Das ist privat!
- Daniel

- 24. Aug.
- 8 Min. Lesezeit
Wie so oft möchte ich heute mit einer Frage starten (ausnahmsweise mal bewusst an jede/n Einzelne/n gerichtet): Wie viele Geschwister in deiner Gemeinde führen deiner Meinung nach ein besseres, gottgefälligeres, Jesus ähnlicheres Leben als du?
Hat euch so eine ähnliche Frage auch schon mal beschäftigt? Falls nein: Herzlichen Glückwunsch zum Erreichen von Selbstannahme-Stufe 10! Leider bin ich da noch nicht angekommen … und wenn ich mich so umhöre, bin ich damit glaube ich nicht ganz allein.
Ich vermute, dass es eher wenige unter uns gibt, die nicht zum Beispiel schon einmal dachten:
Der hat sein (Glaubens-)Leben besser im Griff als ich …
Die liest viel mehr in der Bibel als ich …
Ich sollte auch so ein aktives Gebetsleben haben …
Woher nimmt er die Energie diese ganzen Jobs in der Gemeinde zu erledigen?
Warum kommen deren Kinder regelmäßig mit in die Gemeinde und meine nicht?
Sie war schon in drei Ländern und hat dort Schulen für Bedürftige gebaut … und ich?
Ich würde auch gern so offen auf der Arbeit über meinen Glauben sprechen wie er …
Die Liste könnte noch ewig weitergehen. Ich zumindest erwische mich immer mal wieder dabei, solche Gedanken zu denken. Manche strahlenden Persönlichkeiten in meinem Umfeld lassen mich immer wieder staunen – und dann ernüchternd feststellen: Bei mir läuft es leider nicht annähernd so toll. Manch einer hat einfach so eine starke Beziehung zu Gott … der lästert bestimmt nicht heimlich über seine Kollegen oder verurteilt heimlich die Lebensentscheidungen seiner Freunde oder guckt fremden Frauen in der Stadt hinterher …
Aber dann lesen wir, wie Gott die Menschheit einschätzt:
„[…] denn das Sinnen des menschlichen Herzens ist böse von seiner Jugend an; […]“ (1. Mose 8,21)
Und selbst Paulus schreibt über sich selbst:
„Denn ich weiß, dass in mir, das ist in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt; denn das Wollen ist bei mir vorhanden, aber das Vollbringen des Guten nicht. Denn das Gute, das ich will, übe ich nicht aus, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“ (Römer 7,18-19)
Und eine Aussage Jesu zum vermeintlich guten Lebenswandel ist sogar in den alltäglichen Sprachgebrauch übergegangen:
„Der Geist zwar ist willig, das Fleisch aber schwach.“ (Markus 14,38)
Leben also tatsächlich viele meiner Geschwister ein viel besseres (Glaubens-)Leben als ich? Wahrscheinlich nicht. Bin ich, der gefühlt nichts auf die Kette kriegt und nicht annähernd so perfekt lebt, wie er es sich eigentlich wünschen würde, Teil einer sehr kleinen Minderheit? Wahrscheinlich nicht. Wäre es denn überhaupt schlimm, kein perfektes Leben zu führen? Nein! Genau um dieses Problem geht es ja im christlichen Glauben (deshalb dreht sich ja alles um Schlagworte wie: Gnade, Vergebung, Trost, …). Aber warum machen wir es uns dann trotzdem oft so schwer? Woher kommen diese vergleichenden Gedanken und woher die Vermutung, dass es bei anderen viel besser läuft?
Und warum müssen wir überhaupt oft so viel vermuten und wissen so wenig darüber, wie es bei den anderen läuft? Warum fällt es uns so schwer, gerade mit unseren Glaubensgeschwistern einfach offen darüber zu reden, was alles nicht rund läuft in unserem (Glaubens-)Leben? Ist da am Ende trotzdem noch eine gewisse innere Hürde, eine Angst, zu erfahren, dass es bei allen anderen tatsächlich besser läuft? Oder eine Angst, dass meine Geschwister abschätzig auf mich herabblicken würden, wenn bekannt würde, was ich schon so angestellt habe im Leben oder womit ich mich immer und immer wieder schwertue?
