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Der Ton macht die Musik

  • Autorenbild: Daniel
    Daniel
  • vor 2 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit

„In theologischen Fragen hat für mich nur noch Autorität, wer mindestens einen Doktortitel hat.“ Diese Aussage hat mich in den letzten Wochen immer wieder beschäftigt, deshalb möchte ich heute ein paar Gedanken dazu mit euch teilen. Ich kann nicht dafür garantieren, dass ich die Bekannte, die diesen Satz in einer kleinen Runde sagte, 100% korrekt zitiere. (Falls du das liest: Ich hoffe, du siehst es mir nach!) Es ist aber der zugrundeliegende Gedanke, der mir im Kopf geblieben ist und mich nachdenklich gemacht hat.

 

Als jemand, der in einer kleinen christlichen Denomination aufgewachsen ist, die keine bezahlten Pastoren o.ä. kennt und sehr viel Wert auf das persönliche Bibelstudium jedes Einzelnen legt, haben sich natürlich sofort meine Augenbrauen gehoben, als ich diesen Satz hörte. Aber nur kurz. Denn so, wie Peter in seinem letzten Beitrag berichtet hat, hat sich auch bei mir in den letzten Jahren einiges bewegt – ich möchte behaupten zum Positiven, nämlich hin zu noch mehr Empathie, Respekt und Liebe.

 

Meine zweite Reaktion (nach den Augenbrauen) war deshalb nicht „Das sehe ich kritisch.“ oder „Das ist aber nicht sehr biblisch.“, sondern die Frage „Wie kommt mein Gegenüber zu dieser Aussage?“. Und dafür gab es tatsächlich gute Gründe – wie so oft, wenn man erst zuhört und nachfragt und statt gleich zum Konter anzusetzen (Jakobus 1,19 😉).

 

Ich erfuhr von sehr viel Verletzung; von christlichen Einrichtungen, in deren Leitung ausschließlich selbsternannte Gelehrte ohne fundierte Ausbildung den Ton angaben; von Druck durch angebliche biblische Wahrheiten, die das private Leben, die Partnerschaft und die Familie belasteten und letztlich zerstörten; von vermeintlichen Prophetien und Aussprüchen Gottes über das eigene Leben, die mit viel Nachdruck von fragwürdigen Predigern und Propheten weitergegeben wurden; von einem sprichwörtlichen, aber trotzdem irgendwie sehr real empfundenen Schiffbruch, der es erst schmerzlich ermöglicht hat, aus diesem System wieder auszubrechen.

 

Das sind Erfahrungsberichte, die nachdenklich machen: Was davon finde ich in meinem Leben wieder? Wie gehe ich persönlich mit der Bibel um? Was meine ich erkannt zu haben? Wie spreche ich mit anderen über meinen Glauben und meine „Erkenntnisse“? Welche Experten haben für mich Autorität? Hat überhaupt irgendjemand (heute noch) Autorität, wenn es darum geht zu erklären, wer Gott ist und was er möchte? Gehe ich immer korrekt mit der Autorität um, die mir in diversen Kontexten zugesprochen wird? Ich könnte hier noch viele weitere Fragen auflisten und ihr könnt gerne eure eigenen ergänzen. Auf jeden Fall macht allein die Vielzahl der Fragen für mich deutlich, dass es sich lohnt, mehr darüber nachzudenken.

 

Was sind also meine "5 Cent" dazu? Ja, ich bin immer noch überzeugt, dass das private Bibellesen und auch das Austauschen mit anderen über das Gelesene sehr zentrale Aspekte des christlichen Glaubens und für viele wertvoll sein können. Ich denke sogar, dass die Bibel uns in gewisser Weise dazu ermutigt:

„Die Juden in Beröa aber waren aufgeschlossener als die in Thessalonich. Sie nahmen die Botschaft bereitwillig auf und studierten täglich die ‹heiligen› Schriften, um zu sehen, ob das, was Paulus lehrte, wirklich zutraf.“ (Apostelgeschichte 17,11)
„Die ganze Schrift ist von Gottes Geist gegeben und von ihm erfüllt. Ihr Nutzen ist entsprechend: Sie lehrt uns die Wahrheit zu erkennen, überführt uns von Sünde, bringt uns auf den richtigen Weg und erzieht uns zu einem Leben, wie es Gott gefällt. Mit der Schrift ist der Mensch, der Gott gehört und ihm dient, allen seinen Aufgaben gewachsen und ausgerüstet zu jedem guten Werk.“ (2. Timotheus 3,16+17)
„Dein Wort ist eine Leuchte vor meinem Fuß / und ein Licht auf meinem Weg.“ (Psalm 119,105)

Die Frage ist aber: Wie gehe ich mit dem um, was lese und vermeintlich über Gott erkenne? Und hier sehe ich teils große Unterschiede! Es ist eine Sache, sich wie die Beröer zusammenzusetzen, in der Bibel zu lesen und sich kritisch darüber auszutauschen. Natürlich darf jeder auch gern seine Gedanken und sein Verständnis teilen und zur Diskussion stellen. Es ist aber eine vollkommen andere Sache, für sich allein in der Bibel zu lesen und sich dann vor eine Gruppe von Menschen zu stellen und voller Selbstbewusstsein die Wahrheit über Gott verkünden zu wollen.


