• Daniel

Alles nur Einbildung?

Wirkt Gott in eurem Leben? Wirkt er in meinem? Als gläubiger Mensch ist meine spontane Antwort darauf: Na klar! Aber kann ich es mit Bestimmtheit sagen?


Über genau diese Frage musste ich neulich nachdenken, als ich im ersten Buch Mose die Geschichte von Josef gelesen habe. Die Geschichte, wie das Volk Israel nach Ägypten kam.


Für alle, die mit dieser Geschichte nicht vertraut sind, hier ein kurzer Abriss (so kurz, wie es für meine Zwecke geht 😉):


Alles beginnt in Kapitel 37 ein ganzes Stück entfernt von Ägypten, nämlich im Land Kanaan. Das liegt dort, wo auch heute wieder der Staat Israel ist. In diesem Land lebt Jakob, der Sohn Isaaks, welcher wiederum der Sohn Abrahams ist. Und auch Jakob hat Söhne, 12 an der Zahl, und einer von ihnen ist Josef.


Josef ist so etwas wie Jakobs Lieblingskind, da er einer von nur zwei Söhnen ist, die ihm seine liebste Frau (das ist eine andere Geschichte …) geboren hat. Jakob behandelt Josef bevorzugt, zum Beispiel, indem er ihm das spätestens durch Andrew Lloyd Webber bekannte prächtige bunte Gewand schenkt oder einfach, indem er offenbar zu Hause bei seinem Vater bleiben darf, während seine Brüder in der Hitze des Tages Schafe weiden.


Wie man sich denken kann, sind seine Brüder nicht gerade begeistert. Und ihre Laune bessert sich auch nicht, als Josef ihnen kurz hintereinander von zwei Träumen erzählt, die er hatte und in denen er jeweils in der Mitte seiner Familie (übrigens inklusive seines Vaters) steht, die sich vor ihm verbeugt und niederwirft, um ihm zu huldigen.


Diese offenbare Unverschämtheit bringt das Fass zum überlaufen und Jakobs Brüder beschließen, ihn umzubringen. Eines Tages, als sie weit von zu Hause entfernt die Schafe weiden und Josef zu ihnen gesandt wird, um nach ihnen zu sehen, setzen sie ihren Plan in die Tat um. Weil es zwei seiner ältesten Brüder allerdings zu weit geht, ihn zu töten, beschließen sie mehrheitlich erst, ihn in einen trockenen Brunnen zu werfen und haben dann die Idee, ihn besser noch für ein bisschen Geld zu verkaufen.


Genau so kommt es. Josef wird als Sklave an eine vorbeiziehende Karawane verkauft und nach Ägypten verschleppt. Seinem Vater erzählen die Brüder, dass ein wildes Tier ihn getötet hat und überbringen als Beweis sein buntes (in Tierblut getränktes) Gewand.



Aber Gott hat einen Plan mit Josef. Deshalb sorgt er dafür, dass er als Sklave bei Potifar, einem ranghohen Ägypter (Chef der Leibwache) landet. Potifar ist sehr angetan von Josefs Arbeit und übergibt ihm letztendlich die Verantwortung für seinen ganzen Besitz. Leider ist auch Potifars Frau sehr angetan von Josef und will ihn verführen. Als dieser sich jedoch wehrt, erzählt sie, Josef habe versucht sie zu vergewaltigen – und Josef landet im Gefängnis.


Im Gefängnis lernt er zwei weitere wichtige Personen Ägyptens kennen: den Mundschenk des Pharao und den ranghöchsten Bäcker des Landes. Beide waren beim Pharao in Ungnade gefallen. Als die beiden Josef von Träumen erzählen, die sie hatten, kann Josef diese mit Gottes Hilfe deuten.


Einige Zeit später, nachdem der Mundschenk wieder freigelassen und der Bäcker gehängt worden ist, hat auch der Pharao Träume und sein Mundschenk erinnert sich daran, dass Josefs Traumdeutungen korrekt gewesen sind. Joseph soll darauf hin auch die Träume des Pharaos deuten, was er tut. Er erkennt, dass Gott nach sieben ertragreichen Jahren eine wiederum siebenjährige Dürre und Hungersnot über Ägypten und das ganze Umland bringen will.


Josef schlägt dem Pharao vor deshalb in den nächsten Jahren Vorräte anzulegen, um die folgenden sieben schlimmen Jahre überstehen zu können. Und da der Pharao von Josef begeistert ist und das Anlegen der Vorräte eine ungeheure logistische Aufgabe darstellt, macht er ihn kurzerhand zum Projektleiter für dieses Unterfangen und damit zum mächtigsten Mann Ägyptens gleich nach dem Pharao selbst.


