• Lea

Die Frau aus Sprüche 31

Als Frau in der christlichen Welt kommt man an den Versen 10 – 31 aus Sprüche 31 kaum vorbei. Es gibt zahllose Videos, Artikel und Ratgeber dazu, wie man eine Frau nach Sprüche 31 werden kann. Für viele scheinen diese elf Verse der perfekte Entwurf für eine „biblische Frau“ zu sein. Ich denke jedoch nicht, dass man diesen Text tatsächlich so betrachten sollte. Aber lasst uns zunächst einen Blick darauf werfen, wer diese sagenumwobene Frau aus Sprüche 31 ist und was uns die Bibel über sie verrät.




Eine tüchtige Frau – Wer findet sie?


Am besten lest ihr euch Sprüche 31, 10–31 einmal durch, bevor ihr weiterlest. In den elf Versen erhält man eine Vielzahl von Informationen über die „tüchtige Frau“ (V. 10), von der die Mutter König Lemuels in diesem Abschnitt erzählt. Eine Liste ihrer Eigenschaften könnte zum Beispiel so aussehen:

  • sie bekommt Kinder, wahrscheinlich sogar viele (V. 11)

  • sie steht vor Sonnenaufgang auf und arbeitet bis spät in die Nacht (V. 15, 18)

  • sie ist unfassbar fleißig (V. 14, 15)

  • sie ist stark und würde heute vermutlich regelmäßig Sport machen (V. 17)

  • sie ist hilfsbereit und kümmert sich um die Schwachen und Armen (V. 20)

  • sie ist handwerklich und künstlerisch begabt (V. 13, 22)

  • sie kümmert sich um ihre Familie und scheut dabei keine Mühen (V. 14, 15)

  • sie hat einen angesehenen Mann (V. 23)

  • sie hat gewissermaßen ein eigenes Unternehmen (V. 24)

  • sie investiert das Geld, das sie verdient hat (V. 16)

  • sie hat einen grünen Daumen (V. 16)

  • sie hat eine würdevolle Ausstrahlung (V. 25)

  • sie lacht dem nächsten Tag entgegen (V. 25)

  • sie ist weise und gütig (V. 26)

  • sie steht ihrem Haushalt gut vor und ist eine faire Arbeitgeberin (V. 27, 15)

  • sie gehört offensichtlich zur Oberschicht (V. 15, 21)

  • sie ist nie faul (V. 27)

  • ihre Familie spricht in den höchsten Tönen von ihr (V. 28)

  • sie ist eine gottesfürchtige Frau (V. 30)


Wenn das mal keine lange Liste ist! Und wenn man sich ansieht, was alles angesprochen wird, ist es auch kein Wunder, dass die Mutter Lemuels diesen Abschnitt mit „Eine tüchtige Frau – wer findet sie?“ (V. 10) beginnt. So eine Frau scheint tatsächlich schwer zu finden zu sein.


Ich selbst könnte bei sehr wenigen Punkten dieser Auflistung mit voller Überzeugung einen Haken machen. Ich habe keinen Mann, keine Kinder, bin manchmal schon mit meinem Ein-Personen-Haushalt überfordert (man sollte meinen, es würde mir leichter fallen, meine 25 m² große Wohnung sauber zu halten), ich bin oft faul, ein Profi im Aufschieben von eigentlich wichtigen Aufgaben und davon, ein eigenes Unternehmen zu leiten und jeden Morgen mit einem Lächeln im Gesicht um 5 Uhr aufzuwachen, bin ich weit entfernt. Und hatte ich schon erwähnt, dass man mich nicht gerade als sportlich bezeichnen kann?


In der heutigen Zeit kommt mir dieser Abschnitt oft vor, wie ein Vlog auf YouTube oder Fotos auf Instagram, die einem ein perfektes Leben der Person auf dem Bildschirm vermitteln und die einem das Gefühl geben, nicht mithalten zu können. Wer von uns steht schon morgens um 5 Uhr auf, macht ein Workout, das Herkules ins Schwitzen bringen würde, setzt sich mit seiner Quinoa-Bowl und einem grünen Smoothie in eine aufgeräumte Küche, liest nebenbei noch die ersten 5 Bücher Mose und begibt sich dann pünktlich um 7 Uhr an den Schreibtisch, um im eigenen Business den Rubel rollen zu lassen? Und in der Aufzählung habe ich natürlich noch vergessen, dass man nach einem 10 Stunden Tag vor Enthusiasmus sprießend nach Hause kommt, der Familie mit den 4 Kindern ein 5-Sterne-Abendessen kocht und vermutlich abends Online-Kurse in Astrophysik belegt.


Wenn euer Leben so aussieht, dann Hut ab! Meins sieht absolut nicht so aus. Aber ich glaube, Gott findet das überhaupt nicht schlimm.



Eshet Chayil


Die Verse in Sprüche 31 können oft dazu führen, dass man das Gefühl hat, etwas falsch zu machen, wenn man den vermeintlichen Anforderungen dieser Stelle nicht gerecht wird. Das könnte jedoch nicht weiter davon entfernt sein, wie in der jüdischen Tradition mit diesen Versen umgegangen wird.


Zunächst einmal ist es wichtig zu wissen, dass es sich bei dem Text um ein Gedicht handelt. Im hebräischen Urtext folgen die Anfangsbuchstaben der einzelnen Verse der Reihenfolge des Alphabets. Wir haben es also nicht mit einzelnen Paragraphen eines Gesetzestextes zu tun, sondern mit Poesie.


