• Daniel

Christian musician reacts to …

… Billboard Top 5 Christian Songs!


Lieber Leser,


es gibt vermutlich viel, was uns unterscheidet: Wir sind in unterschiedlichen Teilen der Welt aufgewachsen (und sei es nur innerhalb Deutschlands), haben vielleicht unterschiedliche Hautfarben, vermutlich andere Hobbies und wir rätseln bei jeweils anderen Gemüsesorten darüber, wie die Menschheit jemals herausgefunden hat, dass sie erstaunlicher Weise doch genießbar sind.


Das alles unterscheidet uns vermutlich. Aber es gibt eine Sache im Jahr 2021, die uns mehr unterscheidet als alles andere: Unser persönlicher YouTube Start-Screen.


Daher würde es mich nicht wundern, wenn du den Titel dieses Beitrags liest und dir denkst: HÄÄ?! Oder vielleicht bist du sehr gut erzogen und denkst stattdessen: Wie bitte? So oder so kann es sein (auch wenn es für mich persönlich undenkbar scheint), dass du seit Jahren das Internet durchstreifst und noch nicht über ein einziges React-Video gestolpert bist. Wie gesagt, es scheint mir eigentlich unmöglich, denn mein Internet ist voll davon! Das hat mich zu diesem Beitrag inspiriert.


Für alle Uneingeweihten ist dieses populäre Video-Format schnell beschrieben: Jemand sieht/hört sich etwas an, filmt sich dabei und wir sehen ihm/ihr dabei zu. That’s it. Es gibt Videos von älteren Menschen, die sich seltsame YouTube-Videos angucken, von Gesangslehrern, die Live-Konzerte schauen und kommentieren oder von VFX-Artists, die auf die CGI Elemente der neuesten Hollywood Blockbuster reagieren. Oder halt von irgendwelchen YouTubern, die sich irgendwas angucken. Ja, Oma, damit kann man heute Geld verdienen! 😉



Wer unter 20 ist und jetzt hofft, dass weiter unten in diesem Beitrag noch ein Video folgt, dem sei gesagt: Sorry, du musst dich leider bis zum Ende durch geschriebene Worte beißen. Ich würde auch lieber ein Video gucken 😉 Aber vielleicht werden es ja unterhaltsame oder wenigstens interessante Worte. Dafür kann ich aber auch nicht garantieren …


… denn: Ich weiß genauso wenig, was gleich kommt, wie ihr! Heute gibt es mal wieder einen experimentellen Beitrag, von dem ich selbst zu dem Zeitpunkt, an dem ich das hier schreibe, noch nicht weiß, wie er enden wird. Aber den Plan kann ich euch schon verraten!


Es ist nämlich so, dass ich in letzter Zeit irgendwie sehr wenig Musik höre. Das ist deshalb komisch, weil ich selbst Musiker bin, viel Musik mache, Musik eine große Rolle in meinem Leben spielt und ich eigentlich sehr gerne auch einfach zuhöre, genieße und – leider? – auch immer ein bisschen analysiere. Aber selbst das macht mir Spaß! 😊 Nur passiert in letzter Zeit so viel (im Job, sonst passiert ja eher nichts), dass ich mir schon lange keine Zeit mehr genommen habe, einfach ein bisschen Musik zu hören.


Das soll sich heute endlich ändern! Das ist das Gute daran, alle 6 Wochen vor die Herausforderung gestellt zu werden, neuen Content für diesen Blog zu produzieren. Für heute habe ich mir also vorgenommen, mich einfach mal zu zwingen, Musik zu hören. Und welche Musik das sein würde, war auch schnell klar: Das Internet steht auf Top 5 Listen, dies ist ein christlicher Blog … da gibt es doch sicher eine geeignete Liste! Und tatsächlich: Billboard hat eine eigene Chart-Liste für christliche Musik (https://www.billboard.com/charts/christian-songs)!


Was jetzt also folgt sind meine spontanen Gedanken zu den Top 5 der christlichen Billboard Charts der Woche ab dem 05. Juni 2021. Ich habe mit einer (zufälligen) Ausnahme noch keinen der gelisteten Songs vorher gehört, daher bekommt ihr meine unvoreingenommene erste Reaktion zu den je zwei wichtigsten Aspekte: Musik und Botschaft. Auf Los geht’s los!