Als die Hungersnot dann einsetzt, ist nicht nur das ganze Land Ägypten betroffen, sondern auch Josefs Familie in Kanaan, die daraufhin beschließt nach Ägypten zu ziehen, um dort Vorräte zu kaufen. Natürlich ahnt zu diesem Zeitpunkt niemand, dass es Josef sein würde, der ihnen diese Vorräte verkaufen wird (und wegen dem es überhaupt Vorräte in Ägypten gibt!).


Josef hingegen erkennt seine Brüder sofort, als er ihnen in Ägypten gegenübersteht. Aber da sein direkter Bruder Benjamin (der zweite Sohn seiner Mutter) und auch sein Vater Jakob nicht mit nach Ägypten gereist sind, erdenkt Josef einen ausgefuchsten Plan, wie er (zunächst ohne sich erkennen zu geben) seine ganze Familie nach Ägypten holen und an seinem Wohlstand teilhaben lassen kann.


Es funktioniert und am Ende liegen sich alle in den Armen – die Brüder voller Reue und Josef voller Liebe für sie. So lebt die ganze Familie Jakobs für viele Jahre in Ägypten bis es irgendwann soweit ist, dass Jakob in hohem Alter stirbt. Eigentlich war schon alles gut, aber nun, da ihr Vater nicht mehr lebt, überkommt Josefs Brüder noch einmal die Angst, dass er sich für all ihre Verbrechen gegen ihn an ihnen rächen könnte. Josef aber antwortet ihnen folgendes:

„Fürchtet euch nicht! Bin ich etwa an Gottes Stelle? Ihr zwar, ihr hattet Böses gegen mich beabsichtigt; Gott ⟨aber⟩ hatte beabsichtigt, es zum Guten ⟨zu wenden⟩, um zu tun, wie es an diesem Tag ist, ein großes Volk am Leben zu erhalten.“ (1. Mose 50,19-20)

Warum habe ich hier so ausführlich Josefs Geschichte wiedergegeben? Weil mich dieser letzte Satz sehr nachdenklich gemacht hat. Und ich möchte euch anregen, auch einmal darüber nachzudenken.


Josef sieht hier glasklar wie Gott in seinem Leben gehandelt hat. Für ihn steht fest, dass alles, was geschehen war, auf ein großes Ziel hingeführt hat – nämlich, dass Gott Jakob (der im Übrigen von Gott den Namen Israel bekommen hat) und seine Familie nach Ägypten führt, um sie nicht nur vor dem Tod zu retten, sondern auch aufblühen und unter besten Bedingungen zu einer großen Nation werden zu lassen.


All das sind für Josef scheinbar nicht anzweifelbare Fakten. Und als Leser, die nun seit 13 Kapiteln die Geschichte mitverfolgt haben, ist auch für uns der klare rote Faden von Gottes Handeln erkennbar.


Aber was wäre, wenn ich Josef gewesen wäre? Hätte ich genauso klar gesehen, dass Gott an mir gehandelt hat? Die Frage scheint vielleicht erst mal seltsam. Immerhin gab es ja zahlreiche mitunter spektakuläre Ereignisse und überaus glückliche „Zufälle“ auf Josefs weg! Aber gab es die in meinem Leben nicht auch schon? Und bin ich rückblickend genauso sicher wie Josef, dass Gott hinter allem gesteckt hat?


Zugegeben, was ich hier anreiße ist ein großes und komplexes Thema und ich selbst habe auch noch jede Menge offene Fragen dazu, daher kratze ich nur an der Oberfläche. Aber im Grunde ist meine Frage (an euch und an mich): Erkennen wir Gottes Handeln in unserem Leben?


Wenn ich mir vorstelle, dass ich an Josefs Stelle gewesen wäre, und wenn ich realistisch betrachte, was mir für gewöhnlich durch den Kopf geht, dann wäre das vielleicht so etwas gewesen:


… Ich hatte zwei Träume, die auf unterschiedliche Weise eindrücklich gezeigt haben, wie meine ganze Familie sich vor mir verbeugt. Diese Träume haben sich irgendwie total besonders angefühlt! Aber … naja … es waren halt auch nur Träume. Jeder träumt ständig irgendwas … das muss ja nicht immer was heißen. Natürlich gibt es Situationen, in denen Gott zu Menschen in Träumen spricht oder ihnen sogar Visionen der Zukunft gibt … aber was sollte das bedeuten?! Also wahrscheinlich war es nichts.


