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Wahrheit vs. Meinung - oder doch eher Liebe?

Vor kurzem bin ich beim Hören eines Podcasts* auf eine Parabel gestoßen, die mit Sicherheit viele schon einmal gehört haben. Die Story sowie die darauf folgenden Gedanken möchte ich gerne mit euch teilen:


Es waren einmal fünf blinde Gelehrte aus fünf unterschiedlichen Dörfern. Ein König rief diese fünf Gelehrten zusammen und bat sie, zu erforschen, was ein Elefant ist. Sie reisten also für ihn nach Indien und wurden zu einem Elefanten geführt. Die Gelehrten standen nun um ihn herum, betasteten ihn von ihren Positionen aus und versuchten, sich ein Bild von ihm zu machen:


Der erste Gelehrte stand am Kopf des Tieres, berührte den Rüssel und sagte: „Ein Elefant ist wie eine Schlange.”


Der zweite Gelehrte stand am Ohr des Elefanten und sprach: „Nein, ein Elefant ist wie ein großer Fächer.”


Der dritte Gelehrte erwiderte: „Nein, ein Elefant ist wie eine dicke Säule”, denn er hatte ein Bein des Elefanten ertastet.


Der vierte Gelehrte sagte: „Ich denke, ein Elefant ist wie ein kleiner Schlauch mit ein paar Haaren am Ende”, da er den Schwanz berührt hatte.


Der fünfte Gelehrte ertastete den Bauch des Tieres und sagte schließlich: „Also, ich sage, ein Elefant ist ein riesiger Klops mit ein paar Borsten darauf.”



Nach diesen widersprüchlichen Äußerungen fürchteten die Gelehrten den Zorn des Königs, da sie sich nicht darauf einigen konnten, was ein Elefant wirklich ist. Doch der König lächelte und sagte: „Ich danke euch, denn nun weiß ich, was ein Elefant ist: Ein Elefant ist ein Tier mit einem Rüssel, wie eine Schlange, mit Ohren wie Fächer, mit Beinen wie Säulen, mit einem Schwanz, der einem kleinen Schlauch mit ein paar Haaren daran gleicht, und mit einem Rumpf, der wie ein großer Klops mit Rundungen und ein paar Borsten ist."


Die Gelehrten senkten beschämt ihren Kopf, nachdem sie erkannten, dass jeder von ihnen nur einen Teil des Elefanten ertastet und sie sich zu schnell mit ihrem Ergebnis zufrieden gegeben hatten.


Die Erkenntnis aus dieser Parabel betrifft auch uns mit unserem „Elefanten”, den wir studieren: der Bibel.


Kein Mensch weiß zu 100 % alle Antworten auf die Fragen, die die Bibel aufwirft. Man kann schon sein ganzes Leben mit deren Studium verbracht haben, doch noch immer finden sich (alte oder neue) Fragen.


Die Parabel zeigt uns daher die Wichtigkeit von Vielfalt auf: Wir Menschen unterscheiden uns voneinander, jeder hat einen anderen Hintergrund, verschiedene Stärken, Schwächen, Kenntnisse, Vorlieben. Aus diesem Grund ist es wichtig, eine Sache aus den unterschiedlichen Perspektiven mehrerer Menschen zu betrachten, sodass wir sie anschließend selbst für uns prüfen und uns selbst ein Bild machen können.


Jede Perspektive ist dabei wie ein Puzzle-Teil: Um das ganze Bild zu sehen, sind alle Teile des Puzzles hilfreich.


Stellt euch einmal vor, die Gelehrten aus der Parabel wären nach dem Ertasten des Elefanten mit ihrer Meinung darüber, was ein Elefant ist, wieder in ihre Dörfer gegangen und hätten die Dorfbewohner davon überzeugt, dass ein Elefant entweder wie ein Fächer, eine Säule oder eine Schlange ist. Keiner der Dorfbewohner hätte die Möglichkeit bekommen, für sich selbst festzustellen, was ein Elefant ist, sondern lediglich die Meinung über das „Puzzle-Stück” des jeweiligen Gelehrten übernommen. Möglicherweise hätten sie sich mit den Bewohnern der anderen Dörfer noch zerstritten, die die Meinung eines anderen Gelehrten angenommen haben, und sie wären nie wieder friedlich zusammen gekommen, um gemeinsam mehr über das große Ganze herauszufinden.


