Spielt Gott eigentlich Schach?
- Gastautor

- 20. Okt.
- 6 Min. Lesezeit

Vielleicht fragt ihr euch, wie denn diese Frage wohl zustande gekommen ist ;)
Alles hat damit angefangen, dass mein Mann über einen neuen Bekannten (und jetzt Freund) eine Gruppe kennengelernt hat, die sich jeden Donnerstagabend zum Schachspielen in einem kleinen Café trifft. Ein Café, das am Abend geöffnet hat? Ja, dieses Café ist kein gewöhnliches Café. Es wirbt damit, dass man dort nicht nur Kaffee, Kuchen und herzhafte Snacks erwerben, sondern auch Brettspiele aller Art ausleihen und vor Ort spielen kann.
Das Café wird von Freiwilligen geführt und bietet neben zusammengewürfelten Möbeln, dezenter Beleuchtung und ruhiger Hintergrundmusik einen friedlichen Ort des Zusammenkommens. Im Café und auf ihrer Webseite heißt es, dass sie folgendes sein wollen: "a safe, welcoming and joyful space where everyone belongs." Also ein sicherer, einladender und fröhlicher Ort, an dem jeder dazugehört.
Man bemerke: Nicht, wo sich jeder zugehörig fühlt, sondern wo jeder tatsächlich dazugehört! Dass ein solcher Ort gewollt ist, sieht man an der Anzahl von Menschen, die sich regelmäßig dort treffen. Viele haben ihren ganz eigenen, auffälligen Stil, viele gehören der LGBTQ+ Gemeinschaft an. Es ist wortwörtlich ein kunterbunter Haufen, zu dem ich, die ich meistens lieber gar nicht auffallen möchte, mich eigentlich so gar nicht dazu zählen würde. Und doch haben es der Ort und vor allem die Menschen, die ich jede Woche immer besser kennen lerne, geschafft, dass ich mich in dem Café sehr wohl und tatsächlich zugehörig fühle. Man muss es nur wollen, dann gehört man automatisch dazu.
Ein weiterer Punkt, von dem ich gerne erzählen wollte, ist das Schachspiel selbst. Wenn man sich nicht viel damit beschäftigt, könnte man meinen, dass es ein sehr unsoziales Spiel ist, da jeder (manchmal für eine seeehr lange Zeit…) auf seine Figuren starrt, sich den nächsten Zug überlegt und ihn dann schließlich ausführt. Meistens wird dabei nicht gesprochen. Wie einsam und langweilig. Dachte ich. Denn tatsächlich folgt nach einem beendeten Spiel oft nicht nur eine tiefgehende Analyse außergewöhnlicher oder spannender Spielzüge. Was mich besonders beeindruckt hat, ist das Hervorheben und Anerkennen des Gegenübers und seines Könnens. Es ist ein überaus aufbauendes Gefühl, von Menschen, die man nicht besonders gut kennt, gelobt zu werden, in einer Welt, in der es eigentlich immer nur um das eigene Schneller, Höher und Weiter, und vor allem um das Gewinnen geht - so wie beim Schachspielen ja eigentlich auch.
Ich denke, diese Positivität liegt auch gar nicht am Spiel selbst, sondern vielmehr an den Menschen, die wiederum alle unterschiedliche Interessen und Hintergründe haben, aber trotzdem eine Einheit bilden. Die Begeisterung für das Spiel ist das, was vereint.
Dann kommen wir jetzt zu dem Punkt, an dem ich mich gefragt habe, ob Gott wohl möglicherweise auch Schach spielt. Der Gedanke fiel nicht einfach aus heiterem Himmel, sondern als wir vor ein paar Wochen eine besondere Variante des Schach gespielt haben. Denn tatsächlich gibt es ganz unterschiedliche Spielweisen: Es gibt das ganz normale Schachspiel, das endet, sobald einer der Könige schachmatt gesetzt wird, oder man an der Reihe ist, aber keinen legalen Zug durchführen kann, weil man sich sonst ins Schachmatt begeben würde. Dieses Spiel kann sehr lange dauern, da man unendlich viel Zeit hat, sich seinen nächsten Zug zu überlegen.