Platz #5: Zach Williams – Less Like Me


Musik:


Sehr solider Folk-Rock-Country-Pop-Track. Irgendwo zwischen diese Genres muss man es denke ich einordnen. Ich mochte die verschiedenen Orgel-Sounds, die zu Beginn ganz kurz an Kirchenorgeln erinnern und damit schon fast kitschig wirken (immerhin ist das hier ein christlicher Song), aber im nächsten Moment schon deutlich mehr Dirt und Grunge offenbaren, als man in der Landeskirche hören würde 😉


Das Arrangement ist erwartungsgemäß solide, ohne viele Besonderheiten: Strophen ruhig und musikalisch deutlich heruntergefahren, Chorus jeweils kräftig, wobei „handwerklich korrekt“ jede Strophe und jeder Chorus noch mal ein wenig zulegt an Energie, sodass sich der Song bis zum Ende steigert und nicht langweilig wird. Alles sehr solide und gut gemacht. Ein kleines Schmankerl, das mich in einem sonst sehr vorhersehbaren 4-Akkorde-Song ziemlich überrascht, ist die 5 / #5° / 6m bzw. besonders die 5 /#5° / 4 Akkordfolge (um es mal mit dem Nashville Number System auszudrücken 😉) in der Bridge (ab 02:12).


Botschaft:


Der Text ist nicht außergewöhnlich philosophisch oder mit Sprachfiguren gestückt, was man bei einem Song, der sehr an Folk und Country anlehnt, auch nicht erwarten würde. Die Botschaft spricht mich allerdings an, vielleicht gerade weil sie so einfach, ehrlich und nüchtern ist. Der Song handelt davon, dass wir als Christen selbst an unseren besten Tagen meist nicht unsere eigentlichen Ideale erreichen. Er spricht von vielen Kleinigkeiten und Situationen, in denen wir ganz einfach Gottes Liebe weitergeben könnten, aber es dann aus welchen Gründen auch immer doch nicht tun.


Der Chorus zählt verschiedene Charaktereigenschaften auf, nach denen wir streben und endet dann in der Pointe: Manchmal wäre ich gern mehr wie Jesus und weniger wie ich. Wer kennt das nicht? Kein Gedanke, den man noch nie gehört hat, aber eine schlichte Erkenntnis, die Demut zeigt und für mich mein Leben als Christ ziemlich gut beschreibt. Gefällt mir!



Platz #4: TobyMac – Help Is On The Way (Maybe Midnight)


Musik:


Tanzbarer Radio-Pop mit R’n‘B und Gospel-Elementen. Besonders die Chor-Elemente in Kombination mit dem zum Teil in afroamerikanischem Slang gehaltenen Text spielen ein bisschen auf Gospel an – klingt für meinen Geschmack aber etwas zu gezwungen und aufgesetzt. Irgendwie ist TobyMac ein bisschen der Eminem der christlichen Musikszene: Er bewegt sich oft in musikalischen Regionen, in denen man klassischer Weise eher Schwarze Musiker erwarten würde (Rap, R’n‘B, Soul) – und muss sich folglich auch immer ein wenig beweisen, was mal besser, mal schlechter gelingt.


Insgesamt klingt der Song sehr, als wollte man etwas kreieren, bei dem auch wirklich kein Manager der Welt begründen kann, warum es nicht ins Radio sollte. Der Song vereint so viele moderne Klischees aus anderen aktuellen Songs, dass ich gar nicht erst anfangen will, sie alle aufzuzählen. Produziert ist das Ganze technisch (wie immer bei TobyMac) natürlich astrein! Besonders der trockene aber unglaublich fette und knackige Bass in den ruhigen Parts hat mir gut gefallen. Insgesamt aber alles sehr poliert. Für mich ein bisschen zu sehr.