Genau so kann es sein, dass jemand bereits nach dem Setzen von lediglich 4 Puzzle-Teilen der festen Überzeugung ist, das große Ganze oder die „Wahrheit” zu kennen. Dabei kann es sich bei dem vor ihm liegenden Puzzle genau so gut um ein 1000-Teile-Puzzle handeln, sodass noch viele, viele Teile fehlen, damit das Ganze überhaupt annähernd erkannt werden kann (das weiß derjenige, der an dem Puzzle arbeitet, allerdings nicht, weil es keine Box gibt, die ihm die Anzahl der Puzzle-Teile verrät...)!



Ein weiteres Beispiel zu der Wichtigkeit von unterschiedlichen Blickwinkeln ist die Begebenheit, die in Matthäus 26 ab Vers 6 beschrieben ist:

„Als aber Jesus in Betanien war, im Hause Simons, des Aussätzigen, kam eine Frau zu ihm, die ein Alabasterfläschchen mit sehr kostbarem Salböl hatte, und goss es aus auf ⟨sein⟩ Haupt, als er zu Tisch lag.” (Matthäus 26,6)

Dasselbe Geschehen greift auch Johannes in Kapitel 12 auf:

„Jesus nun kam sechs Tage vor dem Passah nach Betanien, [...]. Da nahm Maria ein Pfund Salböl von echter, sehr kostbarer Narde und salbte die Füße Jesu und trocknete seine Füße mit ihren Haaren.” (Johannes 12,1-3)

Obwohl beide Evangelisten unterschiedliche Berichte über das Geschehene abgeben (in Matthäus wird vom Haupt Jesu gesprochen, während in Johannes seine Füße erwähnt werden), muss das nicht bedeuten, dass nur ein (oder womöglich kein) Bericht der Wahrheit entspricht. Möglicherweise wurden sowohl sein Haupt als auch seine Füße gesalbt. Matthäus und Johannes haben nur ganz einfach in ihren Berichten auf unterschiedliche Punkte Wert gelegt.


Wenn man beide Berichte zusammenfügt, passt es sogar sehr gut zu der dahinterstehenden Absicht der Frau: Diese entsprach der Ganzkörpersalbung eines Toten, wie Jesus auch im Anschluss selbst gesagt hat: „Denn als sie dieses Salböl über meinen Leib goss, tat sie es zu meinem Begräbnis.” Tatsächlich war dies auch die einzige Salbung, die Jesus letztendlich erhielt, da unmittelbar nach seiner Kreuzigung ein Sabbath / Feiertag war, sodass die Salbung nicht vorgenommen werden konnte, bevor er wieder auferstand.


Leider gibt es sie jedoch sehr häufig: Menschen, die meinen, „die Wahrheit” zu kennen, und die ihr Gegenüber von ihrer Interpretation oder ihrer Meinung überzeugen wollen. Denn meistens handelt es sich ganz einfach nur darum.


Es heißt sogar in der Bibel:

„Jetzt sehen wir nur ein undeutliches Bild wie durch einen trüben Spiegel. Einmal aber werden wir Gott von Angesicht zu Angesicht sehen.“ (1. Korinther 13,12)

Ironischerweise können wir uns da ein Beispiel an der Wissenschaft nehmen: Die Wissenschaft ist immer der Meinung, dass es noch weitere Teile des Puzzles gibt. Es wird immer weiter geforscht, oft noch viel tiefer in die Materie hinein als zuvor.


Auch Isaac Newton sagte einmal: „Was wir wissen, ist ein Tropfen; was wir nicht wissen, ein Ozean”.


Durch eine gewisse Erfahrung und Demut lernen wir, dass wir eben doch nicht immer die ganze Wahrheit kennen können. Wir sollten uns daher nicht auf die Erkenntnis an sich, sondern stattdessen auf den Weg zur Erkenntnis konzentrieren und vermehrt darauf achten, wie wir miteinander umgehen, denn „die richtige Erkenntnis allein führt nur zu Hochmut; Liebe dagegen baut die Gemeinde auf. Wenn sich einer also etwas auf sein Wissen einbildet, so weiß er gerade nicht, worauf es ankommt.” (1. Korinther 8,1-2)


Die Liebe ist wichtiger, als eine Überzeugung oder Meinung - möge sie noch so richtig erscheinen. Dazu möchte ich die Frage in den Raum werfen: Weshalb wollen Menschen ihrem Gegenüber oft um jeden Preis ihre Meinungen aufzwängen?


