• Lea

Mit welchem Maß ihr messt

Einer der wahrscheinlich bekanntesten Aussprüche Jesu ist

„Mit welchem Maß ihr messt, wird euch gemessen werden.“ (Markus 4, 24)

Die meisten kennen diesen Vers vermutlich schon seit einer langen Zeit. Schon früh wird uns dieser Vers an die Hand gegeben, um uns zu lehren, dass wir nicht über andere richten sollen. Häufig beziehen wir die Stellen oben auf die Verhaltensweisen unserer Mitmenschen. Wahrscheinlich fallen jedem sofort Menschen ein, über die man sich nur zu gerne aufregt. Die Drängler, die uns mit dem PKW an der Stoßstange oder mit dem Einkaufswagen in den Fersen hängen. Der eine Kollege, der immer wieder Lob für die Arbeit anderer einheimst. Der eine Freund, der immer das letzte Stück Pizza isst ohne vorher zu fragen, ob es noch jemand haben möchte.


Aber wenn ich euch sage, dass wir auch diese Menschen annehmen und nicht verurteilen sollen, ist das vermutlich für niemanden etwas Neues. Ich will damit nicht sagen, dass es einfach wäre. Auch mir rutscht oft das ein oder andere Schimpfwort heraus, wenn ich es auf der Straße mit Verkehrssündern zu tun habe oder ich lasse mir an der Supermarktkasse betont etwas länger Zeit, wenn mein Hintermann meint, mich mit seinem Einkaufswagen anschieben zu müssen. Also nein – einfach ist es nicht, auch diesen Menschen liebevoll zu begegnen. Aber es soll nicht das Thema dieses Beitrages sein. Ich möchte mich heute mit einem anderen Aspekt des Richtens beschäftigen.



Das Richten über Ansichten


Vor einiger Zeit habe ich Römer 14 gelesen. In dem Kapitel beschreibt Paulus wie die Gemeinde in Rom mit verschiedenen Ansichten innerhalb der Gemeinde umgehen soll. Diese unterschiedlichen Ansichten haben zu Spannungen in der Gemeinde geführt, da die Geschwister sich gegenseitig für ihre gegensätzlichem Ansichten verurteilt haben. Kommt das irgendwem von euch bekannt vor?


Ich glaube auch in unseren Gemeinden heute ist das ein Problem, das wir häufig vorfinden. Zu oft entstehen Streitigkeiten um verschiedene Meinungen. Zwei verhärtete Fronten stehen einander gegenüber und versuchen verzweifelt die Gegenseite davon zu überzeugen, wie falsch sie liegen. Die Geschwister verurteilen sich gegenseitig dafür, wie „verweltlicht“ oder „übertrieben konservativ“ oder „weichgespült“ oder „zu fundamentalistisch“ ihre Ansichten sind.


Wenn ihr zu den Menschen gehört, die sich komplett hiervon freisprechen können und so etwas noch nie in ihrer Gemeinde erlebt haben, dann kann ich euch nur gratulieren. Ich glaube, bei den meisten von uns ist es wahrscheinlicher, dass wir diese Spannungen schon in der eigenen Gemeinde erlebt haben und bei dem Blick in den Spiegel feststellen müssen, dass auch wir den sprichwörtlichen Balken in unserem Auge vorfinden.


An dieser Stelle muss ich schon einmal vorausschicken, dass ihr in diesem Beitrag sicherlich nicht das Patentrezept gegen solche Spannungen in der Gemeinde finden werdet. Diesem Anspruch könnte ich gar nicht gerecht werden. Aber ich möchte euch einladen, mit mir gemeinsam einen genaueren Blick auf Paulus Lösungsansatz in Römer 14 zu werfen und darüber nachzudenken, ob unser eigener Umgang mit verschiedenen Ansichten in der Gemeinde diesem ähnelt oder nicht. Also schauen wir mal, was Paulus zu der Sache zu sagen hat.



