliche Liebe zu den Menschen besteht.
Gott und Elia
Da antwortete ihm der HERR: »Komm aus deiner Höhle heraus und tritt vor mich hin! Denn ich will an dir vorübergehen.« Auf einmal zog ein heftiger Sturm auf, riss ganze Felsbrocken aus den Bergen heraus und zerschmetterte sie. Doch der HERR war nicht in dem Sturm. Als Nächstes bebte die Erde, aber auch im Erdbeben war der HERR nicht. Dann kam ein Feuer, doch der HERR war nicht darin. Danach hörte Elia ein leises Säuseln. (1.Könige 19,11-13)
Elia begegnet Gott ebenfalls auf einem Berg. Dem Berg Horeb. Er gehört zu dem Gebirge Sinai, auf dem Mose Gott sah. Elia sieht Gott auf andere Weise. Genauer gesagt fühlt er ihn. Was für ein Ereignis. Der große Gott, der Schöpfer der Welt kann so zärtlich und aufbauend sein. Gott wusste genau, was Elia benötigte. Er war am Ende und wusste nicht mehr weiter. Er sah für sich keinen Ausweg mehr.
Gott und ich
In einem Interview der „Zeit“ mit dem Ministerpräsidenten Kretschmann bekam ich einen weiteren Impuls.

Ich weiß natürlich nicht an was Herr Kretschmann dabei denkt. Was will Gott von uns? Genau diese Frage beschäftigt mich bei diesem Thema „gesehen und gesehen werden.
Ich werde von Gott gesehen. Daran glaube ich und das erlebe ich auch so.
Gott lässt sich von mir wahrnehmen, indem ich die beschriebenen Berg-Ereignisse auf mich wirken lasse. Ich sehe ihn. Mit seinen wunderbaren Eigenschaften, mit seiner einfühlsamen Art und nicht zuletzt als Vater. Es ist, als wenn sich darin der Grund der Schöpfung erfüllt. Gott möchte von mir gesehen werden. Das setzt eine Energie frei, die unbeschreiblich ist. Ich kann und darf Gott sein Bedürfnis erfüllen.

In diesem Sinne schaue auf Gott und werde von Gott gesehen.
Ingo
Foto von Etienne Boulanger auf Unsplash
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Ingo Tauchert
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Lieber Ingo, vielen Dank für deinen Beitrag heute, den ich inzwischen zweimal gelesen habe, weil ich deine Gedanken und Blickwinkel auf das Thema nochmal sehr interessiert und inspirierend finde. Eine Frage stellt sich mir bei dem Thema immer wieder und begegnet mir auch oft in Gesprächen: Was können wir tun oder nicht, wenn wir uns von Menschen nicht gesehen fühlen ? Ist es dann befreiend, wie du zum Schluss schreibst, zu denken "ich schaue auf Gott und werde von Gott gesehen" ?
Ich wünsche dir noch eine schöne Woche -
Christian