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Der barmherzige Esoteriker

  • Autorenbild: Daniel
    Daniel
  • vor 1 Tag
  • 6 Min. Lesezeit

Hier ist eine kleine Aufgabe: Nehmt euch mal 10 Sekunden Zeit und versucht an etwas zu denken, was ihr an anderen Menschen innerlich so richtig verurteilt. Ja, ich weiß, das sollten wir als Christen eigentlich nicht tun. Aber Hut ab, wenn es von euch schon jemand geschafft hat, das komplett abzulegen! Ich für meinen Teil arbeite zwar daran, aber wenn ich ehrlich bin, dann gibt es leider doch immer wieder Dinge (Taten, Meinungen, Lebenswandel, …), die mir so sehr widerstreben, dass ich sie (und damit leider auch oft die Menschen, die dazugehören) zumindest leise und innerlich spontan verurteile.

 

Für Christen hängt an dieser Verurteilung auch schnell die Frage: Kann so jemand ins Königreich Gottes kommen? Und selbst, wenn wir überzeugt sind, dass allein Gott die Entscheidung darüber zusteht, wem er ewiges Leben schenken wird, kommt da nicht ab und zu ein Gedanke hoch wie „Aber der doch nicht, oder?“? Vielleicht sind euch bei der kleinen Aufgabe auch direkt Dinge in den Kopf gekommen, die man auf Grundlage der Bibel sehr wohl und ohne schlechtes Gewissen verurteilen kann. Wie steht es zum Beispiel mit Taten und Leuten, die Paulus in 1. Korinther 6 aufzählt?

„Oder wisst ihr nicht, dass Ungerechte das Reich Gottes nicht erben werden? Irrt euch nicht! Weder Unzüchtige noch Götzendiener noch Ehebrecher noch Weichlinge noch mit Männern Schlafende noch Diebe noch Habsüchtige noch Trunkenbolde noch Lästerer noch Räuber werden das Reich Gottes erben.“ (1. Korinther 6,9+10)

Also ist es ja wohl durchaus gerechtfertigt, den ein oder anderen Lebenswandel guten Gewissens zu verurteilen, oder? Da steht es ja schwarz auf weiß, oder nicht? Ich möchte behaupten: So einfach ist das nicht. Solche Aufzählungen können wir (wenn überhaupt – denn das große Fass der Auslegung möchte ich an dieser Stelle gerade gar nicht aufmachen) als Messlatte für uns selbst anlegen, um uns immer wieder zu hinterfragen und bei Bedarf neu auszurichten. Diese Messlatte sollten wir aber nicht bei anderen anlegen. Davon bin ich überzeugt. Und ich meine, Jesus auf meiner Seite zu haben.

 

Ich habe neulich eine Bemerkung zu einem der bekanntesten Gleichnisse überhaupt gehört, die mir nachhaltig im Kopf geblieben ist. Es geht um das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lukas 10, 25-37). Vielleicht lest ihr diese Stelle kurz, wenn sie euch nicht gut genug in Erinnerung ist. Hier kommt ein Gesetzesgelehrter (also einer von der damaligen geistigen Elite, der vermutlich recht viel auf sich hielt) zu Jesus und versucht ihn herauszufordern mit der Frage, was man tun muss, um ewiges Leben zu bekommen. Er stellt diese Frage zwar in Bezug auf sich selbst, aber aus Jesu Antwort, die er mit den Gleichnis unterstreicht, scheint für mich durch, dass der Gesetzesgelehrte eigentlich gerne eine Messlatte nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere gehabt hätte.

 

Das zeigt sich in den Charakteren, die Jesus in seinem Gleichnis verwendet, allen voran in dem namensgebenden Charakter – einem Samariter! Habt ihr euch mal damit beschäftigt, warum eigentlich ausgerechnet ein Samariter die Hauptrolle in diesem Gleichnis spielt? Was war so schlimm an diesen Samaritern, dass ihr Erscheinen im Gleichnis eine solche Provokation sein konnte? Ich habe das in der Recherche für diesen Beitrag mal nachgelesen – und habe herausgefunden, dass ich bisher meist unterschätzt hatte, wie schlimm diese Gruppe von Menschen für den Gesetzegelehrten gewesen sein muss!

