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Dekonstruktion und die zweite Naivität

  • Autorenbild: Peter
    Peter
  • 4. Mai
  • 6 Min. Lesezeit

Ende letzten Jahres hatte ich in meinem Beitrag „Kopf, Herz oder Bauch?“ hier auf leben.einfach.biblisch darüber berichtet, wie sich unsere ursprünglichen Pläne für eine neue Gemeinde in Braunschweig, wo wir jetzt leben, verändert haben. Ich hatte berichtet von der Suche und ersten Kontakten zu anderen Gemeinden, von denen es hier reichlich gibt. Und auch davon, wie sich immer wieder eine innere Barriere einstellte, wenn in Predigten von dem Mensch gewordenen Gott die Rede war, der so gar nicht zu meinem Gottesbild passt.


Nun, das Leben ging weiter, die Suche nach Gemeinschaft auch. Ich hatte ja zugesagt, wieder zu berichten, wie sich die Dinge so entwickeln. Inzwischen ist fast ein halbes Jahr vergangen und ich kann sagen, das waren Monate mit vielen neuen Erlebnissen, Bekanntschaften und Einsichten.


Zwei wesentliche Dinge waren dabei für mich herausragend, die ich hier gerne mit Euch teilen möchte.


Das Erste: Immer wieder mal habe ich mich in den Internetauftritten der vielen Braunschweiger Gemeinden umgesehen um mehr über Inhalte und Aktivitäten zu finden. Dabei bin ich durch „Zufall“ (oder wohl eher Gottes Führung) auf eine Gemeinde in der Nähe von Braunschweig gestoßen, die sich „Wohnzimmerkirche“ nennt (https://wohnzimmer-kirche.de/). Da fielen gleich zwei Dinge zusammen. Eine Gemeindegröße und Art der Zusammenkünfte, wie wir sie von unserer Gemeinde schon immer kennen und dieser Begriff, den wir vor Zeiten in der Gemeindebaugruppe für das gefunden hatten, was wir in Braunschweig sein wollten, ein externes Wohnzimmer. Die Kontaktaufnahme war sehr sympathisch und einladend, geprägt von einem liebevollen Miteinander auch bei unterschiedlichen Ansichten. Wir haben inzwischen dort mehrere Gottesdienste besucht, erleben eine liebevolle Gemeinschaft und ich mag einfach das Pastorenehepaar sehr, das in diesem kleinen Dorf Wahle bei Vechelde diese Gemeinde angefangen hat und mit einem kleinen Team am Laufen hält.


Das zweite: Durch Daniel bin ich auf einige interessante christliche Podcasts aufmerksam geworden, die ich immer wieder mal in meiner vielen freien Zeit an Vormittagen höre. Der wichtigste dabei heißt „Hossa Talk“. Hier kommen Menschen und Themen zu Wort, die oft abseits des christlichen Mainstream liegen und vermutlich in vielen Gemeinden nicht mal thematisiert werden dürften. Angeregt durch diese Gespräche habe ich inzwischen auch einige Bücher gelesen, die wohl früher nie den Weg in mein Regal gefunden hätten zu Themen wie Allversöhnung, Prozesstheologie, Urzeit-Mythen, zur kulturell-historischen Einordnung biblischer Texte, etc.. Ein Höhepunkt der Auseinandersetzung mit diesen vielen neuen Themen und Menschen war dann sicher vor einigen Wochen die HossaCon, ein Wochenendtreffen der „Hossa-Community“ nicht weit von Braunschweig in einem kleinen Ort im Harz. 100 Menschen unterschiedlichster christlicher Prägung, die sich zum größten Teil noch nie vorher persönlich begegnet sind, haben dort das außergewöhnlichste Wochenende miteinander verbracht, das ich je erlebt habe. Daniel hatte darüber berichtet in seinem Beitrag „Komm in die Gruppe!“ (https://www.leben-einfach-biblisch.de/post/komm-in-die-gruppe).


