• Ulrike

Wie geht's dir?

Ein Kunde betritt den Laden. Ich stehe hinter dem Käsetresen und packe Käse sorgfältig in Folie ein. Aus dem Augenwinkel registriere ich ein bekanntes Gesicht, jemanden den ich schon lange nicht mehr gesehen habe. Wir sehen uns, freuen uns und fragen uns: „Wie geht es dir?“.


Was folgt? Jetzt kann sich der geneigte Leser ausmalen, wie es weitergehen könnte. Kratze ich nur höflich an der Oberfläche oder möchte ich wirklich eine ehrliche Antwort. Kann ich ehrlich antworten? Die schnelle Variante „Gut – und selber?“ lenkt von mir ab. Da ist kein Platz mehr für die unschönen Dinge des Lebens, Probleme oder Trauer. „Gut“ – signalisiert: ich habe mein Leben im Griff, du brauchst nicht weiter fragen. Diese Art der Begrüßung, wie sie auch im englischsprachigen Raum gerne benutzt wird, empfinde ich als reine Floskel. „How are you?“ – „Fine – Thank's“. Und welchen Käse kann ich dir verkaufen?


Andererseits kann es auch passieren, dass sich der alte Bekannte öffnet und dir plötzlich erzählt, was ihn gerade so umtreibt. Es verändert sich etwas, wenn ich „Gut“ durch ein adäquates Wort wie z. B. „ich bin zufrieden“ oder „gerade sehr trubelig, komme kaum zur Ruhe“ ersetze. Manchmal erkenne ich durch die Antwort auf meine Frage: „Wie geht's dir?“, ob das Nachfolgende oberflächlich bleibt oder ein wirklicher Austausch gewünscht wird und zustande kommt.



Wenn ich bereit bin, auf diese einfache Frage mal ausführlich zu antworten, was erwarte ich dann? Oder andersherum: Öffnet sich mein Gegenüber und schüttet mir sein Herz aus, was mach ich damit? Mein Gegenüber ist mein Nächster. Das bringt mich zu einer Facette der Nächstenliebe.

„Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst.“ (Markus 12,31)

„... wie dich selbst“ bedeutet für mich in diesem Kontext, ich möchte mich nicht selbst belügen und ehrlich mit mir und dem Nächsten sein. Und das ist so oft viel mehr als einfach „Gut – danke“. Gott und Jesus wissen, was in mir vorgeht und wie es um mich steht. Das verbindet mich sehr mit ihnen, macht mich sicher und hoffnungsvoll positiv. Kann das mit den Menschen um mich herum genauso gehen? Ich denke ja!


Nicht, dass das so endet wie im Psalm 142:

„Nirgendwo will man etwas von mir wissen. Ich finde keine Hilfe mehr, und keiner kümmert sich um mich.“ (Psalm 142,5)

Nehme ich mir Gott und unseren Herrn Jesus zum Vorbild, dann habe ich ein offenes Ohr, höre zu, nehme wahr und fühle mit. Dann weine ich mit den Weinenden und lache mit den Lachenden.

„Freut euch mit den Fröhlichen! Weint auch mit den Trauernden!“ (Römer 12,15)

Bin ich der Erzählende, dann bekomme ich nicht immer prompt eine Antwort auf meine Fragen oder eine passgenaue Lösung von Gott präsentiert. Und genau das will ich auch nicht, wenn ich meinem Nächsten von meinen Problemen und Nöten erzähle. Darum geht es in erster Linie dann gar nicht. Sondern um einen Mitwissenden, um eine Begleitung.


Der Kunde vom Käsetresen, siehe oben, erzählte mir dann, dass er gerade aus der Innenstadt in einen ruhigen Vorort umgezogen ist und wie schön es ist, wieder einen kleinen Garten zu haben und morgens von Vogelgezwitscher geweckt zu werden. Allerdings gibt es noch keine Küche ... dafür ein leckeres Stück Bergkäse von mir.


Wie geht es euch damit? Benutzt ihr auch gerne mal ein schnelles „Gut“, um Nachfragen aus dem Weg zu gehen? Hört ihr zu, wenn euch was erzählt wird und versucht ihr auch mal die Sichtweise des Erzählenden einzunehmen?


Ich nehme mir vor, daran zu denken und ehrlich Interesse zu zeigen und authentisch zu antworten. – Danke der Nachfrage!


Eure Ulrike


Die Bibelzitate sind aus der Übersetzung "Hoffnung für alle" entnommen

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