 

Ich ermutige euch, selbst mal etwas nachzulesen, was die Samariter ausgezeichnet hat. Hier nur ein paar Aspekte, die ich bemerkenswert fand:

  1. Die Samariter waren Nachkommen des Nordreichs Israels, die sich nach der babylonischen Gefangenschaft jedoch mit anderen Völkern vermischten. Das war für die Juden im Süden ein Graus! Gott selbst hatte diese Vermischung im AT verboten. Die Samariter hatten sich damit auf dem Papier schwer verunreinigt.

  2. Die Samariter hatten einen eigenen Tempel und erkannten nur die ersten 5 Bücher Mose als heilige Schrift an. Sie lehnten den Rest der jüdischen Religion und auch den Tempel in Jerusalem ab. Pure Blasphemie!

  3. Eine besondere Eskalation im Konflikt der Juden und Samariter brachte eine Art religiöses Attentat, bei dem Samariter kurz vor dem Passahfest im Jahr 10 n. Chr. den Jerusalemer Tempel entweihten, indem sie menschliche Knochen davor verstreuten und ihn so rituell verunreinigten – eine Katastrophe und grenzenlose Unverschämtheit!

 

Es gab also aus Sicht der Juden mehr als genug Gründe, diese widerlichen und gotteslästernden Samariter zu verabscheuen. Aus Sicht der Juden handelten sie so offensichtlich gegen Vieles, was Gott heilig war, dass Gott sie dafür zutiefst verurteilen musste – und dann konnten sie das doch ebenfalls tun, oder?

 

Jetzt stellt euch vor diesem Hintergrund noch einmal vor, was für eine unglaubliche Unerhörtheit und was für ein Schock es für den Gesetzesgelehrten gewesen sein muss, dass Jesus ausgerechnet so einen Samariter in seinem Gleichnis als den Helden, den Guten, den Rechtschaffenden darstellt. Und dann denkt noch mal kurz an unser kleines Experiment vom Anfang zurück … habt ihr an ähnlich „gottlose“ Menschen gedacht? Vielleicht an die Nachbarin aus Stockwerk 2, von der ihr gehört habt, dass sie an Wochenenden als Tänzerin in einem Stripclub arbeitet? Oder an den unbekannten Milliardär aus der Zeitung, der sich mit fragwürdigen Mitteln ein riesiges Familienimperium aufgebaut hat und jetzt in Saus und Braus lebt? Oder vielleicht war es auch ein nicht so unbekannter Superreicher, der vielleicht zufällig auch noch Präsident einer großen Industrienation ist und bei dem es euch schwer fällt, ihn nicht zu verachten?

 

Vielleicht habt ihr auch an ganz andere Menschen gedacht, die euch in irgendeiner Weise triggern und bei denen ihr euch enorm zusammenreißen müsst, sie nicht still und heimlich scharf zu verurteilen. Irgendwer, der (fast wie ein Samariter) so offensichtlich in Sünde und ohne Gott lebt, dass man doch eigentlich kein schlechtes Gewissen haben muss, ihn oder sie zu verurteilen. Aber was wäre, wenn Jesus genau diese Person zum Helden seines Gleichnisses gemacht hätte, um euch ordentlich mit der Nase drauf zu stoßen, dass ihr nur vor den Kopf der Menschen gucken könnt und dass sie vielleicht manchmal viel näher an Gottes Ideale kommen als ihr selbst?

