• Daniel

Zu viele Regeln

Die Bibel ist voll von Gesetzen und Geboten: mach dies nicht, lass jenes, achte darauf dieses zu tun, enthalte dich von jenem. Das ist doch einfach nur anstrengend. Warum sollte ich mir das freiwillig aufhalsen? Viel zu viele Regeln.


Habt ihr so schon mal gedacht? Zugegeben, in den vorangegangenen Sätzen sind gleich mehrere verschiedene Gedanken vermischt. Aber fühlt sich mindestens einer davon bekannt an?


Wenn ich mit nicht-christlichen Freunden über meinen Glauben spreche, dann kommen immer wieder solche oder ähnliche Aussagen auf den Tisch – manchmal eher als interessierte Frage, manchmal als persönliches (Zwischen-)Fazit und manchmal auch als kleine provokative Stichelei in meine Richtung. Ganz ehrlich: Ich kann den Gedankengang sehr gut nachvollziehen! Es scheint nicht besonders reizvoll einem Gott zu folgen, der mich mit willkürlich aufgestellten Regeln überhäuft, die ich dann alle auch noch freudestrahlend und hoch motiviert zu seiner Ehre befolgen soll (oder besser: befolgen wollen soll). Eigentlich scheint es sogar ziemlich nervig, anstrengend und überhaupt nicht wie etwas, was ich aus freien Stücken machen möchte. Ich möchte keinem Gott anhangen, der seine Macht benutzt, um mir Regeln für mein ihm gefälliges Leben vorzuschreiben, nur weil er es eben kann.


Das muss ich aber zum Glück auch nicht! ;)




Eine überraschende Aussage


Wenn man aus Neugier irgendwo bei Oma im Schrank eine leicht angestaubte Bibel aus dem Regal holt und sie aufschlägt, dann findet man tatsächlich eine ganze Menge Vorschriften, Regeln und Gebote. Das fängt im Alten Testament (AT) an (ein „Highlight“ ist hier sicherlich das dritte Buch Mose), hört dort aber nicht auf, sondern zieht sich sehr ähnlich auch durch das Neue Testament (NT). Auch Jesus hat während seiner Zeit auf der Erde eine ganze Reihe von Geboten ausgesprochen und nach seinem Tod haben es ihm Paulus und weitere Schreiber in ihren Briefen und Berichten gleichgetan.

Zumindest scheint es auf den ersten Blick so. Aber dann treffen wir auf eine Aussage Jesu, die irgendwie nicht so recht dazu zu passen scheint:

„Als aber die Pharisäer hörten, dass er die Sadduzäer zum Schweigen gebracht hatte, versammelten sie sich am selben Ort. Und in der Absicht, ihn auf die Probe zu stellen, fragte ihn einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer: Meister, welches Gebot ist das höchste im Gesetz? Er sagte zu ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstand. Dies ist das höchste und erste Gebot. Das zweite aber ist ihm gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“ (Matthäus 22,34-40)

Was für ein mächtiges Statement: Es gibt eigentlich nur zwei Gebote! Alle anderen sind auf diese zwei zurückzuführen. Das muss man erst mal sacken lassen. Diese Tatsache macht doch gleich einiges einfacher.


Aber wie kann das sein? Warum dann Seite über Seite der Bibel, die uns kleinteilig beschreiben, was Gott gefällt und was nicht?


Ich denke, was uns Jesus hier so augenöffnend unterbreitet ist die Tatsache, dass es überhaupt nur jemals so viele Gesetze und Gebote gab, weil wir einzig mit dem eigentlichen Kern der Sache nicht wirklich umgehen können. Gott lieben und unsere Nächsten lieben – das ist worum es eigentlich geht. Aber wie es oft mit solchen grob gefassten Aussagen ist, kommen immer wieder Situationen, in denen man etwas ratlos dasteht und sich fragt: Was bedeutet denn das jetzt im Einzelnen? Was genau sollte ich denn jetzt tun, wenn ich dem Folge leisten möchte?


Genau deshalb finden wir über die ganze Bibel verteilt Gebote, Erläuterungen und Erlebnisberichte, die uns zeigen, was Gott zu lieben und den Nächsten zu lieben in bestimmten Situationen konkret bedeutet. Das heißt aber auch, dass all diese Niederschriften eigentlich nicht notwendig wären, wenn wir den Kern der Sache (das sogenannte „Doppelgebot der Liebe“) wirklich verinnerlichen würden.