… Meine Brüder wollten mich umbringen?! Und jetzt haben sie mich stattdessen an irgendwelche vorbeiziehenden Leute verkauft? Wahrscheinlich werde ich meinen Vater nie wieder sehen. Wahrscheinlich werde ich nun für den Rest meines Lebens für irgendeinen Fremden den Boden schrubben. Was ist nur aus meinen Leben geworden?! Wo ist Gott, wenn man ihn braucht?! Wie konnte er das zulassen?!


… Oh Mann, Glück gehabt! Hier bei Potifar lässt es sich wirklich aushalten. Er mag mich scheinbar. Aber, ich mache ja auch gute Arbeit, also kann er auch eigentlich nicht meckern. Wenn man sich anstrengt, dann kann man eben auch jemand werden. Glück im Unglück!


… Ich glaube ich weiß, was dieser Traum des Pharaos bedeutet! Ich bin mir sogar ziemlich sicher … kommt das von Gott? Ich habe ja dafür gebetet, dass er mir die Deutung des Traumes des Pharaos mitteilt … ist das jetzt also passiert? Oder sind das jetzt gerade meine Gedanken? Oh Mann, wenn ich dem Pharao (DEM PHARAO!) jetzt sage, was sein Traum bedeutet, und am Ende war das gar nicht das, was Gott ihm eigentlich sagen wollte, dann sitze ich ganz schön in der Patsche. Was mache ich denn jetzt? Ich habe das starke Gefühl, dass Gott mir gezeigt hat, was ich sagen soll … aber will ich mein Leben von einem starken Gefühl abhängig machen?!


… Ist das Leben nicht schön? Jetzt sind wir hier alle versammelt: meine Brüder, ihre Familien, mein Vater, meine Familie … und allen geht es gut! Schon seltsam, wie sich alles entwickelt hat. Mein Bruder hat mich kürzlich daran erinnert, dass sie damals so sauer auf mich waren, weil ich diese komischen Träume hatte, wo sich alle vor mir niedergeworfen haben. Hatte ich schon wieder ganz vergessen. Und jetzt bin ich der zweithöchste Mann in Ägypten und meine Familie musste mich um Brot anbetteln … sollten die Träume mir das vielleicht sagen?


Natürlich habe ich hier ein wenig übertrieben. Aber kennt ihr das nicht? Es passiert etwas und man hat das starke Gefühl, dass Gott dahintersteckt. Und schon am selben Abend, wenn man darüber nachsinnt, fängt man an Gründe zu finden, warum es vielleicht doch nur ein Zufall war oder warum es eigentlich vielleicht auch gar nicht anders kommen konnte ... und schon redet man Gott klein.


Wenn ihr das nicht kennt, dann beneide ich euch! 😊 Mir sind solche Situationen nur allzu bekannt. Aber Josefs Geschichte und seine klare Sicht auf Gottes Handeln haben mich mal wieder darin bestärkt, vermehrt darauf zu achten, wie Gott in meinem Leben wirkt.

Natürlich werde ich nie mit Sicherheit sagen können, wo Gott genau gewirkt hat und wo nicht. Aber eigentlich weiß ich ja, dass er ALLES in der Hand hält. Und genauso weiß ich, dass er mit ALLEM einen großen Plan verfolgt.


Daher ist meine heutige Challenge an mich und wenn ihr wollt auch an euch: Lasst uns in den nächsten Tagen mal bewusst darauf achten, was in unserem Leben passiert! Und egal ob es etwas Positives oder etwas Negatives ist, lasst uns uns entspannt zurücklehnen und darauf vertrauen, dass Gott es gut mit uns meint und letztendlich alles zum Guten führt – und wenn es dadurch kommt, dass wir von jemandem erst in einen trockenen Brunnen geworfen und dann an wildfremde Leute verkauft werden! 😉

„Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Guten mitwirken, denen, die nach ⟨seinem⟩ Vorsatz berufen sind.“ (Römer 8,28)

Gottes Segen und bis zum nächsten Mal


Euer Daniel


P.S.: Ein nützlicher praktischer Tipp, den ich neulich von einer Freundin bekommen habe: Einfach mal aufschreiben, was für Gedanken oder seltsame Erlebnisse man so hat. So gehen die Eindrücke nicht verloren. Und dann kommt vielleicht eines Tages der Punkt, an dem man durch das kleine Buch oder durch eure App scrollt und rückblickend plötzlich versteht, was das alles zu bedeuten hatte! 😊


Alle Zitate entstammen der Elberfelder Bibelübersetzung.

Foto von Simon Berger on Unsplash.


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