Dieses Stück Poesie dient in der jüdischen Tradition weniger dazu, den Frauen aufzuzeigen, wie sie eigentlich sein müssten, als vielmehr dazu, die Männer zu lehren, ihre Frauen wertzuschätzen. Viele Männer lernen die Zeilen auswendig und singen das Gedicht aus Sprüche 31 am Sabbatabend für ihre Frauen. Mit diesen Versen feiern sie ihre Frauen, egal ob die letzte Woche eine gute oder schwere war, als "Eshet Chayil" – in den meisten Übersetzungen in Vers 10 übersetzt als tüchtige oder tugendhafte Frau. Genauso gut könnte man diese Wort allerdings auch als Frau mit Heldenmut, mit Tapferkeit oder mit Kraft übersetzen. Und diese Worte werden auch von einigen jüdischen Frauen benutzt, um sich und ihre Erfolge gegenseitig zu feiern.


In der Bibel ist die Frau aus Sprüche 31 übrigens nicht die einzige, die als Eshet Chayil bezeichnet wird. Zum Beispiel sagt Boas zu Rut:

„Alles, was du sagst, werde ich für dich tun, erkennt doch alles Volk im Tor, dass du eine tüchtige Frau bist.“ (Rut 3,11)

An dieser Stelle sagt auch die Fußnote meiner Bibel, dass man ebenso übersetzen könnte „dass du eine Frau der Kraft bist“.


Dabei ist Ruts Hintergrund ein ganz anderer als der der Frau aus Sprüche 31. Rut war Ausländerin, sie war Witwe, hatte keine Kinder und als Noomi und sie aus Moab nach Israel kamen, haben sie bestimmt nicht in Reichtum gelebt. Trotzdem wird auch sie als Eshet Chayil bezeichnet, weil sie mutig war und Gott geliebt und vertraut hat. Und sie ist nur eine vieler Frauen, die wir in der Bibel kennenlernen, die nicht unbedingt zu der Beschreibung aus Sprüche 31 passen und uns trotzdem als Vorbild dienen.



Was lehrt uns Sprüche 31?


Ich glaube nicht, dass das Gedicht der Mutter Lemuels eine Aufzählung von Anforderungen ist, die man erfüllen muss, um eine gute Frau zu sein. Wir begegnen in der Bibel ganz verschiedenen Frauen mit verschiedenen Stärken, verschiedenen Lebensumständen und verschiedenen Charaktereigenschaften, die uns alle gleichermaßen als Vorbilder dienen können.


Denn es geht Gott nicht darum, dass wir alle so sein sollen wie die Frau aus Sprüche 31. Er hat jeder von uns unterschiedliche Talente gegeben und uns in ganz unterschiedlichen Situationen platziert, aus denen heraus wir handeln können. Und ich glaube, unsere persönlichen Talente und Stärken, die wir von Gott erhalten haben, sind um einiges aussagekräftiger darüber, was Gott mit uns vor hat und wie er uns einsetzen möchte, als eine Liste von Eigenschaften, die eine andere Frau hatte.


Außerdem dürfen wir nicht vergessen, dass es Gott viel wichtiger ist, dass wir ihn und unsere Mitmenschen lieben, als dass wir vor Sonnenaufgang aufstehen. Ich möchte trotzdem nicht sagen, dass es falsch ist, sich die Frau aus Sprüche 31 zum Vorbild zu nehmen, um an seinem Leben zu arbeiten. Aber wenn wir wirklich nach einer Anleitung zu einem gottgefälligen Leben suchen und nach dem perfekten Vorbild dafür, wie man sich als Frau verhalten soll, dann ist das nicht die Frau aus Sprüche 31, sondern Jesus - auch wenn er überhaupt keine Frau war. Denn ich bin überzeugt, dass es Gott viel wichtiger ist, dass wir an unseren Charakterzügen und unserem Wesen arbeiten, als an einem perfekten Tagesablauf. Vielleicht sollten wir anstatt die Punkte in Sprüche 31 abzuhaken also lieber an einer Liste wie dieser hier arbeiten:

„Die Frucht des Geistes aber ist: Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Enthaltsamkeit.“ (Galater 5, 22-23)

Trotzdem können wir aus Sprüche 31 etwas lernen. Das Gedicht lehrt uns, wertzuschätzen, was die Frauen in unserem Leben leisten, auch wenn es vielleicht andere Dinge sind als die, die dort beschrieben werden. Wir müssen nicht alle schaffen, was die Frau in Sprüche 31 geleistet hat, aber das heißt nicht, dass unsere Erfolge weniger wert sind, nur weil sie mit dem Gedicht von König Lemuels Mutter nicht übereinstimmen.


Also lasst uns auch die kleinen Erfolge im Alltag feiern und die großen sowieso! Immer in dem Wissen, dass es Gott nicht auf unsere Leistung ankommt, sondern auf unser Herz und dass er jeder von uns andere Talente und andere Stärken gegeben hat, die wir für ihn einsetzen können. Sollte das Nähen von kostbaren Hemden und das Anlegen von Weinbergen nicht dazugehören, ist das also vollkommen in Ordnung!


Bist du heute schon beim ersten Weckerklingeln aufgestanden? Eshet Chayil! Hast du dich nach einem langen Arbeitstag noch dazu aufgerafft, nach dem Kochen auch direkt den Abwasch zu machen? Eshet Chayil! Hast du kürzlich das sportliche Ziel erreicht auf das du so lange hingearbeitet hast? Eshet Chayil!


Und hast du dir gerade die Zeit dafür genommen, diesen Beitrag zu lesen? Eshet Chayil!


Bis zum nächsten Mal!

Eure Lea

0 Kommentare