 

Genau das passiert aber leider immer wieder. Und hier kann ich meine Bekannte sehr gut verstehen, die sagt: Es schafft eine ganz andere Basis, ob man im stillen Kämmerlein bzw. in seiner überschaubaren eigenen Bubble die Bibel studiert, oder ob man sich im wissenschaftlich theologischen Kontext bewegt. Das soll nicht heißen, dass nur studierte Theologen Wahrheiten in der Bibel finden könnten oder gar, dass sie generell mit allen Aussagen Recht hätten (es kann immer noch gelten: 5 Theologen – 5 Meinungen). Der wissenschaftliche Kontext schafft hier aber einen Rahmen, der zu gründlicher Arbeit und guten Argumentationen und ggf. Belegen anregt. Und noch dazu: Wenn ein*e Wissenschaftler*in auf einer Plattform redet oder Erkenntnisse oder Thesen publiziert, dann muss er oder sie sich darauf gefasst machen, von einer weltweiten Community aus weiteren Experten hinterfragt, kritisiert oder berichtigt zu werden. Das gilt für Naturwissenschaftler*innen ebenso wie für Theolog*innen. Und das ist ein Rahmen, der Vertrauen schaffen soll.

 

Natürlich ist all das nicht nur positiv. Es gibt genug Beispiele von Christ*innen, die durch das Theologiestudium, z.B. durch die historisch-kritische Befassung mit der Bibel, ihren Glauben verloren haben. Auch birgt die wissenschaftliche Anerkennung bei Theolog*innen, genau wie in jeder anderen Fachrichtung, die Verlockung, sich selbst ein bisschen zu wichtig zu nehmen und vielleicht eher von oben auf die herabzuschauen, die „nur“ für sich die Bibel lesen und ihren kleinen, wertvollen Glauben haben. Es ist eben auch nur ein menschengemachtes System. Ich denke aber, dass wir in der Community, in der ich aufgewachsen bin, oft zu vorschnell alle wissenschaftliche Theologie verurteilt und den Mehrwert, den sie mit ihrer unglaublichen Bandbreite an Themen und Thesen liefern kann, nicht genug gewürdigt haben. Nehmen wir wirklich ernst, wozu Paulus, Silvanus und Timotheus in ihrem Brief die Gemeinde in Thessaloniki auffordern?

„[…] prüft aber alles und behaltet das Gute!“ (1. Thessalonischer 5,21)

Ich habe auf meiner Reise der letzten Jahren sehr zu schätzen gelernt, welchen neuen Input die akademische Theologie für meinen Glauben und mein Leben geben kann. Ich stimme trotzdem nicht immer allem zu, was ich lese oder höre – vielleicht auch manchmal zu meinem Nachteil. Aber ich genieße es, meinen Horizont an Gedanken über Gott und seine Welt erweitern zu lassen und auch immer mal wieder alte Überzeugungen neuen, kritischen Anfragen auszusetzen.

 

Dabei möchte ich persönlich auf jeden Fall wertschätzen, wie viel mehr Lebenszeit der ein oder andere Theologe schon investiert hat, um Dingen hermeneutisch, historisch oder archäologisch auf den Grund zu gehen, von denen ich ehrlicherweise wenig bis keine Ahnung habe. Und hier schafft ein gewisser akademischer Grad (sei es eine Promotion oder eine Professur) tatsächlich ein Stück weit Vertrauen für mich, einfach dadurch, dass sich Personen auf diesem Niveau notgedrungen schon eine ganze Weile mit Themen beschäftigt haben müssen, sich mit anderen Denkern ausgetauscht haben werden und mit ihrer eigenen Forschung dem Review und der Kritik anderer Experten ausgesetzt waren. Das schützt freilich nicht vor Sturheit und Selbstüberschätzung, aber Ausnahmen bestätigen ja bekanntlich die Regel 😉

 

Am Ende ist es gerade die eigene Selbsteinschätzung, die ich persönlich gerne als Richtschnur dafür nehmen, wem ich Autorität zugestehe. Paulus hat dazu einige schöne Worte:

„Seid euch der eigenen Niedrigkeit bewusst und begegnet den anderen freundlich, habt Geduld miteinander und ertragt euch gegenseitig in Liebe.“ (Epheser 4,2)
„Aufgrund der Gnade, die Gott mir gegeben hat, warne ich jeden Einzelnen von euch: Denk nicht höher von dir, als dir zukommt, sondern schätze dich selbst richtig ein! Maßstab dafür ist der Glaube, den Gott jedem von uns zugemessen hat.“ (Römer 12,3)

Mit dieser Haltung möchte ich mit anderen über meinen Glauben reden. Und mit dieser Haltung darf mir gerne jede*r von Gott erzählen und ich werde neugierig zuhören. Dafür muss niemand einen Doktortitel haben – aber schaden tut es auch nicht! 😉

 

Gottes Segen und bis zum nächsten Mal

Euer Daniel

 

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Alle Zitate sind der Neuen evangelistischen Übersetzung (NeÜ) entnommen.


Das Titelbild wurde mit Hilfe von KI erzeugt.

 

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