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Gottes Story

  • Autorenbild: Daniel
    Daniel
  • 8. Dez. 2025
  • 7 Min. Lesezeit

Vielleicht kennt ihr das auch: Wenn ich von meinen nicht-christlichen Freunden jemals auf meinen Glauben angesprochen werde, dann geht es dabei selten um große theologische Fragen. Niemand fragt mich, wie Erlösung funktioniert oder möchte diskutieren, ob Gott dreieinig ist. Was Menschen an meinem christlichen Glauben interessiert ist etwas viel Greifbareres und Praktischeres – meine Ethik. Ehrlich gesagt habe ich mir nie wirklich Gedanken über den Unterschied gemacht. Aber dann habe ich neulich einen Podcast wiederentdeckt, der mir schon vor Jahren empfohlen wurde. Und diesmal habe ich auch angefangen ihn zu hören!

 

Ein neuer alter Podcast

 

Der Podcast heißt „Karte und Gebiet“. In ihm sprechen die deutschen Theologen Thorsten Dietz und Tobias Faix über „Ethik zum Selberdenken“, quasi als Ergänzung und Vertiefung ihrer zwei Bände „Transformative Ethik“, die denselben Untertitel tragen. Der Podcast (oder besser: die wenigen Folgen, die ich bisher gehört habe) hat mir die Augen dafür geöffnet, dass ein großer Teil von dem, was Menschen am christlichen Glauben interessiert, ethische Fragen sind. Und ich habe gemerkt: Das sind auch die Fragen, die mich am meisten interessieren!

 

Während die Theologie (wörtlich übersetz etwa: Die Rede von Gott) sich eher mit allgemeinen Glaubensätzen zu Gott, Jesus, dem heiligen Geist oder der Plan Gottes mit den Menschen befasst, fragt die christliche Ethik danach, wie wir als Christen leben und handeln sollen. Es verwundert mich nicht, dass ethische Fragen Außenstehende oft mehr reizen als rein theologische, wenn auch nach meiner Erfahrung viele Anfragen eher neugierig und mit einer hochgezogenen Augenbraue abklären wollen, ob ich wohl auch all die christlichen Klischees erfüllen: Blicke ich auch abschätzig auf Homosexuelle? Gehört meine Frau für mich auch vorwiegend hinter den Herd? Denke ich auch, dass die Rute zur guten Kindererziehung dazugehört?

 

Ja, es gibt viele und leider oft sehr negative Klischees darüber, wie Christen leben wollen und wie sie mit anderen umgehen. Und auch wenn es mich sehr traurig macht, weil all das in der Regel komplett am wirklichen Beispiel Jesu und damit auch an meinen Überzeugungen vorbei geht, sehe ich leider auch, wo die Klischees herkommen. Und ja: Einfach ist die Angelegenheit nicht. Immerhin halten die meisten Christen (und auch ich) die Bibel als Wort Gottes und zentrales Buch unseres Glaubens hoch. Und in diesem Buch kann man vieles Lesen, was auf den ersten Blick fragwürdig oder sogar verstörend wirkt. Die große Frage ist also: Wie geht man mit dem Buch um und wie kann man es vernünftig verstehen und auslegen? Und was lehrt mich die Bibel dann wirklich darüber, wie ich als Christ mein Leben leben sollte?

 

Natürlich ist das ein riesiges Thema, über das Bücher über Bücher geschrieben und Podcastfolge über Podcastfolge aufgenommen wurden. Ich habe auch bei weitem nicht zu allem eine gute Antwort. Aber: Ich habe im Karte und Gebiet Podcast neulich einen spannenden Ansatz gehört, den ich gerne mit euch teilen würde. Mir hat er geholfen, mein Verständnis der Bibel und meine ethischen Ansichten besser in Worte zu fassen – und vielleicht kann er das für euch auch.

 

Gottes Story

 

In Folge 5 von Karte und Gebiet sprechen Thorsten und Tobias über den englischen Geistlichen und Theologie-Professor N. T. Wright. Beide sagen, dass Wright sie mit seinen Büchern und Vorträgen sehr inspiriert und geprägt hat. Besonders auf eins vom Wrights Bildern gehen sie näher ein und machen es sich für ihre ethischen Überlegungen zu eigen. Es ist das Bild der Geschichte (Story) Gottes mit den Menschen.

 

Die Idee ist im Grunde folgende: Es gibt eine große Geschichte Gottes mit den Menschen, die alle Zeiten überspannt. Die Bibel gibt uns Einblicke in viele Abschnitte dieser Geschichte – aber nicht in alle! Vor allem nicht in den Teil, der jetzt gerade abläuft. Wright benutzt dafür das Bild eines Dramas in 5 Akten, als das man die Bibel lesen kann: Jeder Akt eröffnet neue Facetten derselben Geschichte. Gott nimmt dabei eine Position irgendwo zwischen Autor und Regisseur ist. Jedoch bricht das Skript kurz nach Beginn des 5. Akts plötzlich ab … und nun ist es an uns, die Geschichte getreu der ersten 4 Akte zu Ende zu spielen.


