Ein bisschen mehr wie Jesus
- Lea

- 27. Juli
- 4 Min. Lesezeit
Durch die kleine Sommerpause, die ich einlegen durfte als ich mit meiner Familie im Urlaub war, ist es schon eine ganze Weile her, dass ihr von mir gehört habt. Ich hoffe, euch allen geht es gut und ihr habt es gut durch die ersten Hitzewellen des Sommers geschafft!
Ich möchte heute einige Gedanken mit euch teilen, die sich mit einer der Eigenschaften von Jesus beschäftigen, in der ich ihm ähnlicher werden möchte. Während ich diesen Beitrag geschrieben habe, ist mir noch einmal aufs Neue bewusst geworden, wie unheimlich lang die Liste der Dinge ist, die wir von Jesus lernen können. Wer weiß, vielleicht lest ihr irgendwann einen zweiten Teil, der sich mit einer anderen Eigenschaft von Jesus beschäftigt, bei der ich noch Nachholbedarf habe.
Aber fangen wir von vorne an:
Auf dem Weg nach München
Vor ein paar Wochen war ich seit Langem mal wieder mit dem ICE unterwegs. Dabei sind gleich zwei Wunder biblischen Ausmaßes passiert: Die Klimaanlage hat funktioniert und ich bin pünktlich an meinem Zielort angekommen! (Ich hoffe, die Mitarbeiter der Deutschen Bahn können mir den kleinen Scherz verzeihen...)
Was mich aber tatsächlich ins Nachdenken gebracht hat, war eine Begegnung, die ich in dieser Form zum ersten Mal im Zug hatte.
In Göttingen hatte ich einen planmäßigen Umstieg in den zweiten und letzten Zug auf meinem Weg nach München. Neben mir warteten die verschiedensten Menschen am Bahnsteig auf den gleichen Zug: Studenten auf dem Weg in die Heimat, Familien mit Kindern auf dem Weg in ein gemeinsames Wochenende und auch ein blinder Mann, der von einer Mitarbeiterin der Deutschen Bahn begleitet wurde und ebenfalls einen Sitzplatz in meinem Wagen reserviert hatte.

