• Ulrike

Unterm Feigenbaum

Aktualisiert: 20. Sept.

Mein kleiner Feigenbaum macht mir dieses Jahr besondere Freude. Ich besitze ihn schon seit vielen Jahren und hatte mal mehr, oft wenig, Erfolg Früchte zu ernten. In manchen Jahren hatte ich ernsthaft Grund zur Annahme, dass mein kleiner Baum von der Südhalbkugel dieser Erde stammt ☺️ , da die kleinen Fruchtansätze immer im Winter zum Vorschein kommen. Wenn ich das Bäumchen im lichten Treppenhaus überwintern lasse, sind die Blätter grün und es sieht gesund aus. Stelle ich es im milden Frühjahr wieder nach draußen, lässt es erstmal alle Blätter fallen. Komisch, denke ich, das sieht nach Herbst aus. In unseren unbeständigen Sommern erholt sich die Feigenpflanze wieder soweit, das sie zum Winter hin, wieder ergrünt, nach drinnen wandert.

Dieses Jahr stutzte ich die dünnen Äste kräftig und die vielen Sonnensommerstunden taten ihr übriges. Jetzt sind kleine Fruchtansätze zu sehen und ich bin gespannt, ob diese sich bis zur Ernte entwickeln.



Ich weiß noch, dass ich mir nicht ohne Grund einen Feigenbaum gekauft habe, schließlich ist es eine nicht unbedeutende, in der Bibel erwähnte Pflanze.

Zugegeben, unter meinem Feigenbaum kann ich nicht sitzen. Ich hatte jedoch schon mal die Gelegenheit und das war gar nicht so weit weg. In der ältesten Gaststätte auf Spiekeroog wächst ein besonders schönes Exemplar geschützt an der Hauswand. Und dank dem milden Seeklima besonders üppig. In Spanien an der Costa Blanca durfte ich sogar die leckeren Früchte direkt vom Baum naschen.


Grund genug, einmal ein wenig nachzuforschen und neue Erkenntnisse zu sammeln.

Jeder kennt die erste Erwähnung in der Bibel, als Adam und Eva sich einfache Lendenschürzen aus den handtellergroßen, stabilen, grünen Blättern flochten, um ihre Nacktheit, die sie nach dem Sündenfall erkannten, zu verstecken. (1.Mose 3,7)

In meinem Bücherregal befindet sich ein kleines Büchlein über biblische Pflanzen. Dort lese ich, dass so ein Baum 3 – 5 Meter hoch werden kann. Die ersten Früchte trägt er nach 7 Jahren und bei guter Pflege, sprich genug Wasser, kann ein Feigenbaum bis zu 50 Jahre alt werden. In Palästina, so steht es im Bibellexikon (1), kann man dreimal im Jahr ernten. Die ersten Früchte heißen Vorfeigen „pagim“. Diese sind nicht saftig, aber essbar, und sie zeigen an, dass der Winter vorbei ist. Die zweite Ernte beginnt Ende Mai, Anfang Juni. Jetzt werden die Frühfeigen „bikkurah“ vom Baum gepflückt. Diese saftigen Früchte sind nicht sehr lange haltbar und müssen rasch verzehrt werden. Die neuen Triebe aus dem Frühjahr tragen im August die späten Feigen „teenah“. Diese Ernte wird gerne getrocknet und zu „Klumpen“ oder Kuchen gepresst.



Ein Feigenbaum kann einer ganzen Familie übers Jahr genug süße Früchte schenken, die zu allerlei orientalischen Köstlichkeiten verarbeitet werden.

Der Baum spendet Schatten vor der Mittagshitze und Brennholz. Da kann ich gut verstehen, dass „Unterm Feigenbaum sitzen“ in der Bibel gerne als Bild für ein Leben ohne Sorgen, Hektik und Stress, genutzt wird.

Feigen gehören zu den Schätzen des Landes der Verheißung, in das Gott sein Volk Israel führt und werden von den Kundschaftern als Beweis aus dem gelobten Land mitgebracht. Zu lesen in 5.Mose 8,8

Feigen wurden auf Märkten angeboten und als Medizin verwendet. Ein berühmter Patient, König Hiskia, wurde mit einem Umschlag aus Feigen von seinen Geschwüren geheilt.

„Dann befahl Jesaja: »Man soll einen Umschlag aus gepressten Feigen machen und ihn auf das Geschwür des Königs legen!« Da wurde Hiskia gesund.“ (2.Könige 20,7) und (Jesaja 38,21)

Unter der Überschrift „Abigajil verhindert ein Blutbad“ finde ich im Alten Testament eine mutige Geschichte. Der wütende König David wollte den Weingärtner Nabal umbringen. Nabals Frau, die unerschütterliche Abigajil, erfährt davon und reist mit Geschenken David entgegen, der sich unter anderem mit 200 Feigenkuchen milde stimmen lässt und von seinem Vorhaben absieht. Nabal stirbt bald eines natürlichen Todes und David heiratet die Witwe Abigajil. So wird alles gut. (1.Samuel 25,14 ff)


Wie so oft ist die Sprache der Bibel bildhaft. Der Feigenbaum steht für Frieden und Wohlstand.