Dann gibt es die Variante, auf Zeit zu spielen. Man braucht dazu eine Schachuhr, die gewöhnlich zwei Zeitanzeigen hat, für jeden Spieler eine. Diese sind so verbunden, dass nur jeweils eine der beiden Uhren die vorher ausgemachte Zeit (z.B. 10 Minuten) herunter zählt. Sobald ein Spieler seinen Zug beendet hat, stoppt er schnell seine Uhr und startet damit automatisch die seines Gegners. Derjenige, dessen Zeit zuerst abgelaufen ist, verliert das Spiel - unabhängig davon, ob er tatsächlich schlechter gespielt hat oder nicht.
Eine weitere Spielvariante lautet “Hirn und Hand”. Dabei spielen zwei Personen gemeinsam als Team gegen ein anderes Team, ebenfalls bestehend aus zwei Personen.
Jeweils einer aus dem Team übernimmt zunächst die Rolle des “Hirns”, das während des Spielverlaufes die Art der Spielfigur verkündet, die von der “Hand” des eigenen Teams als nächstes gezogen werden soll. Allerdings wird nicht gesagt, welche individuelle Figur ausgewählt werden soll. Denn abgesehen vom König und der Dame gibt es zumindest am Spielbeginn von jeder Figurenart mindestens zwei! Die Hand muss sich daraufhin überlegen, welche der möglichen Figuren sie tatsächlich bewegt, und wie. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es als Anfänger wesentlich angenehmer ist, die Hand zu sein, da man vom Hirn bereits eine kleine Eingrenzung bekommt, welcher Zug sinnvoll wäre. Allerdings kann auch diese Aufgabe ganz schön tricky sein, denn während das (in meinem Fall erfahrenere) Hirn höchstwahrscheinlich schon drei Schritte weiter denkt und einen Plan entwickelt hat, wie es am besten vorgeht, kann ich ja nicht in dessen Kopf schauen, und weiß nicht, welchen Zug es jetzt von mir haben möchte, um nach drei weiteren Zügen das gewünschte Ergebnis zu erhalten. Wie oft saß ich, wie der Ochs vorm Berg, kopfschüttelnd vor dem Schachbrett und habe mich gefragt, was ich mit der Angabe “Bauer” jetzt genau machen soll. In meiner Verwirrung kann es sein, dass ich dann mal abgeschweift bin - und dabei ist mir der Gedanke vom Anfang dieses Beitrages gekommen: Spielt Gott eigentlich auch Schach? Denn so kann es sich anfühlen, wenn man ihn um Hilfe bei einer Lebensentscheidung bittet, aber man keine erhält, sondern nur da sitzt und sich fragt: Was will er denn jetzt genau von mir?
Nachdem ich mich dann endlich für einen Spielzug entschieden habe, drehte ich mich oft nach meinem Hirn um, das hinter mir stand, um zu sehen, ob ich den gewünschten Zug gewählt habe - wenn ich dann ein verschmitztes Lächeln erhalten habe, wusste ich, dass ich ins Schwarze getroffen hatte - auch wenn es oft eher Zufall als Können war.
Als ich dann etwas später an der Reihe war, die Rolle des Hirns zu spielen, spürte ich, wie groß die Verantwortung ist, die man in dieser Situation trägt (natürlich relativ gesehen, da es sich immer noch um ein Spiel handelt ;)), da man ganz alleine für das Team entscheidet. Doch auf der anderen Seite spürte ich auch eine Sicherheit: Selbst wenn ich ein nicht so schlaues Kommando gegeben haben sollte, besteht ja immer noch die Chance, dass mein Teamkollege die Situation doch noch rettet und eine Figur wählt, an die ich gar nicht gedacht habe, sodass unser Spiel doch noch ein gutes Ende finden kann.
Ich bin mir sicher, dass Gott nicht darauf hoffen muss, dass wir das Richtige machen, da er im Gegensatz zu uns allwissend ist. Doch ich stelle mir trotzdem vor, dass er sich für uns freut, wenn wir die richtigen Entscheidungen treffen.
