• Daniel

Zu viele Regeln – Teil 2

Letzte Woche habe ich bei einer Online-Freizeit unserer Gemeinde einen Workshop gegeben zu einem Thema, das mich schon lange fasziniert. Ich hätte euch gerne an dieser Stelle davon berichtet und ein paar grundlegende Gedanken dazu zusammengefasst. Mein Beitrag dazu war schon fertig. Aber dann musste ich feststellen – ich hatte diesen Beitrag schon einmal geschrieben!


Natürlich ist es nicht genau derselbe Beitrag geworden, aber es war wirklich amüsant, die beiden Texte nebeneinander zu lesen. Wirklich erstaunlich, wie ich es geschafft habe, ohne den Hauch einer Ahnung fast dieselben Gedankengänge mit sehr ähnlichen Worten und sogar fast denselben Überleitungen und Verbildlichungen noch einmal zu produzieren – hätte glatt von mir sein können! 😉


Was macht man also an dieser Stelle? Fast hätte ich mich hingesetzt und den Beitrag verworfen … aber wenn mich das Thema scheinbar so beschäftigt (so lernt man sich selbst kennen!), warum es nicht einfach noch einmal aufgreifen?



Es schadet daher nicht, wenn ihr euch als kleine Einleitung zum heutigen Beitrag noch einmal den ersten Teil vom 13. Juli 2020 anschaut. Für die, die da keine Lust zu haben, gibt es hier noch einmal die Kurzfassung des Grundgedankens:



Die Frage nach dem größten Gebot


Es gibt eine Aussage Jesu, die selbst mich als langjährigen, gläubigen Christen schon oft stutzig gemacht hat. Die Begebenheit drumherum ist im Matthäusevangelium berichtet:

„Als aber die Pharisäer hörten, dass er die Sadduzäer zum Schweigen gebracht hatte, versammelten sie sich miteinander. Und es fragte einer von ihnen, ein Gesetzesgelehrter, und versuchte ihn und sprach: Lehrer, welches Gebot ⟨ist⟩ groß im Gesetz? Er aber sprach zu ihm: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstand.« Dies ist das große und erste Gebot. Das zweite aber ist ihm gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.« An diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“ (Matthäus 22,34-40)

Ist das nicht eine krasse Aussage? Es geht mir um den letzten Satz. Jesus sagt hier, dass das ganze Gesetz (= die fünf Bücher Mose) und alles, was die Propheten jemals gepredigt haben, sich auf zwei einfache Gebote reduzieren lässt:


  1. „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstand.“ (Vers 37)

  2. „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Vers 39)


Um die Tragweite dieser Aussage etwas zu verdeutlichen, sei erwähnt, dass allein die fünf Bücher Mose etwa 600 einzelne Ge- und Verbote beinhalten (wer hier weiterrecherchieren möchte, kann mal nach den „613 Mitzwot“ suchen, die die Juden dort herauslesen und sich danach richten). Die Aussprüche der Propheten sind hier nicht einmal einbezogen.



Ein Detektivspiel


Als kritischer Leser und Mitglied der „Generation Y“ (im englischen klingt das „y“ wie die Frage „why?“, also „warum?“) habe ich mich schon im ersten Beitrag zu diesem Thema gefragt, was an dieser gewagten Aussage dran ist. Ich habe dort exemplarisch die 10 Gebote einmal näher betrachtet. Natürlich stellen diese 10 Gebote aber nur einen Bruchteil aller Gesetze des Alten Testaments dar.


Um wirklich zu untersuchen, was an Jesus Aussage dran ist, müsste man sich korrekter Weise jedes einzelne Gebot des Alten Testaments einmal genauer ansehen und schauen, ob es sich in eine der zwei Kategorien („Gott lieben“ und/oder „Den Nächsten lieben“) einsortieren lässt.


Tatsächlich habe ich mich mal an dieses Detektivspiel gewagt und ich ermutige euch, es auch einmal zu versuchen! Es war eine spannende Reise! Um aber schon ein wenig zu spoilern: Ich habe viele Gebote eindeutig kategorisieren können, aber einige haben bei mir auch kleine oder große Fragezeichen hinterlassen.