 

Ich finde dieses Bild sehr spannend, da ich denke, dass es unsere Situation heute wirklich gut beschreibt. Jeder der ersten vier Akte bringt uns interessante Einblicke in die Geschichte und damit in Gottes Gedanken und sein Handeln. Hier sind ein paar Gedanken aus dem Podcast dazu, was für Punkte das sind und wie sie sich auf ethische Fragen auswirken:

 

Akt 1: Die Schöpfung

 

Gott schafft den Menschen „in seinem Bild“. Auch schafft er ihn „sehr gut“. Aus dieser Gottesebenbildlichkeit lässt sich ein unglaublicher Wert jedes einzelnen Menschen ableiten. Es gibt aufgrund der erzählerischen Struktur der Schöpfungsberichte keine direkten Gebote oder Anweisungen, aber wenn man bedenkt, wie zentral Erzählungen im kulturellen Kontext der Entstehung des Buchs Genesis waren, lassen sich trotzdem viele fundierte Gedanken über Gott, den Menschen, Beziehungen und Sinn ableiten.

 

Akt 2: Der Fall

 

Beziehungen gehen zu Bruch: Die Beziehung des Menschen zu Gott, zu seinen Mitmenschen und auch zur Natur. Der Egoismus als vernichtendes Übel wird offenbar: Jeder ist sich mehr und mehr selbst der Nächste. Das bestimmt auch das Handeln in der Welt. Der Mensch ist gebrochen und bekommt dieses Problem selbst nicht gelöst.

 

Akt 3: Gottes Geschichte mit Israel

 

Gott schließt Bünde mit Abraham, Jakob und David. Diese Bünde haben einen universellen Charakter – sie werden zwar spezifisch für Israel gegeben, aber wir alle können daran teilhaben. Israel wird exemplarisch ausgewählt, um Gottes Begleitung und Handeln – kurz: seine Treue – zu zeigen. Wir finden viele Beispiele für uns in der Zerrissenheit des Volkes Israel und dem ewigen Straucheln zwischen Gut und Böse. In Israels Geschichte zeigen sich viele Facetten Gottes. Es sticht hier heraus, dass Gott besondere Fürsorge für die Benachteiligten und Unterdrückten zeigt.

 

Akt 4: Jesus

 

Mit Jesu Auftreten beginnt nichts völlig Neues, sondern er setzt die Geschichte fort. Das zeigt sich unter anderem darin, wie viel er aus dem Alten Testament zitiert. Jesus lehrt die Menschen viel über Gottes Ethik. Aber noch wichtiger: Er lebt sie auch! In Jesus finden wir das Vorbild der Einheit von Wort und Tat. Jesus führt viele ethische Prinzipien weiter aus, so z.B. die Gewaltfreiheit und ganz besonders die Feindesliebe.

 

Akt 5: Die Gemeinde und Gottes Handeln bis heute

 

Das bedeutendste Ereignis der Weltgeschichte – Jesu Auferstehung – legt den Grundstein für eine neue, reparierte Welt. Gottes Geist beginnt deutlich in der frühen Gemeinde zu wirken. Für jeden Nachfolger Jesu beginnt ein lebenslanger Weg der Verwandlung. Wir dürfen wissen, dass wir nicht allein sind: Wir haben den heiligen Geist, wir haben die Schrift und wir haben Gott und Jesus immer an unserer Seite. Gott zeigt uns unter anderem durch Paulus: Ihr müsst viele Entscheidungen treffen und ihr sollt sie selbst treffen, aber ihr seid nicht allein damit.

 

Wie geht es jetzt weiter?

 

Und hier betreten wir die Bühne. Das Skript ist zu Ende. Es gibt keine Regieanweisungen mehr, keinen Text, den wir auswendig lernen und nachspielen können. Den Rest müssen wir nun selbst spielen. Aber wir sind nicht allein – und schon gar nicht ohne Anhaltspunkte. Wir können auf 4 spannende Akte zurückblicken, die uns tiefe Einsichten in Gottes Willen und Handeln gegeben haben. Unsere Aufgabe ist es nun, eine würdige Fortsetzung der Geschichte Gottes mit der Menschheit auf die Bühne zu bringen.

 

Ich denke dieses Bild beschreibt unsere Situation ziemlich treffend und die vielen Implikationen fordern uns ethisch sehr heraus. Wie gehen wir um mit den ersten 4 Akten des Stücks? Wie schreiben wir alle zusammen und gleichzeitig jede/r für sich Akt 5 fort? Wie detailliert orientieren wir uns dabei an den ersten 4 Akten? Und was gilt es zu beachten, um einen „originalgetreuen“ Akt 5 zu schreiben?

