Die Schönheit des Einfachen
- Daniel

- vor 13 Stunden
- 6 Min. Lesezeit
Diese Woche ist bei mir nicht viel Spannendes passiert. Bis auf die eine Situation, in der ich vor Überraschung fast rückwärts vom Stuhl gefallen wäre. Damit steht wohl fest, worum es heute gehen muss 😉
Vielleicht erinnert sich der oder die ein oder andere, dass ich vor einiger Zeit von meinem Glück berichtet hatte, durch Zufall (?) einen tollen Chor gleich in der Nachbarschaft gefunden zu haben. Dieser Chor ist immer noch eine wirkliche Bereicherung in meinem Leben: Einmal in der Woche freiwillig gezwungenermaßen – ja, das ist kein Widerspruch! – den Alltag abschalten, bewusst Atmen und seelig in einem (wenn’s klappt schönen) Meer von Klängen schwimmen. Ich hatte schon damals geschrieben, dass das Erlebnis in einem Chor zu singen, für die, die es noch nie erlebt haben, vermutlich kaum nachfühlbar ist. Aber die, die es kennen, wissen sicher genau wovon ich sprechen.

Für mich hat meine Chor-Reise in der weiterführenden Schule begonnen, als mein eher Rock-orientierter Musiklehrer mir und einem damaligen Bandkollegen nahelegte, dass wir mal in den Schulchor eintreten sollten. Da könnte man eine Menge lernen über mehrstimmiges Singen und Harmonieren in einem Ensemble. Damals schien uns das erst mal nicht sonderlich naheliegend … aber wir vertrauten unserem Lehrer (so von Hardrocker zu Hardrocker) und wagten das Experiment. Der Rest ist Legende ... oder so.
Jedenfalls hat uns das Chorsingen unerwartet viel Spaß bereitet. Nicht falsch verstehen: Ich war musikalisch noch nie sonderlich festgelegt, daher meine ich mit „unerwartet“ nicht, dass im Schulchor zu wenig Rock gesungen wurde. Das wäre auch nicht ganz wahrheitsgemäß: Wir haben sogar mal (alle Ultra-Frommen bitte kurz weghören!) eine Fassung von Rammsteins Engel gesungen. Es war vielmehr das große Fragezeichen, was mich in diesem mir vorher komplett unvertrauten Setting erwarten würde …
Die Antwort ist: eine unglaublich schöne Zeit aus Gemeinschaft, Proben, Auftritten und Chor-Freizeiten, die ich für immer im Herzen behalten werde und auf die ich heute noch mit einem lachenden und einem weinenden Auge zurückblicke, weil sie so nie zurückkommen wird. Naja, zumindest nicht bis zum Königreich. Und selbst dann wird vermutlich der Nervenkitzel fehlen, heimlich Bier aus dem kleinen Supermarkt im Ort in die Jugendherberge zu schmuggeln, vorbei an den Lehrern, die selbst bei einem oder fünf Weinchen zusammensitzen 😉
Ja, die Chorzeit in der Schule war wirklich einmalig. Und mit ihr verbinde ich sehr viel wunderschöne Musik, die ich außerhalb des Chors vermutlich nie kennengelernt hätte. Für die Eingeweihten nenne ich mal: Blue mountain river, Winter Song, Hold on tight to your dreams.