Wenn man sich die Welt anschaut, geht es oft schlichtweg um das eigene Ego. Auf christlicher Ebene geht es um den Drang zur Verkündigung: Man möchte seinem Gegenüber das „richtige” Bild von Gott zeigen oder auch das richtige Verhalten als Christ nahelegen.


Dazu habe ich folgendes Beispiel:


Wenn jemand kurz davor ist, eine giftige Substanz zu sich zu nehmen, wäre es da nicht eine liebevolle Geste, ihn darauf hinzuweisen, da er ansonsten möglicherweise sterben könnte? Dem würde ich zustimmen.


Verhält es sich allerdings so, dass es sich bei demjenigen um einen 25-jährigen Studenten handelt, der ein Feierabendbier trinken möchte, wäre das etwas völlig anderes, als wenn sich ein Kind in dieser Situation befindet. Bei einem Sechsjährigen, der nicht besser weiß, was Alkohol (besonders) Kindern zufügen kann, wäre ein Einschreiten mehr als gerechtfertigt. Schlägt man jedoch dem Studenten sein Bier aus der Hand und teilt ihm mit, dass Alkohol ungesund ist - obwohl er schon viele Male zuvor Bier getrunken hat und auch sonst ebenfalls als zurechnungsfähiger Erwachsener eingeschätzt werden kann - wäre es ganz und gar nicht liebevoll. Man würde ihn in diesem Fall wie ein unmündiges Kind behandeln und nicht wie einen erwachsenen Menschen respektieren, der seine eigenen Entscheidungen im Leben treffen kann.


Menschen sind dynamisch, sie lernen und wachsen an ihren Erfahrungen, und jeder Mensch befindet sich auf seiner eigenen Reise. Seinen Mitmenschen in Liebe zu begegnen, bedeutet, die Reise des anderen zu respektieren und ihnen nicht mit der vermeintlichen „Wahrheit” ins Gesicht zu fahren - mit dem Zusatz: Ich sage dir dies alles doch in Liebe.


So oft wird im (christlichen) Miteinander die eigene Meinung mit „der Wahrheit” gleichgesetzt. Allerdings bezweifle ich, dass man seinem Mitmenschen in Liebe begegnen und gleichzeitig darauf bestehen kann, die ultimative Wahrheit zu kennen.


Denn wenn ich meine Meinung als „Wahrheit” darstelle, mein Gegenüber aber anderer Meinung ist, kreiert man automatisch eine Situation, in der ich meinen Gegenüber entweder als böse oder dumm darstelle. Eine andere Alternative ist hier gar nicht möglich.


- Böswillig, wenn er sich bewusst ist, dass seine Meinung falsch ist, er sich aber absichtlich gegen meine Ansicht / „die Wahrheit” stellt.


- Dumm, wenn er meine Ansicht / „die Wahrheit” einfach (ungewollt zwar, aber dennoch), nicht erkennt.


Diese beiden Voraussetzungen stellen keine liebevollen Ausgangssituationen dar.


Besser wäre es also, statt „die Wahrheit” lieber Begriffe wie „meine Meinung, „meine Wahrheit”, oder „die Wahrheit, wie ich sie verstehe” zu verwenden. Das nimmt der Situation seine Schärfe und schafft eine Atmosphäre des Verstehen- und voneinander-lernen-Wollens.


Und ich denke nicht, dass Paulus ein solch hochmütiges und liebloses Verhalten tatsächlich von uns verlangte, als er in Epheser schrieb:

„Lasst uns aber die Wahrheit reden in Liebe”. (Epheser 4,15)

In diesem Kapitel geht es immerhin um Einheit innerhalb der Gemeinde - ein ständiges Vorhalten „der Wahrheit” wäre dazu nicht hilfreich.


Hätte Paulus seinen Brief daher heute (und auf Deutsch!) verfasst, würde er sich mit Sicherheit wie folgt (oder so ähnlich) anhören:


„Lasst uns unsere Meinung mit anderen in Liebe teilen”.