Wäre es nicht richtig heilsam, wenn wir alle mal komplett offen und ehrlich sein könnten? Aber ohne Angst haben zu müssen, uns komplett bloßzustellen und verletzt zu werden? Wie wäre es, wenn man erfahren könnte, wie viele andere eigentlich dieselben Probleme, geheimen Ansichten oder Wunden aus der Vergangenheit haben? Aber am besten ganz anonym, damit auch wirklich jeder sich trauen kann, die Maske fallen zu lassen?
Was würdet ihr sagen, wenn ich behaupte: Ich habe eine Möglichkeit dafür gefunden! Und sie hat absolut keinen christlichen Ursprung! 😉

Es war ausgerechnet auf einer eher konservativen Gemeindefreizeit vor ca. 10 Jahren, dass ich das erste Mal über eine wirklich pfiffige Lösung für dieses ewige Problem der ganzen schambehafteten Fassaden gestolpert bin. Es war bereits Abend und wir saßen als eine kleine Gruppe junger Erwachsener zusammen, die gerne mal abschalten und was Entspanntes machen wollten. Jemand hatte gesehen, dass es an der Rezeption der Jugendherberge Brettspiele auszuleihen gab. Aber welche Spiele kann man schon mit 8 Personen spielen? Und wer hat Lust nach einem vollen Tag noch eine lange Spielanleitung zu lesen? Nicht sehr zuversichtlich ging ich zur Eingangshalle und stellte mich vor die beachtliche Sammlung Kartons aller Größen und Farben. Ich scannte jede Box nach den kleinen Icons ab, die angeben, für welche Gruppengröße und Altersklasse das Spiel gedacht ist. Plötzlich blieb mein Blick an einem Karton hängen: Bis zu 10 Spieler. Ab 16 Jahren.
Ui … was konnte das sein? Ein Partyspiel, wie sich herausstellte, mit dem provokativen Namen „Privacy“. Davon hatte ich noch nie gehört. Ich sah mir den Karton genauer an. Darauf stand der Untertitel: „Was Sie schon immer über Ihre Freunde wissen wollten … sich aber bisher nicht zu fragen wagten!“. Die meisten hätten es vermutlich direkt wieder zurückgestellt. Zum Glück bin ich aber nicht „die meisten“! 😉
Also nahm ich das Spiel unter den Arm, ging zurück in unseren Gruppenraum (in dem praktischerweise zu diesem Zeitpunkt nur die kleine Gruppe verweilte, die auch gern spielen wollte) und fing an die überschaubare Anleitung zu lesen. Hier sind die Regeln kurz zusammengefasst:
Jede/r Spieler/in bekommt einen kleinen Haufen von Holzwürfeln und dazu einen kleinen Schirm aus Pappe, um den Blick auf den Haufen nach Möglichkeit zu verdecken. Im Haufen befinden sich zwei Sorten von Steinen: Orange Steine, die für „Ja“ stehen, und schwarze Steine, die für „Nein“ stehen. Außerdem erhalten alle jeweils eine Drehscheibe, auf der man einen Wert von 0 bis 10 einstellen kann. Nun wird von einem Nachziehstapel in der Mitte eine Karte aufgedeckt und von dieser Karte eine Frage oder eine Aussage vorgelesen. Um ein harmloses Beispiel zu nennen, kann das unter anderem so etwas sein: „Ich denke, der Spieler links neben mir sollte sich eine neue Frisur zulegen.“ Nun geht ein schwarzes Säckchen rum und jede/r Spieler/in wirft einen Stein aus seinem/ihrem Vorrat hinein, je nachdem, ob sie die Frage ehrlich mit „Ja“ oder „Nein“ beantworten würden. Das geschieht natürlich absolut geheim. Wenn alle ihren Stein und damit ihre Antwort abgegeben haben, folgt der letzte Schritt: Jede/r stellt auf seiner Drehscheibe ein, wie viele „Ja“-Antworten er oder sie im Sack vermutet. Dabei darf man nie 0 oder die Anzahl der Spieler am Tisch tippen, weil die Tipps nachher aufgedeckt werden und man damit über sich selbst preisgeben würde, dass man entweder „Nein“ oder „Ja“ geantwortet hat – es soll ja so anonym wie nur irgend möglich bleiben. Dann folgt der große Moment: Der Sack wird ausgekippt und es gibt Punkte! Wer genau die richtige Anzahl an „Ja“-Antworten getippt hat bekommt 3 Punkte, wer um eins drunter oder drüber lag bekommt einen Punkt, der Rest geht leer aus. Im Sinne des Spiels geht es dann darum, wer auf dem kleinen Spielplan zuerst ins Ziel kommt. Aber ganz ehrlich: Das ist wirklich der uninteressanteste Aspekt des Spiels!
