Spiegelverkehrt
- Peter

- vor 1 Tag
- 4 Min. Lesezeit
Ich hoffe, der ein oder andere Leser kann sich noch an meinen letzten Beitrag zum Thema „Dekonstruktion“ erinnern, der mit dem Foto eines mit japanischem Kintsugi zusammengesetzten Scherbenkopfes endete. Die letzte zitierte Bibelstelle aus dem ersten Paulusbrief an die Korinther zur stückweisen und unvollkommenen Erkenntnis lautete:
Denn wir erkennen stückweise, und wir weissagen stückweise; wenn aber das Vollkommene kommt, wird das, was stückweise ist, weggetan werden. Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind, urteilte wie ein Kind; als ich ein Mann wurde, tat ich weg, was kindlich war. Denn wir sehen jetzt mittels eines Spiegels, undeutlich, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, wie auch ich erkannt worden bin. (1. Korinther 13, 9-12)
Diese Aussage des Paulus hängt mir immer wieder nach, weil in diesem Bild so viele Fragen stecken. Gerade das Bild des Sehens „mittels eines Spiegels, undeutlich“ scheint mehrere Bedeutungsebenen zu verbergen. Schon die unterschiedlichen Übersetzer dieser Passage ins Deutsche taten sich schwer, die richtigen Worte zu finden. Hier mal eine kleine Auswahl an Übersetzungen:
- Denn wir sehen jetzt mittels eines Spiegels, undeutlich (RELB)
- Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunkeln Wort; (Luther)
- Denn jetzt sehen wir in einem Spiegel nur undeutliche Bilder, (Menge)
- Wir sehen jetzt durch einen Spiegel wie im Rätsel, (Schlachter)
- Denn jetzt sehen wir nur ein rätselhaftes Spiegelbild (Basisbibel)