Wie ihr seht, haben dieses Spiel und die daraus resultierenden Erkenntnisse etwas in mir bewegt. Und erst als ich angefangen habe, euch das Café und die Gruppe näher zu beschreiben, die aus so vielen unterschiedlichen Menschen besteht, die sich gegenseitig respektieren, umeinander sorgen und gegenseitig aufbauen, ist mir aufgefallen, dass genau so doch eine Glaubensgemeinde sein sollte, und jeder, der möchte, kann dazu gehören. Der Grund des gemeinsamen Treffens ist das Spiel, das aus bestimmten Regeln besteht. Genau so, wie Gott von uns möchte, dass wir einander in Liebe begegnen (Matthäus 22,37–40). Aber wie genau man die Figuren (oder sein Leben) vor diesem Hintergrund bewegt, ist jedem selbst überlassen. Manchmal scheint es eindeutig, da es nur eine Möglichkeit gibt. Aber in anderen Situationen stehen wir vor dem Spielbrett des Lebens und finden einfach keinerlei Hinweise, welchen Weg wir gehen sollen. Es ist ja schön, zu merken, dass Gott als unser “Hirn” uns einen freien Willen lässt. Aber manchmal, wenn das Leben einfach ein wirres Durcheinander von vielen unterschiedlichen Spielfiguren ist, die entweder im Weg stehen oder eine Gefahr darstellen, wünsche ich mir doch, dass jemand bitte einfach mal “Hirn” und “Hand” übernimmt, weil es einfach alles zu viel wird, und ich nicht weiß, was ich tun soll. Auch wenn die Bibel davon berichtet, dass wir uns Gott nur anvertrauen müssen, und er wird es schon fügen (Psalm 37,5), so ist es im Leben leider nicht immer so, dass man direkt eine Antwort auf seine Frage erhält. Manchmal erkennt man erst im Rückblick, dass da ja doch eine Antwort war. Doch zunächst ist man vielleicht erst einmal enttäuscht, weil man auch nach vielem Beten und Bibellesen noch immer keine Antwort gefunden hat. Bis man schließlich in die Welt hinausgeht, und durch eine völlig unerwartete Begegnung doch die ersehnte Hilfe für sein Problem bekommt.
So wie ich, als ich mich dazu entschieden habe, während eines Schachspiels einfach laut zu überlegen, welche Optionen ich habe, und was wohl das beste in meiner Situation wäre. Meinem Gegner machte es nichts aus, es mit mir durchzusprechen, selbst wenn es bedeutet hat, dass ich dadurch einen Vorteil erhalten habe. Und so hatten wir am Ende beide Freude an einem spannenden Spiel (was sonst relativ schnell beendet worden wäre) und konnten so noch voneinander lernen.
Mit diesem Bild auf eine Gemeinde, in der man so angenommen und respektiert werden sollte, wie man ist - mit jeder Besonderheit oder Ausgefallenheit - und in der man einander aufbaut und unterstützt, wünsche ich euch allen eine gesegnete Woche. Vielleicht hat ja der ein oder andere jetzt auch wieder Lust bekommen, das verstaubte Schachbrett vom Schrank zu holen und in die Welt der Könige, Damen, Springer, Türme, Läufer und Bauern einzutauchen :)
Falls dem so ist, viel Spaß dabei!
Eure Hannah-Mi

Gelegentliche Gastbeitrag-Schreiberin, hat grundsätzlich eine positive Einstellung, mag tiefsinnige Gespräche, liebt es, zu lachen, fühlt sich Gott in der Natur am nächsten, teilt die Ansicht 'Gemeinschaft ist trotz Unterschiede möglich' und lebt mit Mann und 2 Katzen in Schottland.

Liebe Hannah-Mi, vielen Dank für deinen sehr inspirierenden Beitrag und dass du uns hast an deinen Erfahrungen und Erlebnissen in diesem sehr interessanten und einladenden Café teilhaben lassen, und schön dass es diese Orte gibt. Liebe Grüße - Christian