Das hat mehrere Gründe. Zum Beispiel lebe ich einige tausend Jahre nachdem die Gebote ursprünglich eingeführt wurden und es gibt sicher hier und dort einen historischen oder kulturellen Kontext, der dieses oder jenes Gebot sehr plausibel macht – der mir aber gänzlich unbekannt ist. Für andere Gebote fehlt mir vielleicht auch einfach die nötige Erkenntnis, die sich womöglich direkt in der Bibel selbst versteckt und über die ich eventuell eines Tages stolpern werde.


So oder so: Ich habe das Puzzle noch nicht komplett lösen können und vielleicht werde ich es auch nie können. Trotzdem hat sich für mich eine grundlegende Richtung bestätigt, die mich sehr optimistisch stimmt, dass Jesus in seinem Verständnis der Schrift und seiner Erkenntnis Gottes mit seiner drastischen Reduktion hier tatsächlich den Nagel auf den Kopf getroffen hat!



Reiner Selbstzweck?


Bevor ich weiter darauf eingehe, will ich noch einmal ein Problem des ersten Beitrags adressieren, das mir im Laufe meines Detektivspiels erneut begegnet ist. Und zwar ist es oft sehr einfach zu identifizieren, hinter welchen Ge- oder Verboten sich Nächstenliebe versteckt. Man erinnere sich nur mal an „Du sollst nicht töten“ oder „Du sollst nicht stehlen“ – das sind ziemlich eindeutige Beispiele.


Schwieriger ist es allerdings bei der Kategorie „Gott lieben“. Beim Durchgehen der Gebote des Alten Testaments war ich immer mal wieder versucht, ein Gebot, dessen tieferen Sinn ich nicht wirklich verstanden habe, in diese Kategorie zu schieben mit der Begründung: „Gott will es wohl einfach so, also lieben wir ihn, indem wir es machen.“.

Diese Begründung erinnert aber an eine essenzielle Frage, die ich schon im ersten Beitrag aufgeworfen habe: Gibt Gott uns Gebote, einfach nur WEIL ER KANN? Denkt er sich willkürlich Gebote aus, nur damit er sie uns dann vorschreiben kann? Tickt Gott so? Um es kurz zu machen: Nach allem, was ich jemals in der Bibel gelesen habe, glaube ich nicht, dass Gott so ist.


Auch hier muss ich wieder ehrlich gestehen, dass ich die erstgenannte Vorstellung nicht an jeder einzelnen Stelle endgültig widerlegen kann. Für manches findet sich einfach nicht auf die Schnelle eine zufriedenstellende Antwort. Das ist ja aber auch ein bisschen der Spaß am Glauben: auf manche Fragen findet man die Antwort sehr spät, auf einige vielleicht erst, wenn wir Gott von Angesicht zu Angesicht fragen können. 😉 Trotzdem habe ich für mich auch hier wieder neue Anhaltspunkte gefunden, um optimistisch zu sein, dass Gott nicht einfach nur Gebote gibt, weil er so gerne Regeln aufstellt!



Doch kein Selbstzweck


Lasst mich ein paar dieser neuen Indizien mit euch teilen, indem wir in aller Kürze einige Gruppen von Gesetzen des Alten Testaments anschauen:


Hygienegebote


Es gibt im mosaischen Gesetz aller Hand Gebote, die sich auf Hygieneregeln beziehen (höchst aktuell! 😉). Dazu gehören z. B. Vorgaben zu Reinigung und sogar Isolation bei bestimmten Krankheiten (vgl. 3. Mose 13,2-6,45+46), Gebote, wo der „stille Ort“ einzurichten sei (vgl. 5. Mose 23,12+13) oder Gebote, die vorgeben, wie man mit verunreinigten Gegenständen wie Holzbesteck oder Tonkrügen umgehen soll (vgl. 3. Mose 11,31-34). Besonders der letzte Punkt fasziniert mich, da hier eine Erkenntnis zugrunde liegt, die erst heute wissenschaftlich begründet werden kann: Viele Hölzer sind von Natur aus in gewisser Weise antibakteriell. Daher ist es absolut bemerkenswert, dass im dritten Buch Mose geboten wird, verunreinigte Holzgeräte nur gründlich zu waschen, Tongefäße hingegen zu entsorgen. Wenn das mal nicht seiner Zeit voraus war!