In der Selbstreflektion während dieser vielen neuen Eindrücke fiel mir mehr und mehr auf, wie sehr auch ich in meiner Christadelphian-Bubble verhaftet war. Als zweite Generation in der Gemeinde, in jungen Jahren großer Fan von konkretem „Biblemarking“ zu sämtlichen Grundthemen des Glaubens. So geht Wahrheit, einfach richtig, schwarz oder weiß. Das hat wohl gut meiner eher rational logischen Persönlichkeit gepasst. Eigentlich hatte ich bei genauerer Betrachtung auch über viele Jahrzehnte wenig bis keine Kontakte zu anderen Christen außerhalb der Gemeinde. Die meisten waren ja eh falsch mit ihrer seltsamen Dreieinigkeit, Teufel, Himmel und Hölle, und was noch alles!?


Viel von diesem Denken ist inzwischen brüchig geworden (Gott sei Dank!). Aus dem ursprünglich einfachen schwarz/weiß wurden zunehmend mehr Grautöne (Frauenbild der Gemeinde, Abgrenzung zu anderen Christen, exklusives Abendmahl, Homosexualität, etc.). Erst jetzt, durch die vielen Kontakte zu anderen Christen, öffnet sich für mich ein Blick in eine unglaubliche Vielfalt und ein wertschätzendes Nebeneinander. Die Bubble ist geplatzt! Der Leib aus vielen Gliedern nimmt langsam Gestalt an.


Inzwischen habe ich mit vielen gesprochen oder von vielen gehört, die sich wegen zum Teil heftigen Erfahrungen und Verletzungen von ihren Gemeinden entfernt haben und vieles bis alles an ihrem bisherigen Glauben infrage stellen bzw. gestellt haben. Allzu oft, weil letztlich einfach die Liebe gefehlt hat.


Was all diese Menschen und ihren Glaubensweg verbindet, ist der Begriff der „Dekonstruktion“.


„Der Begriff Dekonstruktion stammt ursprünglich aus der Philosophie, insbesondere von Jacques Derrida (1930–2004), und bezeichnet eine Methode, die sich mit der Analyse von Sprache, Texten und Konzepten befasst. Dekonstruktion ist ein analytischer Ansatz, der die vermeintliche Stabilität und Eindeutigkeit von Begriffen, Texten oder Systemen (z.B. philosophischen, literarischen, politischen oder religiösen) infrage stellt. Sie zeigt auf, dass scheinbar klare Bedeutungen oft von Widersprüchen, Hierarchien und historischen Bedingungen abhängen.“

Angewandt auf einen dekonstruierten Glauben heißt das:

“Der Begriff "dekonstruierter Glaube" (oft inspiriert von Jacques Derridas Philosophie der Dekonstruktion) beschreibt einen Prozess, in dem traditionelle Glaubensüberzeugungen, Dogmen und religiöse Strukturen infrage gestellt, "auseinandergenommen" und neu bewertet werden. Das kann durch persönliche Krisen, wissenschaftliche Erkenntnisse, gesellschaftliche Veränderungen oder Begegnungen mit anderen Weltanschauungen ausgelöst werden."

Typische Merkmale:

  • Hinterfragen von Autoritäten: Die Bibel, die Kirche oder traditionelle Lehren werden nicht mehr unkritisch akzeptiert.

  • Auseinandersetzung mit Widersprüchen: Man sieht, dass der Glaube nicht immer einfach, harmonisch oder logisch ist.

  • Persönliche Authentizität: Der Glaube wird nicht mehr "übernommen", sondern "individuell neu formuliert.“


Auch für mich hat dieser Prozess an Wichtigkeit gewonnen. Nicht, weil ich glaube, dass bisher vieles an meinen Glaubensüberzeugungen falsch gewesen wäre, sondern weil ich fühle, dass ich es den vielen neuen anderen Christen, die ich treffe, schuldig bin, ihre Ansichten zumindest mal verstanden zu haben!


Dabei hilft es mir sehr, bei vielen dieser Themen nicht immer sofort die eingeübten und antrainierten Standardantworten hervorzukramen, sondern den eigenen „gelernten“ Glauben ebenfalls zu hinterfragen.


