Sekte
- Freya

- vor 1 Tag
- 5 Min. Lesezeit
Die meisten Menschen, die ich kenne, mich eingeschlossen, stellen sich unter einer Sekte so etwas vor:

Eine Gruppe von Menschen, die etwas abgeschieden lebt und einem, meist männlichen, Anführer "blind" vertraut. Meistens gibt es einen religiösen, fundamentalistischen Hintergrund. Die Lebensweise und der Alltag der Menschen wird streng kontrolliert. Der Anführer ist meistens so etwas wie ein Prophet oder Heiliger für die Mitglieder. Oft werden die "Eingeweihten" durch Strafen oder Gewalt(-androhung) emotional missbraucht.
In letzter Zeit habe ich mehrere Interviews mit Aussteiger*Innen aus verschiedenen fundamentalistischen Sekten gehört und verschiedene Serien angeschaut. Dabei kamen mir immer wieder die Fragen in den Sinn:
Bin ich auch in einer Sekte aufgewachsen? Und ist diese fundamentalistisch? Denn zum Teil konnte ich mich gut mit verschiedenen Aussagen und Szenen identifizieren.
„Bist du evangelisch oder katholisch?“
Diese Frage wurde mir schon oft gestellt.
Heute antworte ich meistens:
„Ich bin (gläubige) Christin.“
Danach kommt fast immer die nächste Frage:
„Und in welche Kirche oder Gemeinde gehst du?“
Meine Antwort lautet:
„In die Christadelphian-Gemeinde.“
Und ehrlich gesagt war mir diese Antwort oft unangenehm. Denn allein der Name ist schon kompliziert. Außerdem kennt fast niemand die Gemeinde. Meistens folgte ein irritierter Blick und die Frage:
„Wie bitte? Noch nie gehört! Wie heißt die Gemeinde? Wie wird das geschrieben? Ist das eine Sekte?“
Mit ungefähr 15 Jahren habe ich diese Frage sofort entschieden verneint. Ich sagte Dinge wie:
„Nein, natürlich nicht. Bei uns gibt es keine "Oberhirten", Propheten oder strengen Regeln. Alles ist freiwillig.“
Ich wollte in jeder Hinsicht vermeiden, dass meine Gemeinde, der viele meiner Freunde und Familienmitglieder angehören, als Sekte wahrgenommen wird. Denn sie war für mich etwas Heiliges, etwas Besonderes, Sicherheit, ein Zuhause.
Aber warum eigentlich?
Gemäß dem Brockhaus Lexikon ist „Sekte“ der theologische Begriff für eine abgespaltene Glaubensgemeinschaft. Brockhaus unterscheidet dabei zwischen dem historisch neutralen Wortstamm und dem heutigen, meist negativ belegten Sprachgebrauch, der häufig mit Isolation, autoritärer Führung und totalitärem Anspruch einhergeht.
Der zweite Teil der Erklärung passt zu meinen Erfahrungen in der Schulzeit: das Thema "Sekten" wurde sehr negativ bewertend bearbeitet. In Kleingruppen mussten wir Referate zu den großen Sekten, wie Scientology, Hare Krishna und Zeugen Jehovas ausarbeiten. Somit lernten wir, dass Sekten sehr gefährlich sind und dass wir uns am besten davon fernhalten. Deshalb war es für mich auch sehr unangenehm, wenn jemand meine Gemeinde als Sekte bezeichnete.
Heute, fast 20 Jahre später, würde ich anders antworten. Heute würde ich sagen:
Ja, ich bin in einer Sekte aufgewachsen. Denn neutral gesehen ist es eine kleine abgespaltene Gemeinschaft mit eigenen Ansichten.
Trotzdem bleibt ein "Jain" in meinem Kopf, dass ich gerne noch einmal näher beleuchten möchte. Es gibt nämlich auch negative Erfahrungen, die mich bis heute prägen.
Schon früh spürte ich einen unterschwelligen Druck oder Zwang sich viel Bibelwissen anzueignen. Zum Glück waren meine Eltern dabei nie besonders streng. Trotzdem hatte ich oft das Gefühl, nicht gut genug zu sein.
Auch Beziehungen mit „Außenstehenden“ oder „Ungläubigen“ wurden indirekt kritisch gesehen. Und wurden unterschwellig und indirekt kritisiert. Dadurch entstand schnell das Gefühl, sich falsch oder ungenügend zu fühlen, wenn man nicht das "perfekte" christliche Leben führte.
Einmal im Jahr gab und gibt es eine Bibel- und Familienfreizeit, wo sich die Mitglieder der deutschen Gemeinden und auch internationale Glaubensgeschwister mit ihren Familien trafen und treffen.
Einerseits freute ich mich darauf, die anderen Kinder und Freunde wiederzusehen. Andererseits stresste mich diese Zeit auch sehr.
In den Unterrichtseinheiten der Sonntagsschule verstand ich vieles nicht, während andere scheinbar jede Antwort wussten. Ich hatte keine Lust, neben den Schulaufgaben zusätzlich in meinen Ferien Arbeitshefte über Propheten oder Bibelthemen/-geschichten auszufüllen. Auch die Vorträge waren teilweise für mich sehr zäh. Wörter zählen, Bibelstellen vergleichen und Zusammenhänge finden. Ich versuchte die meiste Zeit Bibelstellen aufzuschlagen, um nicht einzuschlafen. Todeslangweilig. Das alles passte so gar nicht in meine damalige Lebenswelt. Trotzdem machte ich mit – weil es eben alle machten. Oder weil es unausgesprochen "eingefordert" wurde?
Es gab wenig Raum dafür, mich selbst kennenzulernen oder eigene Interessen und Potenziale zu entdecken. Viel wichtiger waren Bibelwissen, das Interpretieren von Texten und Anpassung.
Das Motto (noch immer aktuell):
"Prüft aber alles, das Gute haltet fest!" (1. Thessalonicher 5,21)
Leise sein. Funktionieren. Sich einfügen.
Darin wurde ich ziemlich gut, da drei Systeme das von mir verlangten: Familie, Gemeinde und Schule. Als Jugendliche spürte ich mehr und mehr den Drang, verschiedene Dinge infrage zu stellen. Einen Zugang zu finden. Zu mir, zu meinen Bedürfnissen, zu Gott und zu Jesus. Das führte zu einigen Krisen. Aber auch zu einer tieferen, echten Verbindung und Demut und zu meiner Taufe im Jahr 2014.
Auch heute gibt es Momente, in denen ich mich einfach anpasse. Denn Anpassung bedeutet für mich Sicherheit. Anpassung ist wohl meine Überlebensstrategie.
Trotz der teilweise unschönen Erfahrungen möchte ich nicht nur negativ über meine Gemeinde sprechen.
In den letzten Jahren hat sich vieles geöffnet und verändert. Die Struktur hat sich gewandelt. Mehr Gleichberechtigung, Lebensnähe und Freiheit. Heute kann ich meinen Glauben in der Gemeinschaft freier leben und trotzdem dazugehören. Ich traue mich immer mehr auch meine Meinung zu sagen, wenn ich eine habe. Ich kann vielleicht keine Bibelverse "prüfen" und vergleichen, aber ich "prüfe" mit meinem Herzen und meiner Intuition, verbunden mit Gebet.
Meine Erfahrungen zeigen mir: Dinge können gleichzeitig schön und schwierig sein. Man kann Verletzungen erlebt haben und trotzdem Liebe empfinden. Beides darf nebeneinander existieren.
Und offensichtlich bin ich heute noch Teil dieser Gemeinschaft, aber nur, weil nicht nur ich mich in manchen Dingen verändert habe, sondern auch die Gemeinde. Ich habe erlebt, wie sich viele Menschen auf den Weg gemacht haben, in den Austausch gegangen sind, "geprüft" und gestritten haben. Sie haben Unterschiedlichkeiten ausgehalten und immer wieder zueinander gefunden. Das bewundere ich sehr.
Deshalb gibt mir diese Gemeinschaft Sicherheit, Hoffnung und Liebe. Viele Menschen dort begleiten mich schon mein ganzes Leben. Daraus sind tiefe und ehrliche Beziehungen entstanden. Wenn wir zusammen sind, spüre ich Frieden. Es ist manchmal so, als würde die Zeit still stehen und wir sind einfach wir. Getragen von der Liebe Gottes, die uns verbindet. Vielleicht fühlt es sich so an vom heiligen Geist erfüllt zu sein.
Dafür bin ich dankbar.
Also ja, vielleicht bin ich in einer Sekte, aber irgendwie fühlt sich die Frage nach dem Schreiben dieses Beitrags jetzt nicht mehr so wichtig an.
Ich wünsche dir einen gesegneten Pfingstmontag. :-)
Deine Freya
Rise up and shine!
Nimm Gottes Liebe an.
Du brauchst dich nicht allein zu müh'n,
denn seine Liebe kann
in deinem Leben Kreise zieh'n.
Und füllt sie erst dein Leben,
und setzt sie dich in Brand,
gehst du hinaus,
teilst Liebe aus,
denn Gott füllt dir die Hand.
("Ins Wasser fällt ein Stein" - 3. Strophe - Manfred Siebald)

