• Daniel

Immer noch da

In letzter Zeit ist es still geworden in meiner Beziehung mit Gott. Nicht, weil Gott sich zurückgezogen hätte – ich bin es, der viel zu wenig Zeit und Energie in unsere Beziehung steckt. Wenn ich mir überlege, wie unglücklich ich schon damit bin, dann kann ich nur erahnen, wie traurig Gott sein muss.


Und trotzdem lässt er mich nicht los, das habe ich in der letzten Woche wieder eindrücklich erleben dürfen. Er ist immer noch da!


Der Grund für die Stille, die ich zwischen mir und Gott erlebe, ist so einfach wie dumm: Es passiert so viel, worüber ich mir Gedanken mache oder mich sorge, dass ich mich 25 von 24 Stunden am Tag nur mit mir selbst beschäftige und dabei in Stress, Sorgen oder einfach nur Dingen, die erledigt werden müssen, versinke. Es geht mir nicht schlecht und ich stehe nicht vor großen Problemen, aber der einfache Alltag reicht schon, um jede Ecke in meinem Kopf einzunehmen.


Könnte ich Gott in all diese Dinge einbeziehen und würde er mir den ganzen Stress und die Last von den Schultern nehmen? Auf jeden Fall! Tu ich das? Leider viel zu selten. Darum hat Gott mir wohl letzte Woche mal wieder nahelegen wollen, wie einfach es sein könnte.


Unter allem, worüber ich mir Tag für Tag so Gedanken mache, war ein Thema in letzter Zeit besonders dominant: mein anstehendes Personalgespräch.


Ich bin grundsätzlich sehr zufrieden mit meiner Arbeit und ich war mir vor dem Gespräch auch relativ sicher, dass meine Arbeit mit mir zufrieden ist. Ich hatte meiner Erinnerung nach alle Deadlines eingehalten und sogar ein paar mehr Projekte umgesetzt, als eigentlich in der Zeit zu schaffen gewesen wären. Mit den Ergebnissen war ich sogar auch größtenteils zufrieden.


Trotzdem ließ mir das anstehende Gespräch mit meinen Vorgesetzten keine Ruhe. Was, wenn ihr Empfinden meiner Leistung komplett anders war als meins? Hatte ich vielleicht einige Erwartungen nicht erfüllt, ohne es zu bemerken? Ist unser Verhältnis vielleicht nicht so gut und entspannt, wie ich es wahrgenommen hatte? Würde ich merken, wenn etwas im Argen liegen würde?


Und dann war da noch ein Thema, was mich – zu meiner großen Unzufriedenheit – besonders beschäftigte: das liebe Geld. Geht es mir finanziell schlecht oder habe ich Probleme, meine Familie zu versorgen? Überhaupt nicht! Selbst jetzt, wo meine Frau schon seit fast 2 Jahren in Elternzeit ist und nur einen kleinen Teil ihres sonstigen Gehalts bekommt, geht es uns wunderbar.


Und trotzdem machte ich mir eine Menge Gedanken um die anstehende Gehaltsverhandlung. Ich verdiene genug … aber dann natürlich auch wiederum nicht so viel wie andere. In einem Lied, das ich sehr mag („The Me You Made“ von Matthew West) heißt es: „Comparison ist he thief of joy“. Wie wahr!


Was meinen Neid bzw. meine Gier noch einmal besonders anfachte war, dass ich vor kurzem erfahren hatte, was andere in ähnlichen Jobs und zum Teil mit Tarifverträgen verdienten. Dieses Wissen, gepaart mit der Erwartung, dass es dieses Jahr (durch Corona, etc.) einen noch strengeren Deckel für die Möglichkeiten der Gehaltserhöhung geben würde als sonst, ließ meine Gedanken nur noch mehr kreisen.


So habe ich also über die letzten Wochen vor allem mit dem Grübeln über die Gehaltsfrage viel mehr Zeit verbracht als mir lieb war. Zeit, die ich nicht in meine Beziehung mit Gott investiert habe.


Ich denke, für mich war das Sünde. Nicht eine der Formen von Sünde, die man vermutlich aufgezählt bekäme, wenn man Menschen in der Fußgängerzone fragt, was der Begriff bedeutet … aber trotzdem Sünde. Viele würden Sünde vermutlich als etwas definieren, was gegen Gottes Willen verstößt und ihn deshalb verärgert. Ich habe kürzlich eine viel praktischere Definition gehört, die sich sehr gut für die schnelle Einschätzung im Alltag eignet: Sünde ist, was mir oder anderen schadet*.


Wer schon mehrere meiner Artikel gelesen hat, weiß wahrscheinlich, dass sich diese Definition besser mit meinem Verständnis Gottes und der Bibel deckt, als zu sagen: Sünde ist, wenn ich gegen irgendein Gebot verstoße. In meinem Fall bin ich überzeugt, dass meine Gedanken sündig waren (um noch mal dieses uralte und mit vielen falschen Vorstellungen beladene Wort zu benutzen), da sie mir selbst geschadet haben. Sie haben nicht nur all meine Zeit beansprucht und mich damit von Gott entfernt, sondern sie haben mich auch ganz einfach unglücklich gemacht. Und das hat obendrein sicherlich auch Gott unglücklich gemacht.