Somit komme ich wieder auf meine bereits genannten Gedanken zurück: Vielleicht sollte unser vorrangiges Ziel grundsätzlich ein liebevoller Umgang zu den Menschen um uns herum sein. Liebe ist ein Konzept, das sich je nach Gegebenheit entwickelt, wie in dem Beispiel mit dem Bier: Einem Kind sollte man es wegnehmen, einem verantwortungsvollen Erwachsenen nicht.


Hier sind daher einige weitere, praktische Tipps, worauf man achten kann und sollte, wenn man seine Meinung in Liebe mit anderen teilen möchte:


1. Man sollte ehrlich mit sich selbst sein und darauf achten, dass man aus der richtigen Absicht heraus handelt: Möchte ich meine Meinung mitteilen, weil ich ernsthaft daran interessiert bin, was das Beste für meinen Gegenüber ist? Würde er sich dadurch akzeptiert und verstanden fühlen? Oder will ich eigentlich nur meine Redegewandtheit oder mein Wissen zur Schau stellen und durch die Korrespondenz nur Bestätigung für mich selbst finden?


2. Ist es die richtige Zeit und der richtige Ort dafür? Ist die jährliche Familienfeier mit 30 Personen im Wohnzimmer der Großmutter, die sich seit Monaten auf dieses Event freut, wirklich der richtige Zeitpunkt, mit dem Onkel, der bekennender Atheist ist, über Evolution und Schöpfung zu diskutieren?


3. Und zu guter Letzt ein Punkt, den ich ganz besonders wichtig finde und den man sich für alle Lebenslagen merken sollte. Es geht dabei um die sogenannte Goldene Regel, die Jesus in Matthäus erwähnt:

„Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun sollen, das tut ihr ihnen auch!” (Matthäus 7,12)

Auf den ersten Blick klingt es ganz einleuchtend, dass dies mit Sicherheit die beste Möglichkeit zu einem liebevollen Umgang miteinander wäre.


Schaut man aber genauer hin, wird man feststellen, dass jeder Mensch unterschiedlich tickt, jeder andere Schwachstellen oder sogenannte „Trigger-Punkte” hat. So kann es sein, dass ich meinen Gegenüber in eine Diskussion zum Thema Corona-Pandemie verwickele, weil ich selbst so gerne darüber spreche. Mein Gesprächspartner hatte allerdings gerade am Tag zuvor ein Streitgespräch mit seinem Kollegen zu diesem Thema, was gar nicht gut ausgegangen ist, und möchte sich eigentlich gar nicht mehr groß damit befassen.


Daher ist es schwierig, andere so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte - denn eventuell möchte mein Gegenüber tatsächlich völlig anders behandelt werden als man selbst; stattdessen sollte man lieber die folgende Regel (und im oben erwähnten Podcast „Platinregel” genannt) beherzigen:


„Behandle andere so, wie du von ihnen gelernt hast, dass sie behandelt werden möchten.”


Da ist es wieder: Liebe ist ein Konzept, das je nach Situation anders aussehen kann. Die Goldene Regel ist nicht falsch, sie kann nur nicht immer und zu jeder Zeit genau so angewandt werden.


Wir sollten lernen, wie wir so mit unseren Mitmenschen umgehen können, dass sie sich in unserer Gegenwart geliebt bzw. wohl fühlen. Dazu muss ich in Erfahrung bringen, wie mein Gegenüber „tickt”, wie man sich ihm nähern kann und auch, was man im Umgang mit ihm vermeiden sollte.


Das kann dazu beitragen, Frieden und Harmonie, gegenseitiges Vertrauen und Verständnis zu schaffen, was gleichzeitig eine gute Basis für den Austausch von Meinungen zu diversen Elefanten darstellt :)


Eure Hannah-Mi


* Die aufgeführten Gedanken stammen zum Großteil aus dem Podcast „The Bible for Normal People”, Episode 138 „How Love Changes the Meaning of the Bible”: https://open.spotify.com/episode/2YXHtd9D6kqAAbq8YtJJWF?si=HT_ifVaKSlihVL9mD4C_9g



Gelegentliche Gastbeitrag-Schreiberin, hat grundsätzlich eine positive Einstellung, mag tiefsinnige Gespräche, liebt es, zu lachen, fühlt sich Gott in der Natur am nächsten, teilt die Ansicht 'Gemeinschaft ist trotz Unterschiede möglich' und lebt mit Mann und 2 Katzen in Schottland.

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