Hält das einer Prüfung Stand?


Wenn ihr auch nur ansatzweise so tickt wie ich, dann fragt ihr euch an dieser Stelle sicher: Schön und gut … klingt erst mal plausibel … aber hält diese Aussage auch wirklich einer genaueren Prüfung stand? Kann man wirklich jedes Gebot der Bibel auf „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstand“ und „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ reduzieren? Eine Frage, die ich mir genauso gestellt habe ;)


Jesus sagt „[…] das ganze Gesetz und die Propheten“ hängt an diesen zwei Geboten. Das Gesetz und die Propheten stehen hier erst einmal für das AT und seine Aussagen darüber, was Gott gefällt, was er sich von uns wünscht, und was eben nicht. Nun ist es schwierig in einem Blogbeitrag, der halbwegs überschaubar bleiben soll, das ganze AT zu untersuchen und zu prüfen, ob sich alle Gebote darin auf die zwei Kerngebote reduzieren lassen (was allerdings für eifrige Bibelforscher sicher eine interessante Aufgabe wäre). Daher soll es erst einmal als Stichprobe genügen, eine der wohl bekanntesten Passagen der Bibel überhaupt zu untersuchen: die 10 Gebote, die Gott den Israeliten am Berg Sinai gegeben hat.



Die 10 Gebote unter der Lupe


Lasst uns also einmal einen Blick auf diese zentralen Gebote werfen und uns dabei von der Frage leiten lassen: Kann ich eins der beiden Doppelgebote der Liebe hierin wiederfinden? Los geht’s am Anfang von 2. Mose Kapitel 20:

Nr. 1: „Und Gott redete alle diese Worte und sprach: Ich bin der HERR, dein Gott, der dich herausgeführt hat aus dem Land Ägypten, aus einem Sklavenhaus. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ (2. Mose 20,1-3)

Hier steht ganz klar die Liebe zu Gott im Mittelpunkt: Nur ihn sollen wir lieben.

Nr. 2: „Du sollst dir kein Gottesbild machen noch irgendein Abbild von etwas, was oben im Himmel, was unten auf der Erde oder was im Wasser unter der Erde ist. Du sollst dich nicht niederwerfen vor ihnen und ihnen nicht dienen, denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott, der die Schuld der Vorfahren heimsucht an den Nachkommen bis in die dritte und vierte Generation, bei denen, die mich hassen, der aber Gnade erweist Tausenden, bei denen, die mich lieben und meine Gebote halten.“ (2. Mose 20,4-6)

Im zweiten Gebot wird die Liebe zu Gott sogar explizit erwähnt. Man könnte hier auch überlegen, ob das Erschaffen von Götzenfiguren nicht sogar auch gegen das Gebot der Nächstenliebe verstößt, da ich andere eventuell in Versuchung bringe, diese Götzen an Stelle von Gott anzubeten. Primär geht es hier aber denke ich um die Liebe zu Gott.

Nr. 3: „Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen, denn der HERR wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.“ (2. Mose 20,7)

Den Namen Gottes nicht zu missbrauchen ist eine ganz praktische Ausformung des Gebots, Gott zu lieben. Wieder ein Treffer ;)

Nr. 4: „Denke an den Sabbattag und halte ihn heilig. Sechs Tage sollst du arbeiten und all deine Arbeit tun; der siebte Tag aber ist ein Sabbat für den HERRN, deinen Gott. Da darfst du keinerlei Arbeit tun, weder du selbst noch dein Sohn oder deine Tochter, dein Knecht oder deine Magd noch dein Vieh oder der Fremde bei dir in deinen Toren. Denn in sechs Tagen hat der HERR den Himmel und die Erde gemacht, das Meer und alles, was in ihnen ist, dann aber ruhte er am siebten Tag. Darum hat der HERR den Sabbattag gesegnet und ihn geheiligt.“ (2. Mose 20,8-11)

Auch hier können wir beide Teile des Doppelgebots der Liebe wiederfinden: Den Sabbat zu halten, bedeutet zum einen, dass ich meinen engsten Mitmenschen (inkl. Knechten und Mägden) einen Tag der Ruhe und Erholung gönne. In der damaligen Gesellschaft ohne Gewerkschaften und Rechtsbeistand als Arbeitgeber nicht auf 7 Tage Arbeit zu bestehen, ist daher sicher ein Akt der Nächstenliebe. Wieder geht es aber auch um die Liebe zu Gott und darum, das, was er geheiligt hat, nicht mit Füßen zu treten.