Und es gibt noch ein Stück, welches ich wie kaum ein zweites mit dem Schulchor verbinde: „Look at the world“ von John Rutter. Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich es jemals selbst in diesem Chor gesungen habe. Trotzdem habe ich noch heute eine Aufnahme davon im Kopf, die bei einem Weihnachtskonzert der Schule gemacht worden sein muss – und auch wenn ich diese Aufnahme nicht mehr finde, höre ich noch ganz genau einen Klassenkameraden und seinen Bruder aus der hinteren Männerreihe. „Look at the world“ war für mich eine der Sternstunden des Chors und ich musste immer schmunzeln bei dem Gedanken, dass John Rutters Musik und Text wohl nur wenige andere so berührt hat wie mich – denn es ist ein Lied über die vielen Geschenke, die Gott uns macht. Für viele, die damals mitgesungen haben, war es vermutlich einfach nur irgendein nettes Lied, aber mich berührt es noch heute. Es hatte für mich immer diese zusätzliche Ebene, wie eine geheime Botschaft, nur dass sie absolut nicht geheim ist. Und es hat in mir eine bleibende Bewunderung für den Komponisten und Texter ausgelöst, die über die Jahre sogar noch gestiegen ist, je mehr ich von ihm gehört und gesungen habe und je mehr ich verstanden habe, was für eine Größe er generell in der Welt der Chormusik ist. John Rutter ist für die Chorwelt ein Name wie Andrew Lloyd Webber für die Musicalwelt oder John Williams für die Filmmusikwelt. Und es ist ein Name, der in mir all diese schönen Erinnerungen weckt.
Jetzt aber genug sentimentales Erinnern an die Schulzeit. Springen wir wieder ins Jetzt, genauer gesagt zu diesem Dienstag. Es war früher Nachmittag und ich saß im Büro und verzweifelte vor einem großen To do, für das es nur sehr schwammige Anforderung gab und das mir schlechte Laune machte, weil ich absolut keine Lust darauf hatte und kein Ende in Sicht war. Da vibrierte mein Handy. Es war eine Nachricht in unserer Chor-Gruppe.
Unsere Chorleiterin teilt sporadisch interessante Links und so war es auch diesmal. Am Dienstag war es ein Veranstaltungstipp: Die Domsingschule in Braunschweig feiert 50. Geburtstag. Ehrlich gesagt konnte ich damit erst mal nicht sehr viel anfangen, aber da ich ja eh gerade genervt und sehr willig war zu prokrastinieren, klickte ich auf den Link. Es war eine Anmeldeseite ... für einen Chorworkshop in einer braunschweiger Kirche … MIT JOHN RUTTER! Ich wäre fast rückwärts vom Stuhl … ach das sagte ich ja bereits.
Natürlich musste ich sofort ein Ticket kaufen. Es gab auch nur noch ganz wenige - und minütlich weniger! Jetzt musste die Arbeit leider mal kurz warten. Während ich mit zittrigen Händen das Formular ausfüllte, ging ich schon im Kopf alle Menschen durch, denen ich noch davon erzählen musste: meine Schwester, Geschwister aus der Gemeinde und mein alter Chorleiter aus der Schule! Ich tippte und telefonierte. Nicht für alle passte der Termin (oder der Ort), aber ich konnte hören und lesen, dass ich nicht der Einzige war, dem die Nachricht von diesem Event kurz den Mund offen stehen ließ. John Rutter – in Deutschland, in meiner Stadt! Einfach verrückt.
Ich werde nun also, so Gott will, im Mai Musik von John Rutter singen – unter Leitung John Rutter! Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sagen würde (war mir doch lange Jahre nicht mal bewusst, dass der legendäre John Rutter tatsächlich noch lebt). Natürlich musste ich im Laufe des Tages immer wieder kurz daran denken, wofür ich mich da angemeldet hatte. Und als ich nach Hause kam, hatte ich endlich auch Zeit in Ruhe mal wieder mein liebstes Rutter-Stück „aufzulegen“: Look at the world. Ich möchte das hier gerne mal mit euch teilen:
Wie ich schon schrieb, berührt mich das Stück immer wieder sehr. Ich mag zum einen die eingängige Musik, die ohne viele Schnörkel aber trotzdem mit viel Handwerkszeug einfach gut komponiert ist und mit einfachen Melodien und Harmonien spürbar dafür gemacht ist, zu gefallen (oder wie meine Chorleiterin sagte: „Naja, für uns echte Klassiker ist es natürlich ein bisschen simpel.“). Vielleicht ist genau das in diesem Fall aber auch gewollt, nämlich um den Text zu untermauern, der so seine volle Kraft entfalten kann. Denn auch der Text ist sehr einfach, schnörkellos und gerade deshalb für mich so anrührend. Er ist im Grunde nicht mehr als eine fast kindliche Aufzählung von Dingen, für die wir dankbar sein können: Die Jahreszeiten, die Wärme der Sonne, die Ernte, die Natur, …so viele schöne Dinge, die Gott uns schenkt!