Ein zweiter Begriff, der im Zusammenhang mit Dekonstruktion oft genannt wird, ist die „zweite Naivität“ als ein Ziel der Dekonstruktion.


Meine Lieblings-KI LeChat schreibt dazu:

“Das Konzept der "zweiten Naivität" im Zusammenhang mit dem christlichen Glauben stammt vor allem vom französischen Philosophen und Theologen Paul Ricœur. Es beschreibt eine Art des Glaubens, die nicht naiv im Sinne von unreflektiert oder kindlich ist, sondern die durch kritische Reflexion, Zweifel und intellektuelle Auseinandersetzung hindurchgegangen ist – und gerade dadurch zu einer neuen, bewussteren und tieferen Form der Überzeugung gelangt.

Kernidee der zweiten Naivität

  • Erste Naivität: Ein unreflektierter, oft kindlicher Glaube, der auf Tradition, Autorität oder emotionaler Bindung beruht.

  • Kritische Phase: Der Mensch hinterfragt seinen Glauben, setzt sich mit Wissenschaft, Philosophie und persönlichen Zweifeln auseinander.

  • Zweite Naivität: Nach dieser Phase der Reflexion und des Zweifels kann der Glaube neu angenommen werden – nicht als blinde Akzeptanz, sondern als bewusste, reflektierte Entscheidung.

Im christlichen Kontext bedeutet die zweite Naivität, dass der Glaube nicht auf blinder Tradition oder Angst vor Fragen beruht, sondern auf einer tiefen, persönlichen Überzeugung, die auch Zweifel und kritische Fragen aushält. Sie ermöglicht es, den Glauben in einer modernen, pluralistischen Welt zu leben, ohne ihn aufzugeben oder zu verflachen.“

Ich fühle mich gerade in diesem Prozess hin zur zweiten Naivität sehr wohl. Ich bin dankbar dafür, über meine Zeit so frei verfügen zu können, dass ich Podcasts hören und Bücher lesen kann, die meinen Glauben bereichern und meinen über Jahrzehnte viel zu engen Blick aus der eigenen Bubble unglaublich weiten.


Auf der Suche nach einem Titelbild für diesen Beitrag habe ich eine sehr passende Darstellung gefunden, die wunderbar zeigt, wohin mich das Auseinandernehmen, kritisch hinterfragen und neu zusammensetzen führen kann.



Was hier dargestellt ist, ist die japanische Kunst des Kintsugi. Eine kurze Begriffsdefinition fasst wunderbar in Worte, was Ziel einer von Gott begleiteten Dekonstruktion sein kann:

“Die japanische Kunst, keramische Bruchstücke mit vergoldeten Bruchkanten wieder zusammenzusetzen, heißt Kintsugi (金継ぎ). Diese traditionelle Technik betont die Schönheit der Unvollkommenheit und verleiht den reparierten Objekten einen einzigartigen, wertvollen Charakter.“

„Die Schönheit der Unvollkommenheit“ - ein wunderbarer Ausdruck! - ist wohl das, was Paulus meint, wenn er in 1. Korinther 13 schreibt:

Denn wir erkennen stückweise, und wir weissagen stückweise; wenn aber das Vollkommene kommt, wird das, was stückweise ist, weggetan werden. Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind, urteilte wie ein Kind; als ich ein Mann wurde, tat ich weg, was kindlich war. Denn wir sehen jetzt mittels eines Spiegels, undeutlich, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, wie auch ich erkannt worden bin. Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; die größte aber von diesen ist die Liebe. (1. Korinther 13, 9-13)
Euer Peter!

 

P.S.: Wer mehr über Dekonstruktion wissen möchte, hier ein Link zu einem sehr lesenswerten Artikel:

 

1 Kommentar


Christian
04. Mai

Lieber Peter, vielen Dank für deinen Beitrag heute, das sind tolle und befreiende Gedanken von dir, die ich gut nachvollziehen und mich anschliessen kann.

Liebe Grüße - Christian

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