Aber zurück zum eigentlichen Thema: Sind das alles Gebote, die Gott einfach nur gegeben hat, weil er so gerne Regeln aufstellt? Für die Menschen damals schien es vielleicht sogar so, weil sie mit damaligen Mitteln den Sinn der Gebote gar nicht ganz fassen konnten. Spätestens wir können aber heute (als die Hygiene-Experten, zu denen wir durch die Corona-Pandemie inzwischen alle ungewollt ein Stück weit geworden sind) sagen: Diese Gebote hat Gott nicht zur Selbstverherrlichung gegeben, sondern ganz praktisch für uns! Wir sind die eigentlichen Nutznießer dieser Regeln. 😊


Gebote zu Festen


Eine weitere Gruppe sind Gebote zu bestimmen Festen. Auch hier stellt sich die Frage: Möchte Gott einfach nur vorschreiben, wann und wie wir ihn anbeten und lobpreisen sollen? Nehmen wir als Beispiele das Laubhüttenfest (vgl. 5. Mose 16,12-17) oder das Passah (vgl. 2. Mose 12). Ja, diese Feste sollen daran erinnern, dass Gott mächtig ist und ein starker Helfer. Aber ist diese Erinnerung für Gott wichtig oder für uns? Ich denke: Auch die Feste des Alten Testaments (die übrigens in der Regel mit großer Fröhlichkeit gefeiert werden sollten) hat Gott für uns Menschen gegeben, um uns Zuversicht und Freude zu schenken!


Opfergebote


Das dritte Beispiel, das ich anführen möchte, sind die vielfältigen und meist sehr ausführlich beschriebenen Opfergebote. Für viele sind diese Gebote neben den 10 Geboten der Inbegriff des mosaischen Gesetzes. Hier nun endlich sehen wir also eine ganze Reihe von Vorschriften, die einfach nur Ausdruck von Gottes Größe und Macht sein sollen, oder? Regeln, mit denen Gott einfach nur peniblen Gehorsam fordert?


Ich glaube nicht, dass das der Fall ist, aber im Detail darauf einzugehen, würde hier den Rahmen sprengen. Als Hinweis möchte ich aber geben, dass ich denke, dass hier durchaus Gottes Größe zum Ausdruck gebracht werden sollte, jedoch mit einem quasi psychologischen Hintergedanken. Die Frage, die wir stellen müssen, ist wie immer diese: Wer hat eigentlich ein Problem, das gelöst werden muss? Gott oder wir? Ist es Gott, der aufgrund seiner Heiligkeit nur von uns angebetet werden kann, wenn wir ein ganz bestimmtes Ritual verfolgen? Das würde Gott ziemlich klein reden. 😉 Oder sind es nicht vielmehr wir, die nicht wissen, wie wir eigentlich mit unser Fehlerhaftigkeit umgehen sollen und daher immer nur mit Vorbehalten und Scham vor Gott treten?


Ein tolles Beispiel für dieses Problem kann man in Jesaja Kapitel 6 in den Versen 1-8 lesen. Guckt mal rein und fragt euch: Für wen ist dieses Ritual? Wessen Problem wird behoben? Brauchte Gott diese „Krücke“, oder war es nicht vielmehr Jesaja, der von Gott bestärkt werden musste, dass er gut genug ist? 😉


Daher stelle ich einfach mal die These auf: Selbst die Opfergebote in all ihrer Fülle und Kleinlichkeit sind am Ende nicht zum Selbstzweck für Gott, sondern in Liebe für uns gegeben!



Was heißt das nun?


Aber was bedeutet das nun alles? Auch wenn ich trotz vieler Worte wieder mal nur an der Oberfläche kratzen konnte, bin ich trotzdem sehr zuversichtlich, dass Jesus den Kern des Gesetzes tatsächlich erkannt und für uns treffend im sogenannten „Doppelgebot der Liebe“ zusammengefasst hat! Ich glaube, Gott hat die Gebote des Alten Testaments nicht zur Befriedigung seines Machtbedürfnisses gegeben, sondern als ganz praktische Regeln zu unserem Nutzen! Auch wenn ich selbst noch nicht jedes einzelne Gebot damit eindeutig erklären kann, finde ich die allgemeine „Beweislast“ dahingehend mehr als zufriedenstellend.