Nr. 5: „Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst auf dem Boden, den der HERR, dein Gott, dir gibt.“ (2. Mose 20,12)

Nun verlassen wir den Bereich der 10 Gebote, in denen die Liebe zu Gott dominiert und kommen zu den Geboten, die sich ausdrücklich auf die Liebe zu unseren Nächsten beziehen.

Nr. 6: „Du sollst nicht töten.“ (2. Mose 20,13)

Der wohl drastischste Fall von Nächstenliebe.

Nr. 7: „Du sollst nicht ehebrechen.“ (2. Mose 20,14)

Fremdzugehen oder sich Scheiden zu lassen, bedeutet viel Leid für viele Beteiligte. Nicht die Ehe zu brechen, ist daher auch eine klare Form von Liebe und Achtung gegenüber meinen Nächsten.

Nr. 8: „Du sollst nicht stehlen.“ (2. Mose 20,15)

Spricht für sich.

Nr. 9: „Du sollst nicht als falscher Zeuge aussagen gegen deinen Nächsten.“ (2. Mose 20,16)

Auch hier klar dem zweiten Teil des Doppelgebots zuzuordnen.

Nr. 10: „Du sollst nicht das Haus deines Nächsten begehren; du sollst nicht die Frau deines Nächsten begehren oder seinen Knecht oder seine Magd oder sein Rind oder seinen Esel oder irgendetwas, das deinem Nächsten gehört.“ (2. Mose 20,17)

Begierde spielt sich in erster Linie in unserem Kopf ab. Wir haben aber sicher alle schon einmal erlebt, welche Verletzung Neid oder Gier auslösen können, selbst wenn sie nicht in Taten (z. B. Diebstahl oder Ehebruch) übergehen. Spätestens wenn dies doch geschieht, haben wir wieder einen klaren Fall von mangelnder Nächstenliebe.


Diese kleine stichprobenartige Betrachtung hat denke ich gezeigt, dass sich zumindest jedes der 10 Gebote mit mindestens einem der beiden Kerngebote „Liebe Gott“ und „Liebe deinen Nächsten“ deckt. Wenn wir also auf Jesu Aussage blicken, dass das ganze Gesetz und die Propheten (= das AT) an diesen zwei Geboten hängen, dann haben wir jetzt zumindest eine erste Grundlage geschaffen, um sagen zu können: Es sieht so aus, als hätte er Recht.


Eine Interessante Feststellung ist wie ich finde auch, dass wir fast eine 50/50 Teilung in den 10 Geboten finden: Die erste Hälfte von ihnen handelt überwiegend von der Liebe zu Gott, die zweite Hälfte von der Liebe zu unseren Mitmenschen. Also wenn man so will je eine Steintafel für je eine Hälfte des Doppelgebotes der Liebe – fand ich sehr interessant, als ich darauf gestoßen bin! :) Ganz perfekt geht es denke ich nicht auf, aber dazu später mehr.



Und das Neue Testament?


Wie steht es nun mit dem NT? Auch hier finden wir, wie schon erwähnt, viele Aussagen, die wie Regeln oder Gebote formuliert sind. Jesus bezieht sich mit seiner Aussage „An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten“ (Matthäus 22,40) nicht explizit auf das NT – wie könnte er auch, da es ja erst entstand, nachdem er auf der Erde gewirkt hatte. Trotzdem scheint seine Aussage so mächtig, dass ich persönlich das Bedürfnis hatte zu überprüfen, ob sie genauso für das NT gilt.


Natürlich habe ich nichts anderes erwartet, nicht zuletzt, da Jesus selbst darauf hinweist, dass er keine neuen Lehren bringt, sondern lediglich die schon immer dagewesenen Grundsätze noch einmal auslegt und verdeutlicht (vgl. z. B. Matthäus 5,17 ff.). Natürlich müssen sich daher auch alle Gebote des NTs auf die Grundsätze „Liebe Gott“ und „Liebe deine Mitmenschen“ reduzieren lassen.


Wiederum können wir an dieser Stelle nicht das ganze NT untersuchen, daher sollen ein paar Stichproben ein erstes Bild liefern (und jeder der mag, kann die Studie für sich weiterführen). Als Gebote des NT könnte man z. B. sehen:

„Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, […]“ (Matthäus 5,44)

Auch wenn es keinesfalls leicht umzusetzen ist – auch mein Feind kann mein Nächster sein. Daher können wir diesen Ausspruch klar der Kategorie Nächstenliebe zuordnen.