Nach diesem Abend habe ich das Spiel gekauft und seither in vielen verschiedenen Runden gespielt – sowohl mit Freunden als auch mit Arbeitskollegen, in meinem Chor und auch mit einigen meiner Geschwister. Und ich muss sagen: Ich bin ein absoluter Fan! Wie ihr euch sicher denken könnt, bleiben die Fragen und Aussagen nicht auf dem Niveau von neuen Frisuren. Selbst ohne Erweiterungs-Packs gibt es bereits mehrere hundert Fragen zu allen möglichen Bereichen. Diese reichen von Themen, die man vielleicht so gerade unter guten Freunden auch mal offen angesprochen hätte, bis zu Themen, die man niemals ansprechen würde – aber eigentlich so gerne die Antworten hören würde! Hier nur ein paar weitere Beispiele:
Ich bin schon einmal über einen Zaun geklettert, um Eintritt zu sparen.
Ich war schon einmal in psychotherapeutischer Behandlung.
Ich könnte mir Sex zu dritt vorstellen.
Ich habe schon einmal illegale Drogen genommen.
Ich halte Abtreibung für Mord.
Ich denke ihr bekommt eine Vorstellung, über was für Themen wir hier sprechen. Das sind dann schon Aussagen, bei denen jeder noch mal extra genau seinen Würfelhaufen abschirmt, damit auch ganz bestimmt niemand sehen kann, zu welcher Farbe man greift! Es sind Themen, bei denen auch ich mich in kaum einer Gruppe wohl genug fühlen würde, sie offen zu besprechen. Leider auch (oder erst recht?) nicht in der Gemeinde. Eigentlich sehr schade …
Aber: In fast jeder Runde „Privacy“, die ich bisher gespielt habe, gab es auch mindestens eine Situation, in der plötzlich ein stilles Grinsen und ein fast ohrenbetäubendes Aufatmen durch die Runde ging, als der Sack ausgekippt wurde – nämlich genau dann, wenn eingetreten ist, was laut Regeln niemand tippen durfte: Nur Jas oder nur Neins. Dieser Moment bringt ein Gefühl von Erleichterung, aber auch von Verbundenheit, dass sich kaum beschreiben lässt, wenn man selbst noch nie dabei war. Ich werde nie vergessen, wie wir an jenem ersten Abend vor 10 Jahren die Partie beendet haben, kurz Stille herrschte und dann ohne weitere Worte für alle am Tisch klar war: Wir müssen uns jetzt alle mal in den Arm nehmen! So nah und gleichzeitig geborgen, verstanden und angenommen habe ich mich bei meinen Glaubensgeschwistern selten gefühlt. Wir hatten Dinge übereinander erfahren, über die wir nie gesprochen hätten. Einiges in gegenseitig respektierter Anonymität, anderes (wie in den 100% „Ja“ oder 100% „Nein“ Runden) in unerwarteter Offenheit. Aber wie gesagt: Es gibt kaum ein schöneres Gefühl als diesen Moment des: „Was? Ihr auch alle?!“.