„Zu Lebzeiten Salomos ging es ganz Israel und Juda gut. Von Dan im Norden bis Beerscheba im Süden lebte das Volk in Frieden. Jeder konnte ungestört in seinem Weinberg arbeiten und unter seinem Feigenbaum sitzen.“ (1. Könige 5,5)

Es ist faszinierend, wie beständig dieses Bild über Jahrhunderte hinweg bis in die Zukunft gilt. Nicht nur zur Zeit Salomos, sondern auch in Michas Prophezeiungen, sind Frieden und Wohlergehen mit dem Feigenbaum eng verbunden.

„Gott selbst schlichtet den Streit zwischen den Völkern, und den mächtigen Nationen in weiter Ferne spricht er Recht. Dann schmieden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen um und ihre Speere zu Winzermessern. Kein Volk wird mehr das andere angreifen; niemand lernt mehr, Krieg zu führen. Jeder kann ungestört unter seinem Feigenbaum und in seinem Weingarten sitzen, ohne dass ihn jemand aufschreckt. Das verspricht der HERR, der allmächtige Gott! Noch dient jedes Volk seinem eigenen Gott, wir Israeliten aber folgen für immer dem HERRN, unserem Gott. (Micha 4,3-5)

Immer wieder wird der Feigenbaum zum Sinnbild und erklärt damit auch das Gegenteil. Wo Segen ist, ist auch Fluch, wo Frieden ist, gibt es auch Unruhe und Krieg. Auf gute Zeiten folgen schlechte und wiederum gute.

Hier ein paar Beispiele:

Der Prophet Jeremia erzählt in deutlichen Worten von seiner Vision und bezeichnet die nach Babylon verschleppten Judäer als die „gute Frucht“. Sie wandeln im Plan Gottes und unter Gottes Führung und leben in der Verheißung der Rückführung in ihr Land. Die nach Ägypten oder anderswohin Geflohenen bezeichnet er als die schlechten, schimmeligen Feigen. Hier steht das Bild für ein trauriges Schicksal in der Zerstreuung, unglücklich und verspottet und nicht an Gottes Plan teilhabend.

„Der babylonische König Nebukadnezar hatte den judäischen König Jojachin, Jojakims Sohn, von Jerusalem in die Gefangenschaft nach Babylonien gebracht, zusammen mit den obersten Beamten, Schmieden und Schlossern. Danach gab mir der HERR eine Vision: Ich sah zwei Körbe mit Feigen vor dem Tempel stehen. Die Feigen im einen Korb waren sehr gut, wie die köstlichen Frühfeigen, die zuerst im Jahr reif werden. Im anderen Korb hingegen lagen nur schlechte Früchte, die so verfault waren, dass man sie nicht mehr essen konnte. Der HERR fragte mich: »Jeremia, was siehst du? « »Feigen«, antwortete ich. »Die guten sind vorzüglich, doch die schlechten sind völlig ungenießbar.« Da empfing ich eine Botschaft vom HERRN: »So spricht der HERR, der Gott Israels: Wie man sich über die guten Feigen freut, so sehe ich mit Freude auf die Judäer, die ich von hier nach Babylonien verschleppen ließ. Ich habe einen guten Plan mit ihnen und bringe sie in ihr Land zurück. Dort werde ich sie aufbauen und nicht mehr niederreißen, einpflanzen und nicht wieder entwurzeln. Ich gebe ihnen ein verständiges Herz, damit sie erkennen, dass ich der HERR bin. Sie werden mein Volk sein, und ich werde ihr Gott sein; von ganzem Herzen werden sie wieder zu mir umkehren. Aber König Zedekia, seine obersten Beamten, die restlichen Bewohner von Jerusalem und Juda und alle, die nach Ägypten geflohen sind – sie behandle ich wie diese ungenießbaren Feigen, die man nicht mehr essen kann. In allen Königreichen der Erde wird man über ihr Unglück entsetzt sein und sie verspotten. Wohin ich sie auch verjage, überall wird ihr Elend sprichwörtlich sein. Wer einen anderen verhöhnen oder verfluchen will, wird ihm das gleiche Schicksal herbeiwünschen, das sie getroffen hat. Kriege, Hungersnot und Seuchen will ich über sie bringen, bis sie ausgerottet sind aus dem Land, das ich ihnen und ihren Vorfahren geschenkt habe. Kriege, Hungersnot und Seuchen will ich über sie bringen, bis sie ausgerottet sind aus dem Land, das ich ihnen und ihren Vorfahren geschenkt habe.«“ (Jeremia 24,1-10)

Auch Amos und Joel setzen den Feigenbaum in ihren Prophezeiungen ein.