Undeutliche Bilder im dunklen Wort, rätselhafte Spiegelbilder. Das klingt nun wirklich nicht ansatzweise nach klarer Sicht auf die Dinge. Viele Erklärungen geben sich damit zufrieden, dass dieses Bild für Paulus‘ Zeiten wohl zutreffend war, weil es eben damals nur Spiegel aus polierter Metalloberfläche gab, die nicht annähernd so plan waren, wie unsere heutigen Spiegel, und deshalb nur ein verschwommenes Bild lieferten.
Wir haben doch heute so viel bessere Spiegel, perfekt plan, hauchdünn mit Aluminium bedampft, geben sie ein echtes 1:1-Abbild. Das gilt ja vielleicht auch im übertragenen Sinn. Haben wir nicht heute ein viel umfangreicheres theologisches Wissen, über Jahrhunderte von vielen klugen Köpfen zusammengetragen, und viel tiefere Erkenntnisse über die Entstehung der Bibel, ihre Quellen, literarische Besonderheiten, Zuordnung der Schreiber, und noch so viel mehr … ?
Wenn das so ist, dann galt ja Paulus‘ Aussage tatsächlich nur für seine Zeit!
Aber Vorsicht!
Auch in einem perfekt geschliffenen, beschichteten Spiegel sieht man heute wie zu allen Zeiten nur ein spiegelverkehrtes Abbild seiner selbst! (Bedeutet das dann eigentlich, dass nur andere uns „richtig“ sehen!?)
Auch die allerbeste Beschichtung gibt nicht 100% des Lichtes wieder zurück! Etwas wird immer verschluckt.
Was wir im Spiegel entdecken, ist immer nur äußerlich, vor den Kopf geschaut!
Und wie steht’s mit dem stückweise erkennen?
Eine in unserer Gemeinde weit verbreitete Auslegung der Aussage „Wenn aber das Vollkommene kommt, wird das, was stückweise ist, weggetan werden.“ besagt: das Vollkommene, das Paulus noch nicht kannte, ist die Tatsache, dass wir heute die komplette Bibel vorliegen haben. Es gibt also kein Stückwerk mehr. Die Gesamtheit der Erkenntnis liegt vor!?
Mein Kommentar zu dieser Lesart ist hier nur eine einzige Frage:
Warum gibt es dann aktuell nach statistischer Erhebung weltweit ca. 47.000 unterschiedliche christliche Denominationen? Mehr Stückwerk geht doch kaum noch!
Wie ich schon in meinem letzten Beitrag berichtete, habe ich den letzten Monaten Vieles zu den unterschiedlichsten theologischen Ansichten gelesen und in diversen Podcasts gehört. Und so war auch unser Urlaub, der ja erst vor drei Tagen vorbei war, eine weitere willkommene Gelegenheit noch weiteren Lesestoff auf meinen E-Book Reader zu laden und zur Sicherheit auch ein paar Podcasts runterzuladen, falls kein gutes Internet vorhanden ist. Gesagt, getan, gelesen und gehört …
Mit zunehmendem Lese- und Hörfortschritt wurde dieser Stoff allerdings mehr und mehr ermüdend. Immer bleiben überall Fragezeichen und Ansichten, die ich nicht teile zu Themen wie Trinität, Himmel, Hölle, Teufel, neue Erde, egal wie viele schlaue studierte Menschen auch tiefgründig theologisch schreiben oder reden.
So komme ich im Augenblick immer mehr zu dem gleichen Schluss wie schon der große weise König Salomo:
Des vielen Büchermachens ist kein Ende, und viel Studieren ermüdet den Leib. (Prediger 12, 12)
Im Buch des Predigers und vermutlich auch in der Sammlung der Sprüche hat Salomo alles sorgfältig durchdacht, was so zum Leben gehört. Wenn ich richtig gezählt habe, führt ihn das in 12 Kapiteln dieses Buches 22 mal zu dem Ergebnis „Alles ist Nichtigkeit“. Und weil das so ist, kommt er am Ende des Buches zu dem einfachen Schluss:
Das Endergebnis des Ganzen lasst uns hören: Fürchte Gott und halte seine Gebote! Denn das soll jeder Mensch tun. (Prediger 12, 13)
Weil auch noch so viele weitere Bücher oder Podcasts nichts daran ändern werden, dass alles Erkennen für jeden immer nur Stückwerk bleibt und jeder von uns nicht mal sich selbst im Spiegel „richtig“ sieht, werde ich wohl jetzt aufhören, mich mit dem Glauben und der Theologie der Anderen zu beschäftigen, so wie es Paulus auch im Römerbrief rät:
Hast du Glauben? Habe ihn für dich selbst vor Gott! (Römer 14, 22)
Wenn ich damit noch einmal zurückgehe zum Ende des Predigers, wird für mich klarer, dass nicht die weitere Anhäufung von Erkenntnis zielführend sein kann. Wesentlich scheint ein anderer Aspekt zu sein. Und da vertraue ich mal auf die Weisheit Salomos:
Das Endergebnis des Ganzen lasst uns hören: Fürchte Gott und halte seine Gebote! Denn das soll jeder Mensch tun. Denn Gott wird jedes Werk, es sei gut oder böse, in ein Gericht über alles Verborgene bringen. (Prediger 12, 13-14)
Interessanterweise bringt auch Jakobus in seinem Brief den Blick in den Spiegel und die Werke zusammen:
Seid aber Täter des Wortes und nicht allein Hörer, die sich selbst betrügen! Denn wenn jemand ein Hörer des Wortes ist und nicht ein Täter, der gleicht einem Mann, der sein natürliches Gesicht in einem Spiegel betrachtet. Denn er hat sich selbst betrachtet und ist weggegangen, und er hat sogleich vergessen, wie er beschaffen war. Wer aber in das vollkommene Gesetz der Freiheit hineingeschaut hat und dabei geblieben ist, indem er nicht ein vergesslicher Hörer, sondern ein Täter des Werkes ist, der wird in seinem Tun glückselig sein. (Jakobus 1, 22-25)
Sehr interessant finde ich hier den Wechsel vom Wort zum Werk!
Also – genug gelesen und gehört! Mein Regal ist eh voll.
Mal sehen, wo es was zu tun gibt!
Bis dahin, euer Peter!
Photo by Brandon Hoogenboom on Unsplash

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