• Lea

Versuch's nicht allen recht zu machen

Als ich darüber nachgedacht habe, worüber ich diese Woche schreiben könnte, ist mein Blick an einer Postkarte hängen geblieben, die zwischen verschiedenen anderen Karten und Fotos an meinem Kleiderschrank hängt. Ich habe die Karte vorletztes Jahr zusammen mit meinem Geburtstagsgeschenk von Daniel und Lisa bekommen und sie hat folgende Aufschrift:

„Versuch’s nicht allen recht zu machen! Gott genügt.“

Auch nachdem die Karte jetzt seit anderthalb Jahren an meinem Kleiderschrank hängt, ist die Botschaft immer noch ziemlich relevant für mich. Und dessen waren sich offenbar auch Daniel und Lisa bewusst, als sie diese Karte gekauft haben.


Wenn man mich um etwas bittet, ist meine Antwort in der Regel etwas wie „Klar, kein Problem“.


Ein Termin bei der Arbeit, an einem Tag, an dem ich eigentlich nicht im Büro bin?

Kein Problem.

In der Gruppenarbeit zusätzlich die Aufgabe von jemand anderem übernehmen, obwohl ich selber genug zu tun habe?

Kein Problem.

Ein Zoom-Meeting kurzfristig auf den nächsten Tag verschieben, an dem ich eigentlich andere Pläne habe?

Kein Problem.


Man könnte an dieser Stelle den Eindruck bekommen, dass ich ein Problem damit habe, Nein zu sagen und dieser Eindruck wäre absolut richtig. Denn häufig steckt hinter „Kein Problem“ ein ziemlicher großer Haufen Probleme. Termine, die ich umlegen oder absagen muss. Andere Aufgaben, die auf einmal zu einer Nachtschicht werden, obwohl ich ursprünglich genug Zeit hatte. Oder manchmal auch nur so simple Probleme, wie dass ich schlicht und einfach keine Lust habe. Und doch fühle ich mich in den meisten Situationen dazu verpflichtet, Ja zu sagen.


Einer der Gründe hierfür ist, dass ich immer dachte, „Ja“ wäre grundsätzlich die christliche Antwort.




Wie man es Gott recht macht


Interessanterweise macht die Postkarte einen Unterschied dazwischen, es anderen recht zu machen und es Gott recht zu machen. Für mich waren diese zwei Dinge immer das gleiche. Ich dachte, Nein zu sagen, obwohl es mit Biegen und Brechen ja doch möglich wäre ein Ja hinzukriegen, wäre selbstsüchtig und damit das Gegenteil von Nächstenliebe.


Ironischerweise hat vor allem meine Nächstenliebe darunter gelitten, zu allem Ja zu sagen. Denn in vielen Fällen habe ich nicht aus Liebe, sondern lediglich aus Pflichtgefühl heraus gehandelt. Ich wollte nicht Ja sagen, aber habe mich dazu gezwungen, es trotzdem zu tun. Meistens mit dem Resultat, dass ich es der Person, die mich um etwas gebeten hat, am Ende übel genommen habe, mir diese Sache auferlegt zu haben. Von Nächstenliebe keine Spur mehr.


Ich glaube, immer wenn wir bemerken, dass wir Dinge nur aus Pflichtgefühl heraus tun und uns die Liebe fehlt, wird es Zeit unser Handeln zu hinterfragen.


Denn der nächste Schritt wäre in diesem Fall, nicht nur der Person mit der Bitte dafür böse zu sein, dass sie uns scheinbar eine zusätzliche Last auferlegt, sondern auch Gott dafür böse zu sein, dass er offenbar erwartet, dass wir sie tragen.


Nach einer gesunden Beziehung klingt das nicht. Also wo liegt hier der Denkfehler?


Wenn wir denken, Gott hat all diese unfassbar hohen Erwartungen an uns, die wir erfüllen müssen, um wirklich von ihm geliebt zu werden, dann stellen wir uns selbst wieder unter das Gesetz, anstatt seine Gnade anzunehmen.


Denn genau hier liegt der Unterschied dazwischen, was es bedeutet, es allen anderen recht zu machen und was es bedeutet, es Gott recht zu machen. Gott hat keinen langen Kriterienkatalog, in dem wir alle Punkte abhaken müssen, damit er zufrieden mit uns ist. „Es Gott recht zu machen“ heißt nicht, dass wir perfekt sein und alles schaffen müssen.


Gott genügt es, dass wir es versuchen. Gott genügt es, dass wir so leben wollen wie es ihm gefällt und dass wir uns eingestehen, dass wir dabei immer wieder scheitern. Mehr braucht es nicht, damit Gott uns liebt. Und das sollte im Gegenzug uns genügen.



Liebevoll Nein sagen


Wenn ich ehrlich zu mir bin, dann enttäusche ich, wenn ich doch mal Nein sagen muss, in den meisten Fällen nur meine eigenen Erwartungen und weder die von Gott noch die von meinen Mitmenschen. Die kommen in den meisten Fällen erstaunlich gut damit zurecht, wenn man Nein sagt oder eine Alternative anbietet. Die einzige Person, die davon ausgegangen ist, dass nur ein Ja eine akzeptable Antwort ist, bin oft ich selbst.


Nein zu sagen ist nicht grundsätzlich das Gegenteil von Nächstenliebe. Insbesondere, wenn wir der Bitte nur aus Pflichtgefühl nachkommen und unsere Beziehung zu unserem Nächsten darunter leidet, da wir ihm die Bitte am Ende übel nehmen. Wenn wir nur verbittert Ja sagen können, ist ein Nein oft die liebevollere Antwort.


Wichtig ist bei all diesen Punkten natürlich, ehrlich zu sich selbst zu sein und sich selbst zu hinterfragen. Manchmal kann es auch hilfreich sein, sich zu einem Ja zu zwingen, wenn man weiß, dass es das Richtige ist und es einem nur etwas unbequem ist. Diesen kleinen Tritt in den Hintern brauchen wir alle mal. „Kein Bock“ ist kein guter Grund, einer Person nicht zu helfen.


Genauso falsch ist es aber, sich selbst einzureden, dass man jemandem automatisch Unrecht tut, wenn man Nein sagt. Es nicht allen recht machen zu können ist nicht mit Sünde gleichzusetzen und wir sollten nicht denken, dass wir mit jedem Nein automatisch Gott enttäuschen.


Nächstenliebe kommt in den verschiedensten Formen. Nächstenliebe zu zeigen, bringt uns manchmal in Situationen, die unbequem und außerhalb unserer Komfortzone sind, aber manchmal bedeutet Nächstenliebe auch, die eigenen Grenzen zu akzeptieren, damit die Beziehung zum Nächsten nicht in Mitleidenschaft gezogen wird.


Nächstenliebe kann ein Ja oder Nein sein oder irgendwas dazwischen.


Also lasst uns diese Woche darauf achten, dass unser Ja ein liebevolles Ja und unser Nein ein liebevolles Nein ist. In dem Vertrauen darauf, dass es für Gott kein Problem ist, wenn wir es so trotzdem nicht allen recht machen können.



Bis zum nächsten Mal!

Eure Lea

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