• Daniel

Komm nach Hause!

Vor einiger Zeit habe ich bei mir etwas festgestellt. Etwas hat sich verändert. Es war kein langsamer, schleichender Prozess, vielmehr war einfach auf einmal etwas anders. Okay, vielleicht war es auch ein langsamer, schleichender Prozess, aber wenn es so war, dann habe ich nur das glorreiche Ende mitbekommen. Wie ich dort hin gekommen bin, weiß ich nicht mehr. Ich kann mich nur noch daran erinnern, eines Morgens auf dem Weg zur Arbeit im Bus gesessen zu haben (wie bei den meisten guten Geschichten hatte es glaube ich gerade angefangen zu regnen und der Wind prasselte leise gegen die Scheiben) und plötzlich ist es mir aufgefallen. Ich saß dort auf einem dieser bereits sichtbar abgewetzten Stoffsitze, unter mir die in die Jahre gekommenen störenden harten Reste von etwas, das mal weich genug gewesen war, um es für ein paar Minuten genüsslich zu kauen und dann für die Nachwelt zu hinterlassen. Weder der harte Sitz noch das deutlich härtere Kaugummi haben mich jedoch an diesem Morgen lange beschäftigt. Denn da war noch etwas. Etwas, das mich so in seinen Bann zog (und noch immer zieht), dass ich zugeben muss, dass dieser Morgen in der Linie 413 nur eventuell so abgelaufen ist – vielleicht war auch alles ganz anders. Ich weiß es nicht mehr 😉


Was ich hingegen sehr wohl noch weiß ist, dass ich mein Handy in der Hand und meine Bibel-App darauf geöffnet hatte. Erst einige Tage zuvor hatte ich beschlossen, dass ich unbedingt mal ein Ritual zum Bibellesen etablieren müsste. Nach kurzem Überdenken meines Tagesablaufs schienen mir die morgendlichen 30 Minuten im Bus geradezu prädestiniert dafür. Während die anderen Fahrgäste also Clash of Clans spielten oder ihrem Liebsten schrieben, dass sie es jetzt schon kaum erwarten könnten wieder nach Hause zu kommen, hatte ich meine Bibel-App offen und war motiviert darin zu lesen. Am Besten etwas, was mir nicht so geläufig ist. Etwas, was man sonst nicht so oft liest. Etwas anspruchsvolles. Genau – irgendwas aus den Propheten! Was genau ich gelesen habe, kann ich leider nicht mehr sagen, aber an eins kann ich mich so deutlich erinnern, als wäre es erst gestern gewesen – daran, wie ich den Text wahrgenommen habe. Er war unglaublich einfach. Und deutlich. Und persönlich!


Ich habe einfach gelesen, Kapitel für Kapitel (mehr als 3 waren es sicher nicht) und sie ließen sich lesen wie ein Kinderbuch. Und etwa bei der Hälfte kam der Moment, in dem ich innegehalten und mich gefragt habe: Was passiert hier gerade? Jetzt fragt ihr euch vielleicht: Moment, ist das jetzt die große Veränderung, von der er erzählen wollte? Und ich kann sagen: Ja, das ist sie! Es klingt erst mal nicht sehr spektakulär, aber für mich hat sich (ohne, dass ich sagen kann warum oder warum gerade dann) etwas grundlegend in meinem Kopf gedreht und hat meine Beziehung zur Bibel bleibend geprägt. Vielleicht sollte ich noch ein wenig ausholen:


Nicht umsonst mache ich für gewöhnlich lieber einen Bogen um die doch eher trockenen prophetischen Bücher – viel zu anstrengend. Um zu verstehen, was man dort liest, muss man in der Regel nicht nur wissen, wie es zur Zeit des Verfassens um Israel stand (Wo waren sie gerade? Waren sie schon in zwei Reiche geteilt? Was für ein König regierte gerade? War das einer von den Guten oder von den nicht so Guten?), sondern man muss auch einen Überblick haben, wer die zahlreichen umliegenden Nationen sind, was in den nächsten paar Hundert Jahren danach geschah (Auf was beziehen sich die ganzen Prophetien?) und am besten auch noch, was aktuell gerade in der Welt und speziell im nahen Osten geschieht (Es könnte ja auch noch eine zweite Ebene mit einem aktuellen Bezug geben!). Ich habe von keinem dieser Dinge sonderlich viel Ahnung. Aber an diesem Tag hatte ich auf einmal das Gefühl, dass ich das gar nicht musste.