Und dann kommt im Refrain (wenn man es so nennen will), dieser kleine Satz, der mir schon oft ein paar Tränen in die Augen getrieben hat:
„Give us thankful hearts that we may see: all the gifts we share and every blessing, all things come of thee.“ (Übersetzt bedeutet es: Gib uns dankbare Herzen, damit wir sehen können: alle Gaben, die wir teilen, und jeden Segen, alles kommt von dir.)
„Gib uns dankbare Herzen“ … das ist etwas, was mich immer wieder sehr bewegt. Wie oft mache ich mir Sorgen über dieses und jenes, habe Angst (besonders vor Krankheit) und fühle die ganze schwere der Welt, die mich runter zieht in einen tristen grauen Matsch … und dabei vergesse ich komplett, wie sehr ich eigentlich schon gesegnet wurde in meinem Leben und was für eine grandios schöne Welt Gott geschaffen hat. Ich denke an dieser Stelle dann oft: Selbst wenn meine schlimmste Befürchtung wahr werden würde und ich sollte morgen tot sein – müsste ich dann nicht trotzdem mit einem breiten Lächeln auf mein Leben zurück gucken und einfach nur dankbar sein für all die wunderbaren Dinge, Menschen und Momente, die ich hatte? Und noch mehr als das: Hinter dem allen steht ein Gott, der mich liebt und der einen guten Plan hat, selbst wenn für mich alles nur nach Chaos aussieht.
Mir tut dieser Perspektivwechsel unglaublich gut! Und Rutters Text und Musik sind ein wunderbarer Weg, mich immer wieder zu diesem Umdenken zu bringen – gerade weil sowohl der Text als auch die Musik so herrlich einfach und geradeaus sind. Vielleicht seid ihr ja auch gerade an einem Punkt, wo ihr so ein Stück Einfachheit gebrauchen könnt 😊 So wie unser Blog-Motto bereits sagt: Leben. Einfach. Biblisch. Vielleicht habt ihr auch manchmal Probleme, alle diese drei Wörter unter einen Hut zu bringen. Aber ich glaube das ist möglich! Und wenn ich es mal schaffe, dann gibt es mir eine angenehme Ruhe – dann kann ich nach einem kräftigen Einatmen und einem tiefen Seufzer einfach mal wieder Lächeln. Und ich hoffe ihr könnt das heute auch! 😊
"Ich preise dich darüber, dass ich auf eine erstaunliche, ausgezeichnete Weise gemacht bin. Wunderbar sind deine Werke, und meine Seele erkennt es sehr wohl." (Psalm 139:14)
Gottes Segen und bis zum nächsten Mal,
Euer Daniel 😊
Foto von David Beale auf Unsplash

Lieber Daniel, nach einem aufregenden Start in die neue Woche, in der ich einen Teil meines Vormittags mit dem Reparieren eines Abflussrohres unserer Küchenspüle verbrachte, und mich reingequetscht in den Küchenschrank wie ein Klappmesser fühlte, welches sich nach getaner Arbeit etwas verrostet und kaum wieder entfaltbar erleben musste, kommt mir jetzt dein Beitrag beim Lesen genau zur rechten Zeit. Oh hätte ich deine Worte über die Schönheit des Einfachen vor dem Beginn meines akrobatischen Projektes gelesen, dann hätte ich jede mürbe Dichtung ..... na ja.... Spaß beiseite..... vielen Dank für deinen inspirierenden Beitrag, der mich noch zum Ende des Tages innerlich rettet und auf das umstimmt, was letztendlich zählt : Einfach mit Gott leben, mit allem was dazu gehört, ob…