"Ich, der HERR, habe euer Getreide durch Dürre und Pilzbefall vernichtet; ich ließ eure Gärten und Weinberge vertrocknen, und die Heuschrecken fraßen eure Feigen- und Olivenbäume kahl. Und doch seid ihr nicht zu mir zurückgekommen!" (Amos 4,9)
"Nun sind unsere Weinstöcke kahl und die Feigenbäume abgestorben. Die Heuschrecken haben die Rinde abgenagt bis auf das nackte, weiße Holz. Weint und klagt wie eine junge Frau, die um ihren Bräutigam Trauer trägt! Die Felder sind eine trostlose Wüste, der Boden ist ausgetrocknet. Es gibt kein Getreide, keinen Most und kein Öl mehr, darum können im Tempel keine Speise- und Trankopfer dargebracht werden. Trauer erfüllt die Priester, die Diener des HERRN. Seid entsetzt, ihr Bauern! Klagt und weint, ihr Winzer! Ihr könnt keinen Weizen und keine Gerste mehr ernten. Die Weinstöcke und Feigenbäume sind nur noch kahles Gestrüpp; Dattelpalmen, Apfel- und Granatapfelbäume sind verdorrt und vertrocknet, genauso wie alle wild wachsenden Bäume im Land. Mit ihnen ist auch alle Freude der Menschen dahin." (Joel 1,7-12)

Und Jesus selbst will uns mit einem Gleichnis vom Feigenbaumes deutlich machen, wie wertvoll ein gepflegter Baum, der gute Früchte trägt ist, im Gegensatz zu einem Baum, der keine Früchte trägt und nicht mehr wert ist, als zu Brennholz verarbeitet zu werden.

„Und dann erzählte Jesus ihnen dieses Gleichnis: »Ein Mann hatte in seinem Weinberg einen Feigenbaum gepflanzt. Jahr für Jahr sah er nach, ob der Baum Früchte trug. Aber vergeblich! Endlich rief er seinen Gärtner: ›Schon seit drei Jahren komme ich immer wieder und schaue nach Früchten, aber ich finde keine. Hau den Baum um. Warum soll er den Boden weiter aussaugen?‹ Aber der Gärtner bat: ›Herr, lass ihn noch ein Jahr stehen! Ich will den Boden um den Baum herum noch einmal umgraben und ihn gut düngen. Wenn er dann Früchte trägt, ist es gut; sonst kannst du ihn umhauen.‹«“ (Lukas 13,6-9)

Im Sinne von Jeremia denke ich, dass der Baum, sprich meine Verbindung zu Gott, der gut genährt mit Wasser, sprich Erkenntnis, gute Frucht, sprich gute Werke hervorbringt, vor Gott bleibt. Während der Feigenbaum, der zwar viele grüne Blätter hat, sprich vordergründig heilig scheint, aber keine Früchte trägt, sprich sich nicht bemüht seinen Glauben zu mehren und weiterzutragen, nicht weiter wachsen darf. Wer „seinen Feigenbaum“ pflegt, kann die Früchte ernten. Wer sich für seinen Herrn einsetzt, der wird von Gott erkannt.

Warum Jesus in Matthäus 21,18+19 (vgl. Markus 11,12-14) den Feigenbaum am Wegesrand verflucht, weil er keine Früchte trägt, dafür habe ich ehrlich gesagt keine plausible Erklärung. In Matthäus heißt es, dass es zu jener Jahreszeit noch keine Feigen gab. Also wäre es ja ein Wunder gewesen, dort welche zu finden. War der Baum nicht empfänglich für Wunder, also für die Kraft, die von Jesus ausging? Bin auf eure Auslegungen, die ihr in der Kommentarfunktion mitteilen könnt, gespannt!



Zum Schluss noch eine Weisheit aus den Sprüchen Salomos:

„Wer seinen Feigenbaum pflegt, kann die Früchte ernten; wer sich für seinen Herrn einsetzt, der findet Anerkennung.“ (Sprüche 27,18)

Das werde ich mal praktisch verfolgen. Was immer ihr auch pflegt und erntet diese Woche – ich wünsche euch Gottes Segen dafür!


Eure Ulrike


Quellen:

(1) Lexikon zur Bibel, R. Brockhaus Verlag Wuppertal

Die Bibelzitate sind der Übersetzung Hoffnung für alle® entnommen, Copyright © 1983, 1996, 2002, 2015 by Biblica. Inc.® Verwendet mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers Fontis-Verlag Basel.






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