Am Tag vor meinem Personalgespräch war ich also an dem Punkt, dass ich mir genau überlegt und aufgeschrieben hatte, welche Aspekte meiner Arbeit ich besonders hervorheben sollte, um im besten Licht dazustehen, wie viel mehr Geld sich faktisch hinter welcher prozentualen Erhöhung verbergen würde, bei welchem Prozentsatz ich anfangen wollte zu verhandeln und bei welchem ich wie viel Unmut äußern würde, was ich als Alternativen zu mehr Gehalt in der Hinterhand haben könnte, um nicht komplett unzufrieden aus dem Gespräch zu gehen und wie ich argumentieren könnte, dass der eventuell begrenzte Spielraum meiner Chefin kein Grund sein muss, mir nicht trotzdem mehr Geld zu geben.


Ich war perfekt auf eine taffe Verhandlung vorbereitet – und fühlte mich grässlich damit.


Das war der Punkt, an dem ich endlich tat, was ich schon so lange hätte tun sollen: ich fing an zu beten. Ich öffnete Gott mein Herz und schüttete ihm alles aus, was mich bedrückte. Ich erzählte von meiner Unzufriedenheit mit der Situation, von den ganzen Gedanken, die in meinen Augen falsch waren, und vor allem davon, wie schrecklich ich mich fühlte in meiner neuen Rolle als kalkulierter, gieriger Verehrer des „Mammons“.


Ich musste an eine Bibelstelle denken, die ich auch schon in diversen anderen Beiträgen erwähnt habe:

„Deshalb sage ich euch: Seid nicht besorgt für euer Leben, was ihr essen und was ihr trinken sollt, noch für euren Leib, was ihr anziehen sollt! Ist nicht das Leben mehr als die Speise und der Leib mehr als die Kleidung? Seht hin auf die Vögel des Himmels, dass sie weder säen noch ernten noch in Scheunen sammeln, und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr nicht viel wertvoller als sie? Wer aber unter euch kann mit Sorgen seiner Lebenslänge eine Elle zusetzen?“ (Matthäus 6,25-27)

Also sagte ich abschließend zu Gott: „Ich will nicht mehr, dass diese blöde Geldfrage mich so einnimmt. Ich möchte mir weder darüber Gedanken machen, noch um meine Leistungen, über etwaige Kritik oder sonst irgendwas, was mich jetzt so lange beschäftigt hat. Ich will einfach darauf vertrauen, dass du dich um mich kümmerst und alles so leitest, dass es gut wird – egal was das bedeutet. Vor allem will ich mich nicht selbst darstellen müssen als herausragenden Mitarbeiten, der aus diesem und jenem Grund viel mehr Gehalt verdient. Es widert mich an. Vielleicht gibt es ja sogar eine Möglichkeit, dass ich gar nicht verhandeln und mich selbst anpreisen muss? Das wäre wunderbar! Lass bitte einfach passieren, was du für richtig hältst.“


Könnt ihr euch vorstellen, was das Ende vom Lied war?


Das Gespräch hätte positiver kaum sein können. Meine Vorgesetzten waren überaus zufrieden mit mir und meiner Leistung im letzten Jahr. Es gab nur einen kleinen Kritikpunkt, der aber überhaupt nicht schwer ins Gewicht fiel und nicht mal wirklich negativ war.


Und dann ging es an die Gehaltsverhandlung. Der Teil, vor dem ich die meisten Bauchschmerzen hatte. Meine Abteilungsleiterin leitet ironischer Weise in etwa mit den Worten ein: „Du hast dir ja bestimmt Gedanken gemacht über das Gehaltsthema?“ … wenn sie wüsste! :-D


Was sollte ich also sagen? Vor Gott hatte ich mir gewünscht, dass ich gar nichts sagen müsste … also versuchte ich es mit einem: „Was bin ich denn in deinen Augen wert?“ Und mehr musste ich nicht mehr sagen. Ich will hier nicht mehr ins Detail gehen als nötig, aber ich kann sagen, dass es noch erfreulicher verlaufen ist, als ich mir gewünscht hätte. Vielleicht lag das daran, dass ich vorher viel schlechter verdient habe als andere in der Abteilung (man spricht ja nicht darüber) … vielleicht hatte ich auch wirklich herausragend gute Arbeit geleistet …


Für mich lag es aber ganz allein daran, dass ich gebetet hatte. Ich bin überzeugt, dass das Gespräch anders verlaufen wäre, wenn ich mich auf mich selbst verlassen und aus eigener Kraft versucht hätte, das bestmögliche rauszuholen.


Das ist das Amüsante am Leben mit Gott: Meine Chefin weiß, warum sie mir mehr Geld gegeben hat. Aber egal, was ihr Grund gewesen ist, kennen ich und Gott einen weiteren Grund, von dem sie vermutlich nicht mal etwas ahnt! 😊


So hat Gott mir letzte Woche gezeigt, wie gut ich daran tue, mich nicht auf mich selbst, sondern auf ihn zu verlassen. Während ich diesen Text schreibe, wird mir erst richtig klar, wie viel leichter sich alles anfühlt, jetzt, wo ich Gott wieder richtig in mein Leben eingeladen habe. Und ich habe mal wieder gelernt: Egal wohin ich mich verirrt habe und komplett verloren versuche im Dunkeln den richtigen Weg zu finden – wenn ich innehalte und mich besinne, dann ist da jederzeit eine helfende Hand.



Auch wenn ich komplett im Alltag verloren gehe und ihn nicht mehr sehe – Gott ist immer noch da.

„Kehre zurück, meine Seele, zu deiner Ruhe! Denn der HERR hat dir Gutes erwiesen.“ (Psalm 116,7)

Gottes Segen und bis zum nächsten Mal

Euer Daniel



*Die Definition stammt aus: John Launchbury: Sin and the poverty of law (https://www.pressonjournal.org/blog/sin-and-the-poverty-of-law)


Alle Bibelzitate sind aus der Elberfelder Bibelübersetzung.

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