Sehr spannend finde ich zudem noch die Feststellung, dass selbst mit der sehr schlichten Lesart „Ich mache was Gott will und zeige dadurch meine Liebe zu ihm.“ jener Teil des Doppelgebots, der auf den ersten Blick nur Gott die Ehre geben soll („Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben …“) am Ende in so vielen Fällen ganz praktische und durchweg positive Auswirkungen auf unser Leben hat. Dabei bin ich mir, wie schon im ersten Beitrag erwähnt, nicht einmal sicher, ob das hier wirklich gemeint ist …



Die Herausforderung


Nun habe ich bisher erneut nur vom Alten Testament geschrieben. Der Grund dafür liegt heute wie damals auf der Hand: Wenn Jesus sagt, das ganze Gesetz und die Propheten seien in zwei Geboten zusammengefasst, dann meint er damit natürlich das Alte Testament. Für das Neue Testament hat er ja zu der Zeit gerade erst noch selbst den Stoff geliefert. 😉


Trotzdem mögen einige von euch, die bis hier hin durchgehalten haben, sagen: Was hat denn dieses ganze Gerede über das Alte Testament jetzt mit mir zu tun? Berechtigter Punkt! 😉 Deshalb möchte ich diesen zweiten Teil diesmal mit einer hoffentlich zum Nachdenken anregenden Herausforderung für euch (und mich) abschließen.


Wie schon im letzten Beitrag erwähnt, werden wir beim Lesen des Neue Testaments feststellen, dass wir auch hier viele Gebote finden. Nicht nur Jesus selbst, auch Paulus, Petrus und Co. haben in ihren Worten und Briefen allerlei (neue?) Regeln aufgestellt. Während wir zurecht sagen, dass das Gesetz des Alten Testaments für uns nicht mehr unmittelbar gilt, so ergibt sich doch im Grunde aus dem Neuen Testament auch wieder ein Gesetz – mit allerlei zum Teil sehr spezifischen Vorschriften.


Im letzten Beitrag bin ich auf ein paar recht einfach zu verstehende „Gebote“ des neuen Testaments eingegangen. Neben diesen gibt es allerdings auch einige vermeintliche Gebote, bei denen nicht nur ich Probleme habe, sie richtig einzuordnen und zu verstehen. Einige dieser Themen sorgen auch weltweit in christlichen Gemeinden zum Teil für heftigem Streit und im schlimmsten Fall für Spaltungen, weil die einzelnen Auslegungen so weit auseinanderklaffen. Dazu gehören unter anderem Themen aus folgenden übergeordneten Kategorien:

  • Ehe und Scheidung

  • Homosexualität

  • Sex allgemein

  • Die Rolle von Frauen in der Gemeinde

  • Politische Aktivität

Wie gehen wir damit um?


Für mich bringt es hier eine frische Perspektive, diese Themen vor dem Hintergrund des Doppelgebots der Liebe neu zu überdenken.


Es stellt sich hier immer noch die Frage: Fasst Jesus das ganze alte Gesetz in zwei einfache Kernaussagen zusammen, nur um dann selbst wieder einen ganzen Katalog neuer Regeln aufzustellen? Oder ist es nicht vielmehr so, dass sowohl alle Gebote des Alten wie auch des Neuen Testaments in ihrem Kern auf genau die zwei Gebote „liebe Gott“ und „liebe deinen Nächsten“ zurückzuführen sind?


Hier ist also meine Herausforderung für euch und auch für mich selbst:


Wenn wir einmal gedanklich die Gebote des Neuen Testaments durchgehen, die wir für uns als solche identifiziert haben, passen dann alle davon zu einer der beiden Kategorien „Gott lieben“ oder „den Nächsten lieben“? Und wenn nicht, haben wir sie dann wirklich verstanden?


Viel Spaß beim Reflektieren! 😉


Gottes Segen und bis zum nächsten Mal

Euer Daniel

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