Botschaft:


Die Botschaft des Songs ist generell schön: Egal wann und wo und unter welchen Umständen, Gott ist immer da und reicht eine helfende Hand. Das hat er versprochen! Dazu gesellt sich allerdings ein etwas merkwürdiger, bevormundender Unterton eines alten Mannes, der uns beiseite nimmt, in die Augen sieht und mit leicht erhobenem Zeigefinger sagt: Jetzt hör mir mal zu. Ich hab‘ schon ‘ne Menge erlebt, aber Gott hat mich noch nie im Stich gelassen.


Ich kann mir vorstellen, dass darin eine gewisse Ruhe und Geborgenheit zum Ausdruck kommen soll, aber auf mich wirkt es ein bisschen befremdlich. Nach großen verbal-artistischen Griffen muss man in diesem Song auch nicht suchen, aber dafür kann man halt dazu tanzen. Wird nicht mein neuer Lieblingssong, aber ich kann mir vorstellen, dass ich in bestimmten Situationen vielleicht trotzdem Zuversicht aus TobyMac’s Worten schöpfen kann.



Platz #3: Lauren Daigle – You Say


Musik:


Eins gleich vorneweg: Lauren Daigle ist eine grandiose Sängerin! Sie hat unfassbar viel Gefühl in ihrer leicht rauen und sehr hauchigen Stimme. Wenn TobyMac der Eminem der christlichen Musikszene ist, dann ist Lauren Daigle wohl die Adele – aber auf ihre eigene Art. Allein dafür lohnt es sich schon, ihre Musik zu hören. Auch in diesem Song finden sich, wie schon bei TobyMac, Chor-Elemente, die dem Ganzen zusammen mit den Streichern eine epische Weite verleihen sollen – und das klappt auch gut!


Besonders gefallen mir die kurzen „I“ Einwürfe des Chors am Ende des Chorus. Wovon ich kein Fan bin, ist die wabbelige Bass-Drum, die scheinbar von einem übrig-gebliebenen riesigen Amazon-Karton gesamplet wurde. Ich verstehe, dass das „vintage“ klingen soll, aber in der sonst sehr klaren und modernen Produktion klingt sie einfach ein wenig fehlplatziert.


Botschaft:


Auch in „You Say“ geht es um Situationen, in denen wir uns schlecht fühlen und Gottes Reaktion darauf. Allerdings geht es anders als in TobyMac’s Song nicht so sehr um ein Gefühl von Hilflosigkeit, sondern um ein Gefühl von Wertlosigkeit. Gerade im Zeitalter des Internets, in dem man mit wenigen Klicks Tausende Menschen findet, die das, worauf man selbst vielleicht stolz wäre, noch zehn Mal besser können, fragt man sich leicht, wo eigentlich der eigene Platz in der Welt ist – und ob die Welt überhaupt Bedarf nach einem hat. Wenn wir dann, wie Zach Williams im ersten Song, noch erkennen, dass wir immer wieder Gottes Standard verfehlen, dann sind Niedergeschlagenheit und Depression nicht weit.


Umso schöner, dass Lauren Daigle hier Gottes Antwort präsentiert: Du bist für mich genug! Du bist für mich wertvoll, auch wenn du das selbst nicht fühlst. Und alles, was wir tun müssen, um aus dem Loch zu kommen, ist wie Lauren zu sagen: Okay, ich glaube dir! Auch wieder ein schlichter aber schöner Text, der im richtigen Moment zusammen mit der Musik ein echter Befreiungsschlag gegen Selbstzweifel sein kann.



Platz #2: Crowder – Good God Almighty


Musik:


Sehr cooler, mysteriöser Anfang. Was wird das hier? Ein kitschiger Country-Song? Ein dreckiger Trip-Hop Track? Bottleneck-Gitarre gepaart mit 808-Beats inklusive elektronischer 16tel Hi-Hats – gewagte Kombi! Aber dann kommt ja doch erst mal der moderne Country durch, wenn auch mit einigen dreckigen elektronischen Elementen. Der Chorus ist dann einfacher Radio-Pop-Rock, der nur noch hier und da mit ein paar Gitarren-Bends versucht, sich am Country festzuklammern. Und schon wieder ein Gospel-Chor! Chöre sind wohl gerade super in 😉 Insgesamt verspricht das Intro aber deutlich mehr musikalischen Wagemut, als der Rest des Songs dann liefert.