„Vergeltet niemandem Böses mit Bösem, seid allen Menschen gegenüber auf Gutes bedacht!“ (Römer 12,17)

Auch hier ein Aufruf zu Nächstenliebe.

„Lasst in eurer Mitte Psalmen ertönen, Hymnen und geistliche Lieder, singt und musiziert dem Herrn aus vollem Herzen, und dankt unserem Gott und Vater allezeit für alle Dinge im Namen unseres Herrn Jesus Christus.“ (Epheser 5,19+20)

Zur Abwechslung einmal ein Vers, der die Liebe zu Gott im Zentrum hat.

„Seid gütig zueinander, seid barmherzig und vergebt einander, wie auch Gott euch in Christus vergeben hat.“ (Epheser 4,32)

Güte, Demut, Barmherzigkeit und Vergebung – ganz klar Formen von Nächstenliebe.

„Habt nicht das eigene Wohl im Auge, sondern jeder das des andern.“ (Philipper 2,4)

Wieder ein Aufruf zur Nächstenliebe. Und nun zum Abschluss unserer sehr beschränkten und zugegeben recht willkürlichen Stichprobe von Geboten des NT:

„Tragt einer des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ (Galater 6,2)

Noch ein Aufruf zur Nächstenliebe, in diesem Fall aber mit einer vielleicht etwas überraschenden Zusatzbemerkung: Nächstenliebe erfüllt „das Gesetz Christi“? Moment … aber das Gesetz Christi (wenn wir es mal mit Paulus Worten so nennen wollen) ist doch mehr als das?! Nächstenliebe … ja … aber auch die Liebe zu Gott, oder nicht? Wo ist die auf einmal hin? Versteht mich nicht falsch, ich möchte nicht allzu viel Gewicht auf diesen einen Vers aus dem Brief an die Galater legen. Aber er deutet für mich in eine interessante Richtung, in die ich euch kurz mitnehmen möchte.



Was heißt eigentlich „gleich“?


Lasst uns noch einmal zurückkommen zum berühmten Doppelgebot der Liebe und einen letzten Aspekt betrachten, den ich sehr interessant finde. Das Doppelgebot besteht, wie ich inzwischen denke ich zur genüge erwähnt habe, aus den zwei Bestandteilen Gott zu lieben und seinen Nächsten zu lieben. Diese Gebote werden von Jesus als die größten Gebote hervorgehoben, von denen sich alle anderen ableiten. Was ich hieran interessant finde, ist die Verknüpfung, die Jesus vornimmt. Er nennt das erste und höchste Gebot (Gott lieben) und sagt dann: „Das zweite aber ist ihm gleich […]“ (Matthäus 22,39).


Was bedeutet das eigentlich? Wie ist „gleich“ zu verstehen? Mein erster Gedanke dazu war, dass Jesus hier sagt „Es gibt ein Gebot, das das höchste ist, aber noch ein anderes, das gleich wichtig ist“. So kann man es verstehen. Aber das ist nicht die einzige Lesart. Ebenso könnte man verstehen, dass Jesus sagt: „Es gibt das höchste und wichtigste Gebot, und dann noch ein weiteres, welches aber eigentlich das gleiche ist.“


Im ersten Moment klingt diese Lesart vielleicht etwas unsinnig, aber als ich so darüber nachgedacht habe, ist mir aufgefallen, dass sie gar nicht so abwegig ist! Wir konnten in dieser Studie leider nur eine kleine Stichprobe an Bibelversen aus dem AT und NT angucken, aber ich rufe jeden auf, noch weitere Gebote und Regeln zu suchen. Wenn ihr danach sucht, achtet doch mal darauf, wie viele Regeln, Gebote und Gesetze sich eigentlich rein auf die Verehrung Gottes beziehen und wie viele auf die Nächstenliebe. Ich kann keine Zahlen dazu nennen, aber in all den Jahren, die ich nun schon in der Bibel lese, stellt sich für mich immer mehr heraus: Der Großteil aller Gebote, die wir überhaupt in der Bibel finden, regelt nicht die Verehrung Gottes, sondern unser Zusammenleben hier auf der Erde!