Liebe Freya, Danke für diesen Beitrag. Ich denke, wir sind eine Sekte. Ich habe das auch alles erlebt, wie Du es beschrieben hast. Und früher habe ich auch alles verneint, heute sage ich, ja es ist eine Sekte - abgespaltene Glaubensgemeinschaft. Ich hatte viele Jahre eine sehr schwierige Beziehung zur Gemeinde in Esslingen, bin 1997 sogar "abgehauen" nach Leipzig. Ich wollte raus aus diesem ganzen "Funktionieren". Gott hat mich 2001 zurückgeholt. Heute fühle ich mich wohler in der Gemeinde Esslingen und gehe nicht sofort nach dem letzten Orgelton. Ich bleibe noch nach der Versammlung und habe dort sogar "Freunde". Heute gibt mir Gott und die Gemeinde/meine Geschwister "Kraft". Auch wenn ich immer noch nicht "gerade aus laufe". Aber ich habe meinen Weg gefunden. Nochmals vielen…
Liebe Freya, ich finde mich sehr in deinem Artikel wieder und kann alles nur bestätigen! Ich bin ja nicht in unsere Gemeinde "reingeboren" und hatte oft die gleichen Gedanken wie du! Aber auch ich bin heute glücklich und zufrieden mit dem, wie es ist! Danke für deine Worte und liebe Grüße, Claudia
Liebe Freya, es hat gutgetan deinen Beitrag heute zu lesen. Mir hast du aus dem Herzen gesprochen, danke dafür und liebe Grüße zurück - Christian