Die Worte aus den Kapiteln schienen von einem Moment auf den anderen nicht mehr von einer Zeit, die ca. 3000 Jahre zurücklag, zu sprechen, sondern von meiner Busfahrt, von dem, was ich am Tag zuvor erlebt hatte, und vor allem: von mir und Gott, von uns beiden und unserer Beziehung.


Natürlich standen auf meinem Pixelpapier immer noch Berichte über eine antike Nation, Auflistungen ihrer gemeinschaftlichen Probleme und Fehltritte und sowohl mahnende als auch trostspendende Blicke in ihre Zukunft. Aber an diesem Morgen in der Linie 413 hatte ich so stark wie nie zuvor das Gefühl, dass es vorrangig um jemand ganz anderen geht – um mich. Es war so einfach und so offensichtlich! Es ging um mich, um meine Probleme und Fehltritte und darum, mich aufzurütteln und zu ermutigen, über mein Verhältnis zu meinem Schöpfer nachzudenken. Es ging darum, genug Liebe zu spüren, um voller Energie zu versuchen, für alle um mich herum und für Gott die beste (= liebevollste, gütigste, demütigste, freundlichste, … ) Version meiner selbst zu sein – natürlich mit der Zusatzklausel, dass die Bemühung mehr zählt als das Ergebnis 😉


Seit diesem Morgen hat mich dieses Gefühl nicht mehr verlassen – und es ist einfach nur wunderbar! Vielleicht war ich vor jenem Morgen immer zu verkrampft in meinem Denken und hatte das Gefühl, besonders die prophetischen Bücher akribisch sezieren zu müssen und in tiefgehenden Nachforschungen Stück für Stück alle Puzzleteile zusammenzusetzen, um überhaupt etwas daraus mitnehmen zu können. An diesem Vorgehen gibt es auch generell nichts auszusetzen. So ein Studium kann manchmal wirklich bemerkenswerte Einsichten zutage fördern! Aber für mich war das immer eine riesige Hürde. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich mit meinen beschränkten Vorkenntnissen Jahre bräuchte, um mir überhaupt das Grundwissen zu erarbeiten, um beim Graben im biblischen Text an den richtigen Stellen aufzumerken und nicht die wertvollen Funde mit der Erde zusammen wegzuschaufeln. Und genau deshalb hat mich dieses plötzliche Gefühl von Einfachheit sehr geprägt.


Wie schon geschrieben, weiß ich nicht, wie ich zu meinem Glück gekommen bin. Ich habe selbst nichts dafür getan, das steht fest. Vielleicht hatte Gott das Gefühl, dass ich diese Einfachheit gerade gut brauchen könnte. Vermutlich war es so. Deshalb tut es mir jetzt auch ein wenig Leid, dass ich euch keine Anleitung mitgeben kann, wie ihr zu dem gleichen Gefühl von Schlichtheit und Persönlichkeit kommen könnt, wenn ihr die Bibel lest. Alles was ich tun kann (ohne zu wissen, ob es hilft) ist euch zu ermutigen, mal alle Vorbehalte beiseitezulegen, euch einfach irgendeinen Bibeltext zu nehmen und nur auf die eine Sache zu achten: Was lese ich hier über mich?


Unabhängig davon, welche Prophetien ich über den Verlauf der Weltgeschichte lesen kann, welche komplexen Zusammenhänge es zwischen den einzelnen Büchern gibt (die teilweise Jahrtausende nacheinander geschrieben wurden und doch so erstaunlich kohärent sind), und auf welches zukünftige oder historische Ereignis sich dieser oder jener Vers bezieht – lasst das mal alles weg und lest nur mit der einen Frage im Kopf: Was sagt Gott mir ganz persönlich in diesem Moment, in dem ich den uralten Text lese?


Ein Beispiel: Ich habe gerade mit Lisa angefangen Jeremia zu lesen. Mann, ist dieses Buch gefüllt mit diversen Prophetien! Aber: Es ist genauso voll mit unfassbar einfachen und wunderschönen Wahrheiten. Für diese Wahrheiten muss man weder Theologie, noch Geschichte, noch antike Sprachen studiert haben. Man kann sie einfach nur lesen und sich daran erfreuen, wie schön sie sind!