 

Ich habe jetzt gerade absichtlich erst mal „ihr“ geschrieben, denn jetzt kommt noch mein ganz persönliches Zugeständnis … Und damit kommen wir zu der besagten Anmerkung zum Gleichnis, die ich neulich gehört habe und die bei mir wirklich gesessen hat. Auch ich habe nämlich ganz persönliche Triggerthemen, die mich (auch wenn ich mich selbst darüber ärgere) immer wieder dazu verleiten, Menschen vorschnell zu verurteilen. Für mich ist eines dieser Themen Esoterik. Ich fürchte, wenn ich Menschen sehe, die für andere Karten legen oder aus ihrem Wunder-Kristall die Zukunft vorhersagen, oder wenn mir Bekannte von ihren positiv geladenen Heilsteinen vorschwärmen, die ihr Trinkwasser viel gesünder machen, dann habe ich manchmal insgeheim ähnlich Vorurteile, wie sie wohl der Gesetzesgelehrte über die Samariter hatte: Diese Menschen sind ja wohl deutlich vom richtigen Weg abgekommen.


 

Und hier kommt der Theologe Martin Thoms ins Spiel, der in einer Hossa Talk Folge, die ich neulich gehört habe, sagte, dass er in Predigten gerne das „Gleichnis vom barmherzigen Esoteriker“ erzähle. Offenbar bin ich leider nicht allein mit meinem Vorurteil, dass Esoterik und Nachfolge Jesu ja wohl so gar nicht zusammenpassen. Und weil die wenigsten Menschen heute innerlich angewidert sind, wenn sie eine Geschichte von guten Samaritern hören, tauscht Martin Thoms die Figur zur besseren Veranschaulichung eben gerne mal gegen eine aus, die heute bei den Zuhörenden ähnliche Gefühle hervorruft. Da hat er mich kalt erwischt.

 

Also was nehme ich für mich daraus mit? Zum einen, dass es immer wieder wirklich wertvoll ist, sich den historischen Kontext von Bibeltexten genauer anzuschauen. Das Beispiel „Gleichnis vom barmherzigen Samariter“ zeigt hier für mich eindrücklich, dass dem heutigen Leser ansonsten durchaus die ein oder andere relevante Ebene verborgen bleibt – und sei es nur, dass man nicht versteht, wie provokant das Gleichnis eigentlich damals gewesen sein muss.

 

Zum anderen nehme ich natürlich die Rüge mit, die Jesus hier dem Gesetzesgelehrten verteilt und muss sie leider auch auf mich selbst beziehen. Sollte ich in nächster Zeit zu meinem eigenen Ärger mal wieder über irgendwen denken „Na, der ist ja wohl so gar nicht in Gottes Sinne unterwegs!“, dann sollte ich innehalten und mir sagen: Vielleicht der gerade mehr als du! Ich werde zwar immer besser darin, Menschen zu akzeptieren, wie sie sind, aber trotzdem ist es noch ein weiter Weg, bis ich wirklich aufhöre andere in Gedanken zu verurteilen, über die ich ja doch immer nur einen Bruchteil von allem weiß, was Gott über sie weiß. Vielleicht werde ich auch erst durch Gottes Mitwirken im Königreich vollständig bei dieser Haltung angekommen sein. Und hoffentlich darf ich dann dort eine Menge barmherziger Esoteriker treffen, zu denen ich ehrlich sagen kann: Toll, dass ihr auch hier seid!

 

Gottes Segen und bis zum nächsten Mal,

Euer Daniel




2 Kommentare


Gast
vor einem Tag

Hast ja recht, trotzdem kann ich mir einfach keinen barmherzigen nazi vorstellen

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Daniel
Daniel
vor 8 Stunden
Antwort an

Das versteh ich vollkommen und vielleicht gibt es den ja auch tatsächlich nicht :) Im Gleichnis zeichnet sich der Samariter ja auch dadurch aus, dass er Gutes tut - man hätte es ihm bloß nicht zugetraut. Wäre er ebenso vorbei gegangen oder hätte noch nachgetreten, dann wäre er hier nicht der Held. Wenn also jemand wirklich Nazi ist und das auch lebt, dann ist er oder sie hier denke ich nicht gemeint. Die Ermahnung ist hier denke ich mehr, dass man niemanden von vorne herein abstempeln sollte oder sich sogar noch überheblich gegenüber Menschen zeigen, die vermeintlich auf Abwegen sind. Dabei geht es aber vermutlich mehr um Eigenheiten, die UNS stören und dir wir für KO-Kriterien halten, die GOTT aber…

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