Ich vermute, dass das Konzept dieses Spiels einige jetzt sehr neugierig gemacht hat, andere aber vielleicht auch komplett entsetzt und abschreckt. Beides hat seine Berechtigung und beides kann ich absolut verstehen. Ich möchte hier trotzdem eine Lanze brechen für die Idee, viel mehr über unsere privatesten Dinge zu sprechen, gerade in der Gemeinde. Denn viel zu oft haben wir tatsächlich völlig falsche Vorstellungen davon, wie heilig unsere Geschwister so sind – und das zu erfahren, kann sowohl trösten als auch zur Selbstreflexion anregen. Diese Art, anonym zum Teil sehr intime Dinge übereinander zu teilen, kann die Augen dafür öffnen, dass vielleicht viele meiner Geschwister Positionen vertreten, von denen ich dachte, dass sie in unserer Gemeinde nicht vorkämen. Das Spiel kann aber vor allem auch zeigen, dass ich überhaupt nicht so allein mit meinen Fehlern, Gedanken und Erfahrungen bin, wie ich immer dachte. Und darin liegt etwas sehr Heilsames und Tröstendes.
Ich persönlich habe eine vergleichsweise niedrige Hemmschwelle über private Dinge zu sprechen. Ich sage mir immer: „Gott weiß bereits alles über mich, und ‚schlimmer‘ als das kann es ja eigentlich nicht werden.“ Ich weiß aber auch, dass ich in dieser Hinsicht etwas besonders bin. Es fällt nicht jedem so leicht, sich zu öffnen, und das führt zum Teil dazu, dass wir über Jahre einen unglaublichen Berg von Scham und Last mit uns herumtragen, der uns nach und nach im schlimmsten Fall erdrücken kann. Das muss aber nicht so sein!
Umso mehr habe ich mich gefreut, als ich auf der letzten Gemeindefreizeit vor einigen Wochen erneut eine kleine Runde an Geschwistern für das Experiment „Privacy“ begeistern konnte. Und siehe da: Wir haben sogar nicht nur einen, sondern gleich zwei Abende lang gespielt, weil auch die anderen begeistert waren von dem Konzept: Endliche mal einen Abend die Fassaden ein kleines bisschen abbauen.
Das hat mich auf eine Idee gebracht: Wäre es nicht genial ein „Privacy: Gemeindeedition“ zu haben? Tatsächlich haben wir die Regeln bisher oft ein bisschen dehnen müssen und haben uns Fragen und Aussagen ausgesucht, statt einfach die zu nehmen, die kommen. Viele drehen sich zum Beispiel um das Thema Sex und das ist für einige entweder (noch) gar nicht relevant oder dann doch ein bisschen zu intim. Das Spiel zeigt aber gleichzeitig, dass es auch abseits von Intimität so viele spannende Themengebiete und Fragen gibt, über die wir viel zu wenig reden! Und da das Spiel im Original wie gesagt absolut keinen christlichen Hintergrund hat, kommen einige Fragen gar nicht vor, die besonders im Gemeindekontext super spannend wären!
Deshalb habe ich jetzt angefangen, zu sammeln – und ich würde mich freuen, wenn ihr mir dabei helfen könntet! Was sind Fragen (oder Aussagen), auf die ihr super gern mal die Antworten eurer Geschwister hören würdet, nach denen ihr aber nie offen fragen würdet? Ich denke dabei unter anderem an Fragen zu theologischen Positionen. Wer weiß schon, wie divers wir eigentlich insgeheim denken? Oder auch Fragen zum alltäglichen Leben … vielleicht ist eures ja gar nicht so anders als meins?
Wenn ihr Lust habt, lasst doch mal ein paar Ideen in den Kommentaren da! Gerne auch anonym. Und natürlich möchte ich hier noch eine Einladung aussprechen: Wenn wir das nächste mal gemütlich zusammensitzen, dann sprecht mich gerne auf eine Runde „Privacy“ an – ich habe das Spiel vermutlich dabei! 😉
Gottes Segen und bis zum nächsten Mal,
Euer Daniel
Foto von Sander Sammy auf Unsplash

Hallo Daniel, gefällt mir gut, Deine Idee. Ich denke, spätestens in Mönchengladbach sprechen wir darüber und dann kann ich Dir vielleicht auch ein paar Fragen meinerseits geben. Ich denke auch meistens, alle Anderen sind so viel besser als ich. Freue mich auf unseren Austausch :-). VG Anne