Die Zuständigkeit der Mitarbeiterin der Deutschen Bahn endete offensichtlich beim Einsteigen in den korrekten Wagen des Zugs. Ob das immer der Fall ist – keine Ahnung. Jedenfalls ergriff sie die Gelegenheit als ich vor dem blinden Mann in den gleichen Wagen einstieg und bat mich, dem Mann seinen Platz zu zeigen.
Was dann passierte, war keineswegs außergewöhnlich. Ich sprach den Mann an, damit er meine Stimme zuordnen konnte, erklärte ihm, er müsse links in den Gang abbiegen und ging dann hinter ihm her bis zu dem richtigen Platz. Ich erklärte kurz, wer noch außer ihm an dem Vierertisch saß, er bedankte sich für meine Hilfe und nachdem ich ihm gesagt hatte, dass ich ein paar Reihen hinter ihm meinen eigenen Sitzplatz hatte, wünschte ich ihm eine gute Fahrt und verabschiedete mich. So weit, so gut.
Trotzdem regte mich die kurze Interaktion zum Nachdenken an. Für mich war es das erste Mal, dass ich eine direkte Begegnung mit einem blinden Menschen hatte. Das mag für den ein oder anderen von euch komisch klingen, aber bei mir hat sich das einfach noch nie ergeben.
Ich hatte keine schwierige Aufgabe übertragen bekommen, doch trotzdem erwischte ich mich dabei, mich bei allem zu hinterfragen: Würde es Sinn machen, mich ihm noch einmal direkt vorzustellen, auch nachdem er meine Stimme schon aus dem Gespräch mit der Zugbegleiterin kannte? Wie viel sollte ich erklären? Ab welchem Punkt wäre meine „Hilfe“ nicht mehr hilfreich, sondern eher ein Unterschätzen/Absprechen seiner Autonomie? Sollte ich Bescheid geben, welchen Platz ich hatte, falls er bei irgendetwas Unterstützung brauchte oder nicht?
Diese Fragen und noch mehr gingen mir durch den Kopf und das für eine Interaktion, die im Grunde nach wenigen Sekunden schon wieder vorbei war. Ich hoffe, ihr könnt es mir an der Stelle nachsehen, wie schlecht ich einschätzen konnte, wie er die Welt wahrnahm und welche Informationen er brauchte bzw. welche Informationen ihm weiterhelfen würden, auch wenn sie nicht zwingend erforderlich für ihn waren.
Lernen vom Profi
Während ich mein Erlebnis im Zug reflektierte, musste ich an jemanden denken, der um einiges mehr Erfahrung im Umgang mit blinden Personen hatte als ich: Jesus. Und nach meiner ziemlich unbeholfenen Herangehensweise an die Situation war ich aufs Neue beeindruckt davon, wie gut sich Jesus auf die Menschen um ihn herum einstellen konnte.
Ganz egal, für wie divers und vielfältig wir unseren Bekanntenkreis halten – Jesus hatte tatsächlich mit der ganzen Bandbreite der damaligen Gesellschaft zu tun. Und während ich dabei den Großteil der Zeit damit verbringen müsste, das nächste Fettnäpfchen zu umschiffen, fand Jesus den passenden Umgang mit jedem Einzelnen, dem er begegnete.
Ich finde, das ist eine wahnsinnig beeindruckende Eigenschaft von Jesus und eine Eigenschaft, in der ich ihm gerne ähnlicher werden würde.
In den Evangelien lesen wir von einer Vielzahl von Begegnungen, die Jesus mit den Menschen seiner Zeit hatte. Darunter Menschen am Rande der Gesellschaft, Menschen von hoher Stellung sowohl im weltlichen als auch religiösen Kontext, Kinder und Greise und alle dazwischen. Ganz gleich, wer ihm gegenüber stand, Jesus fand den richtigen Zugang zu der Person.
Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich finde das gar nicht so einfach. Auch wenn man den Hintergrund der Person außen vor lässt, macht allein das Alter eines Menschen schon einen riesigen Unterschied dafür, wie wir mit jemandem umgehen. Schließlich redet niemand von uns genauso mit einem Kind wie mit einer Person gleichen Alters oder jemandem, der viel älter ist als man selbst.
Auch sich auf jemanden einzulassen, der einen ganz anderen Hintergrund als man selbst hat, ist alles andere als leicht. Mal ganz davon abgesehen, wie schwer es uns fallen kann, überhaupt die Begegnung mit uns fremden Menschen zu suchen: Ein kurzes Gespräch mit der Verkäuferin in der Bäckerei, dem Sitznachbarn im Zug oder der Person, die einen in der Stadt nach Kleingeld fragt – für viele (mich eingeschlossen) ist so etwas alles andere als selbstverständlich. Umso beeindruckender finde ich es, dass Jesus uns auch hierfür ein Beispiel sein kann.
Für mich sind diese Eigenschaften von Jesus etwas, wovon ich viel lernen kann: Feine Antennen für das Gegenüber zu haben, der Person möglichst vorurteilsfrei und mit Liebe zu begegnen und dabei ein ehrliches Interesse am Gesprächspartner zu haben. Vielleicht schaffe ich es in dieser Woche, genau diese Dinge etwas mehr umzusetzen. Ich will es auf jeden Fall versuchen und euch hiermit herzlich dazu einladen, es mir gleichzutun.
Bis zum nächsten Mal!
Eure Lea

"Alles wirkliche Leben ist Begegnung." Danke für den wundervollen Artikel! Es tut gut zu lesen, wie du Begegnungen stets aus glaubender Sicht reflektierst. Vorbildlich und empathisch zugleich.
Liebe Lea!
Vielen Dank für Deinen schönen Beitrag und den Bezug zu Jesus! Ja, da können wir noch viel Gutes abgucken!
LG Marco