 

Ist es zum Beispiel sinnvoll, Teile von Akt 3 und 4 einfach noch einmal 1:1 zu wiederholen? Ich denke nicht. Die Geschichte muss ja weiter gehen. Würde sie sich immer nur wiederholen, dann würde sie nie zu einem Ende kommen. Uns wurde aber ein grandioses Finale versprochen, und auch wenn wir nicht wissen, wie lang der 5. Akt sich noch ziehen wird, ist es doch nur logisch, dass die Geschichte sich weiter entwickeln sollte und nicht zum Beispiel in einer Dauerschleife mitten in Akt 3 hängen bleiben kann.

 

Trotzdem muss Akt 5 auf alle vorherigen Akte aufbauen – es ist schließlich immer noch dieselbe große Geschichte. Was können wir also aus Akt 1 bis 4 über den Stil des Autors bzw. des Regisseurs erkennen? Wie können wir die Geschichte stimmig und stilistisch passend fortführen? Wie bei jeder literarischen Analyse gibt es hier wohl nicht die eine richtige Antwort – auch wenn es nur einen Autor gibt. Jeder und jede von uns bringt in seiner/ihrer Analyse der ersten Akte viele persönliche Hintergründe mit ein und so stechen auch andere stilistische Aspekte deutlicher hervor, obwohl vielleicht alle zusammen erst den wirklichen Stil des Stücks ausmachen.

 

Für mich sind vor allem zwei Feststellungen spannend: Zum einen die, dass Akt 5, in dem wir leben, nicht einfach nur eine Wiederholung sein kann, sondern in irgendeiner Form eine Weiterentwicklung des Stoffes sein muss. Zum anderen die, dass es offenbar essenziell im Konzept Gottes verankert ist, dass es für Akt 5 kein Skript und keine detaillierten Regieanweisungen mehr gibt. Vielmehr sind wir angehalten, die Geschichte ohne all das so zu interpretieren, dass sie der Vision des Autors gerecht wird. Verglichen mit anderen Akten ist das eine sehr neue Art von vertrauensvoller und wertschätzender Beziehung zwischen Autor und Schauspielern.

 

Ich hoffe, ihr findet das Bild des Theaterstücks in 5 Akten ähnlich spannend wie ich. Natürlich ist es nur ein Bild und hat sein Grenzen. Ich finde aber, es zeigt viele kleine Aspekte, die mich heute herausfordern zu überdenken, wie ich die Bibel verstehe und wie ich aus ihr meine eigene Ethik ableite. Ich habe schon jetzt die Erfahrung gemacht, dass mir Wrights Bild im Gespräch mit Nicht-Christen aber auch mit Christen hilft, mein Verständnis von Gottes Willen besser zu vermitteln. Und es lädt alle – egal ob Christ oder nicht – ein, sich selbst Gedanken über ihre ganz persönliche Rolle in Akt 5 zu machen. In Anspielung auf meinen wiederentdeckten Podcast hieße das also: Leben zum Selberdenken.


 

Gottes Segen und bis zum nächsten Mal,


Euer Daniel


3 Kommentare


Peter M.
12. Dez. 2025

Hey Daniel,

inspiriert durch Deinen Beitrag habe ich ebenfalls angefangen, Folgen des Podcast Karte und Gebiet zu hören und mir auch ein Buch von N.T. Wright zugelegt, der seine eher leichter (nicht theologisch formuliert) geschriebenen Bücher als Tom Wright veröffentlicht.

Das Buch heißt "Von Hoffnung überrascht".

Sowohl der Podcast als auch das Buch begeistern mich, weil sie sehr klar und dennoch nicht belehrend Inhalte zum selbst weiterdenken vermitteln.

Das wollte ich noch als weitere Buchempfehlung weitergeben!


Danke für die Inspiration!

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Tomas
08. Dez. 2025

Danke, Daniel, für den Hinweis auf das Buch "Transformative Ethik"! Ein echter Gewinn, um herauszufinden, wo unsere individuellen Wege auf der Karte verlaufen, die noch gar nicht eingezeichnet sind. Und es wird deutlich: es ist alles im Flow! Danke, für den tollen Beitrag!

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Christian
08. Dez. 2025

Lieber Daniel, vielen Dank für deine heutigen Gedanken, die inklusive aller bisherigen Beiträge mich wieder sehr inspiriert und nachdenklich in eine neue Woche starten lassen. Ich habe irgendwie den Eindruck, dass wir als Menschheit diesen 5. Akt noch nicht erfasst, bzw die Bühne dafür noch nicht richtig betreten haben, oder besser gesagt, vielleicht die Möglichkeiten, Herausforderungen und Freiheiten noch nicht verstehen..... oder uns manchmal noch nicht richtig trauen, die Bühne ganz kreativ und individuell mit Gott als unser Gegenüber und Jesus als unser Meister zu bespielen. Noch stecken wir zum Teil sehr in den alten Mustern gefangen und deine Gedanken sind für mich ein Anreiz, mehr als zu zuvor, mich aus den "Wiederholungen" zu lösen und Gott zu fragen, wi…

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