Botschaft:


Ein wiederkehrendes Thema: Wenn wir verloren und am Boden sind, richtet Gott uns wieder auf, wenn wir ihn anrufen. Die Bilder, mit denen diese Botschaft kommuniziert wird, sind mir allerdings etwas zu ausgelutscht. Einfach schon zu oft gehört, um mich wirklich zu erreichen und anzusprechen. Mehr gibt es eigentlich nicht zu sagen. Vom Text her trifft dieser Song eher die zaghaften Befürchtungen, die ich vor Beginn der heutigen Hör-Session hatte. Zu diesem Text gibt es gefühlt schon 100 andere Lieder.



Platz #1: Lauren Daigle – Hold On To Me


Musik:


Noch mal Lauren Daigle! Zu ihrer Stimme muss ich also nichts mehr sagen 😉 Zu Chören ist auch schon vieles gesagt. Zum Glück hat sie sich die Kick-Drum diesmal wohl von Zach Williams‘ Drumer ausgeborgt! Melodie und Akkordfolge sind eher enttäuschend trivial. Der Refrain klingt schon fast etwas nach Sonntagsschule. Oh, und die Orgel von Herrn Williams wurde auch ausgeliehen, allerdings wurde der Drive etwas rausgedreht (das Tremolo nicht!). Orgel ergibt aber auch einfach immer einen schönen Klangteppich, auf dem sich dann die anderen Instrumente austoben können … könnten. Hier passiert das eher weniger. Aber ein bisschen passt das auch zum Inhalt (Ha! Überleitung!).


Botschaft:


Ein persönliches Gebet an Gott mit dem Inhalt: Bitte halt mich fest, wenn ich am Ende bin. Ein schöner Gedanke, allerdings für ein persönliches Gebet über weite Teile relativ unpersönlich. Einige schöne Bilder sind trotzdem drin. Und allgemein ist es wohl einfach so, dass man das Gefühl der erdrückenden Last und des Fast-Zerbrechens nicht noch mit 1000 anderen Metaphern umschreiben kann – muss man aber auch nicht. Wahrscheinlich kann sich jeder an solche Situationen in seinem Leben erinnern, und wenn ich mal wieder in eine komme, kann ich nicht ausschließen, dass ich mit Lauren Daigle zusammen singe „Hold on to me!“.



Fazit


Was hat meine kleine Musik-Hör-Session also für Erkenntnisse hervorgebracht? Für euch vielleicht keine. Das ist aber okay. Vielleicht hat sie euch zumindest angeregt, auch mal wieder eine kleine Auszeit zu nehmen und einfach ein wenig Musik zu hören. Vielleicht sogar Musik, mit christlichen Botschaften.


Ich habe für mich gelernt, dass Chöre und Orgeln wohl momentan der heiße Scheiß der christlichen Musik sind. Und ich habe gelernt, dass die christliche Musik von heute nicht mehr so überladen ist mit synthetischen Pad-Sounds und Delay-Gitarren, wie sie es noch vor einigen Jahren war, als ich meine letzte WOW-Hits CD gekauft habe (CDs … ich weiß!). Wenn ich die Wahl zwischen einer schönen Rock-Orgel mit ordentlich Dreck und Tremolo und einem Synth-Pad habe, dann ist mir die Orgel doch deutlich lieber.


An den Texten hat sich nicht viel verändert. Aber was sollen wir auch großartig Neues singen, über einen Gott, der unveränderlich liebevoll und gut ist? Ich vermute Songs mit neuen Blickwinkeln auf diese uralte Erkenntnis werden auch in Zukunft eher die Ausnahme sein. Trotzdem: Enttäuscht bin ich nicht. Ich denke, ich werde den Rest der Billboard-Liste wohl auch noch hören 😉


Lasst mich mal wissen, wie eure Gedanken zu den Songs sind! Stimmt ihr mir zu? Hab ich einen eurer absoluten Lieblingssongs etwas schlechter gemacht, als er ist? Würde mich interessieren, von euch zu hören! 😊


Gottes Segen und bis zum nächsten Mal

Euer Daniel



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