Es ist eigentlich geradezu verrückt, dass es für den Schöpfer des Universums eine so große Herzensangelegenheit zu sein scheint, dass wir Menschen liebevoll miteinander umgehen und uns nicht gegenseitig die Köpfe einschlagen! Denn genau darum geht es in den allermeisten Gesetzen und Geboten. Erinnert euch: Selbst bei den 10 Geboten finden wir prozentual sogar einen Hauch mehr Nächstenliebe als direkte Liebe zu Gott. Ich glaube für Außenstehende scheint es oft so, als sei die Bibel ein Buch voller Regeln, wie wir uns Gott in Ehrfurcht nahen und ihm in unserem Gottesdienst gefallen sollen. Und natürlich ist das auch zum Teil wahr. Aber wenn wir genau hinsehen, stellen wir fest: Was Gott am meisten gefällt sind nicht Opfergaben oder Anbetungsrituale – es ist ganz einfach unser liebevolles Zusammenleben.


Vor diesem Hintergrund können wir noch einmal fragen: Was meint Jesus mit „gleich“? Ich glaube man kann hier nicht eine der von mir vorgeschlagenen Lesarten eindeutig bevorzugen und die andere abwinken. Aber ich glaube auch, dass es gute Indizien dafür gibt, dass der größte Teil unseres Gottesdienstes eigentlich in der Liebe untereinander besteht. Das ist der Weg, auf dem wir ganz praktisch unsere Liebe nicht nur zu unseren Mitmenschen, sondern auch zu Gott ausdrücken können.


Wir können natürlich auch Gott direkt dienen, aber da wir ihn weder sehen noch anfassen können, sind die Mittel und Wege hier beschränkt. Unsere Nächsten können wir hingegen sehen und anfassen und ihnen Gutes tun, und ich bin überzeugt, dass Gott und sein Sohn sich über diese Liebe ebenso freuen, wie über die Liebe direkt zu ihnen. Denn so sagt es auch der König in Jesu Bild vom letzten Gericht:

„Amen, ich sage euch: Was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Matthäus 25,40)

Ist das nicht ein wunderbarer Charakterzug? Er sagt quasi zu uns: „Ich wünsche mir, dass ihr mich liebt. Aber ich weiß auch, dass das für euch nicht ganz einfach ist – immerhin bin ich für euch schwer zu greifen. Da ich nun jeden von euch so sehr liebe, könnt ihr eure Liebe auch einfach untereinander ausdrücken. Wenn ihr die liebt, die ich liebe, dann fühle ich mich ebenso geliebt.“


Mit diesem Gedanken im Hinterkopf finde ich es nicht abwegig in Jesu Ausspruch auch zu lesen: Gott zu lieben und den Nächsten zu Lieben sind mitunter ein und dieselbe Sache.



Das willst du freiwillig?


Und damit sind wir wieder ganz am Anfang angelangt, nämlich bei einer Frage, auf die ich noch gar nicht weiter eingegangen bin:


Warum möchte ich mir freiwillig diese ganzen Gesetze aufladen?


Erst mal können wir festhalten: Es sind nicht viele Gebote, nur zwei. Vielleicht sogar eigentlich nur eins. Und die möchte ich deshalb gerne befolgen, weil ich erkannt habe, dass sie zwar für Gott, aber ebenso für mich da sind. Für mich und euch. Für alle Menschen. Die Gebote, die Gott uns gegeben hat, regeln vor allem anderen ein so perfektes liebevolles und wohlwollendes Miteinander unter Menschen, wie es sonst kein Gesetz tut. Daher ist es kein Zwang nach diesen Regeln zu leben, sondern vielmehr ein Dürfen und ein Wollen. Zwei Gebote, die vielleicht sogar nur eins sind, und zum Ziel haben, dass wir alle in Frieden miteinander leben können – warum sollte man nicht danach Leben wollen?


Im Übrigen: Das ist auch einer der wichtigsten Gründe, warum ich an die Bibel und an den Gott glaube, den sie mir vorstellt. Keine andere Philosophie, Religion oder sonstige Weltanschauung liefert in meinen Augen eine vollkommenere und schönere „Gebrauchsanweisung“ für Frieden und Liebe auf der Erde. Das Doppelgebot der Liebe wäre quasi die Weltformel – wenn wir nicht alle die Neigung in uns hätten, immer mal wieder dagegen zu verstoßen. Aber das ist Stoff für einen anderen Beitrag … ;)

Gottes Segen und bis demnächst! Euer Daniel

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