Im dritten Kapitel bin ich zum Beispiel gleich am ersten Vers kleben geblieben:

„Und er spricht: »Wenn ein Mann seine Frau verstößt und sie ihn verlässt und einem anderen Mann zu eigen wird, darf er wieder zu ihr zurückkehren? Würde nicht ein solches Land dadurch entweiht? Du aber hast mit vielen Liebhabern gehurt; doch kehre wieder zu mir zurück!«, spricht der HERR.“ (Jeremia 3,1; Schlachter-Übersetzung)

Kleine Anmerkung vorweg: Wenn ihr diesen Vers in eurer Bibel lest, klingt er vielleicht etwas anders. Die Übersetzungen sind hier sehr verschieden und legen auch recht verschiedene Bedeutungen in diesen Satz. Aber ohne hier ins Detail gehen zu wollen denke ich, dass die Schlachter-Übersetzung im Kontext des restlichen Kapitels und eigentlich sogar des restlichen Buches sehr passend ist.


Also warum ist mir dieser Vers besonders aufgefallen? Genau wie das ganze Buch Jeremia richtet sich auch dieser Ausspruch konkret an Gottes Volk. Das Volk hatte sich allen möglichen Götzen zugewandt, sie angebetet und zum Teil seltsame Praktiken und Rituale für ihren Götzendienst von anderen Nachbarnationen übernommen. Gott spricht sie hier durch Jeremia an und wirft ihnen bildlich gesprochen Ehebruch mit ihm vor. Ehebruch nicht nur mit einem, sondern mit vielen verschiedenen Liebhabern. Gott sagt, ihr metaphorisches Fremdgehen sei so verwerflich, dass eine Rückkehr zu ihm als dem eigentlichen Ehepartner geradezu unmoralisch und anwidernd wäre. Und trotzdem sagt er: So ist es, aber es ist mir egal, denn ich liebe euch und ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass ihr nach Hause kommt! Ist das nicht wunderschön?


Das alles lesen wir über Gott und sein Volk und ihre Beziehungskrise vor tausenden von Jahren. Man könnte ihn abtun als einen uralten Bericht über die Probleme von anderen. Wenn ich diesen Vers jedoch heute lese, dann geht es um nichts anderes als um mich und Gott. Ich weiß, dass auch ich in der gleichen Metapher gesprochen in unserer Beziehung nicht immer treu gewesen bin. Es gab oft genug Momente, in denen ich selbst dachte: Was habe ich da nur getan? Und dabei geht es nicht um willkürliche Regeln, die mir mein herrischer "Ehemann" auferlegt hat und gegen die ich verstoßen habe. Es geht einzig und allein darum, dass ich anderen "Männern" nachgelaufen bin und ihn damit tief verletzt habe. Es geht um unsere Beziehung, die ich manchmal mit Füßen trete. Aber Gottes Liebe zu mir ist so groß, dass er nicht in seiner Verletzung verharrt und mich abweist, sondern zu mir sagt: Ich weiß, was du getan hast, aber ich liebe dich. Bitte komm nach Hause!



In dem Moment, in dem ich diesen Vers lese, sagt er das nicht zu einem antiken Volk, sondern direkt zu mir. Ganz einfach. Ganz persönlich. Herzzerreißend schön!


Ich finde seit besagtem Morgen im Bus in fast allem, was ich lese, diese einfachen und persönlichen Wahrheiten. Es ist nicht mein Verdienst, es passiert einfach. Es fühlt sich an wie ein großes Geschenk. Vielleicht geht es euch, die ihr das hier lest, genauso. Vielleicht geht es euch allen schon lange so und ich bin jetzt als Letzter endlich auch dort angekommen – wer weiß! Vielleicht braucht es bei euch auch gar keinen Schubs von Gott, sondern ihr könnt ganz bewusst ab und zu die historischen, politischen, sprachlichen und theologischen Mauern beiseiteschieben und auf den ganz einfachen Kern schauen. Und vielleicht kratze ich auch gerade noch an der Oberfläche und einige von euch sind schon viel weiter auf diesem Weg.


So oder so stelle ich immer wieder fest, dass ein Satz wahr ist, den ich so oder so ähnlich mal gehört habe: Die Bibel ist gleichzeitig eine Pfütze, in der ein kleines Kind gefahrlos plantschen kann, und ein gewaltiger Ozean, zu dessen Grund noch niemand vorgedrungen ist. Manchmal ist es aufregend und spannend in ein U-Boot zu steigen, in die tiefsten Tiefen vorzudringen und zu staunen. Aber manchmal gibt es nichts Schöneres als mit einem breiten Grinsen im Gesicht ein wenig zu plantschen.


Man sollte viel öfter plantschen!

Gottes Segen und bis demnächst!

Euer Daniel

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