Annahme statt Verurteilung

„Den Schwachen im Glauben aber nehmt auf, doch ohne über Ansichten zu streiten. Einer glaubt, er dürfe alles essen; der Schwache aber isst Gemüse. Wer isst, verachte den nicht, der nicht isst; und wer nicht isst, verachte den nicht, der isst! Denn Gott hat ihn aufgenommen. Wer bist du, der du den Hausknecht eines anderen richtest? Er steht oder fällt dem eigenen Herrn.“ (Römer 14, 1 - 4)

Schon in diesen ersten Versen steckt viel, das wir mitnehmen können. Auch Paulus beginnt mit der Aussage, dass wir nicht übereinander richten sollen. Er führt auch direkt die Begründung dafür an: Gott hat den Schwachen ebenso aufgenommen, wie den Starken. Wer wären also wir, ihn abzuweisen? Das ist ein Argument, auf das Paulus immer wieder zurückkommt. Auch der Bruder oder die Schwester, die etwas andere Ansichten als wir haben, wurden von Gott angenommen und Christus ist für sie gestorben (s. V. 9 und 15 sowie Kap. 15, 7). Wir sollten sie also ebenso annehmen.


Außerdem betont Paulus die Beziehung des einzelnen Gläubigen zu Gott. Der „Hausknecht“ ist lediglich seinem Herrn Rechenschaft schuldig – also Gott bzw. Jesus und nicht uns. Es steht uns nicht zu, uns in diese Beziehung einzumischen oder den Gläubigen zu beurteilen. Diese Aufgabe obliegt seinem Herrn.



Richtig und Falsch


Interessant ist auch, dass Paulus nicht damit beginnt zu sagen „Variante A ist richtig, ihr solltet euch alle so verhalten!“. Paulus sagt weder zum Essen oder Nichtessen, dass es Sünde wäre. Zwar stellt Paulus auch seine Meinung zu der Thematik dar, indem er sagt „Ich weiß und bin überzeugt in dem Herrn Jesus, dass nichts an sich unrein ist […]“, aber im gleichen Atemzug erklärt er auch „[…] nur dem, der etwas als gemein ansieht, dem ist es unrein.“ (Römer 14, 14).


Viele von uns wären vermutlich anders mit der Situation umgegangen. Wir hätten das Markusevangelium aufgeschlagen und vorgelesen: „Damit erklärte er alle Speisen für rein“ (Markus 7, 19). Ist doch ganz einfach. Steht doch da!


Ob das Essen tatsächlich unrein ist oder nicht, scheint hier jedoch gar nicht der entscheidende Punkt zu sein. Vielmehr steht das Gewissen des Gläubigen im Vordergrund. Nicht umsonst sagt Paulus:

„Jeder aber sei in seinem eigenen Sinn völlig überzeugt!“ (Römer 14, 5)

und am Ende des Kapitels

„Wer aber zweifelt, wenn er isst, der ist verurteilt, weil er es nicht aus Glauben tut. Alles aber, was nicht aus Glauben ist, ist Sünde.“ (Römer 14, 23)

Welches Verhalten sündig ist, ist also nicht daran geknüpft, welcher der zwei Gläubigen recht hat, sondern daran, ob sie sich ihrer Überzeugung entsprechend verhalten oder gegen ihren Glauben handeln.


Kommt man auf das Bild des Maßnehmens zurück, das Jesus gebraucht, sieht man an diesem Beispiel, dass Gott offenbar an verschiedene Menschen auch verschiedene Maße anlegt. Ein bisschen so, als würde der eine in Metern und der andere in Fuß gemessen werden. Ich finde, hieran sieht man auch sehr gut, warum es so gefährlich ist, andere Menschen selber „messen“ zu wollen. Unser eigenes Maß ist möglicherweise nicht das, mit dem unser Gegenüber gemessen wird. Wir können nicht in jedem Fall einschätzen, was für diese Person Sünde ist oder nicht oder ob sie aus Glauben heraus handelt oder nicht. Das richtige Maß kann am Ende nur Gott anlegen.




Die Sache mit dem Fallstrick


Jetzt stellt sich natürlich die Frage: Wie sollen wir uns denn nun verhalten? Das Richten und Verurteilen der anderen Ansichten steht uns nicht zu, also wie sieht der liebevolle Umgang miteinander in diesem Fall aus? Dazu sagt Paulus Folgendes:

„Lasst uns nun nicht mehr einander richten, sondern haltet vielmehr das für recht, dem Bruder keinen Anstoß oder keinen Fallstrick zu bieten! […] Denn wenn dein Bruder wegen einer Speise betrübt wird, so wandelst du nicht mehr nach der Liebe. Verdirb nicht mit deiner Speise den, für den Christus gestorben ist!“ (Römer 14, 13 - 15)
„Zerstöre nicht einer Speise wegen das Werk Gottes! Alles zwar ist rein, aber es ist böse für den Menschen, der mit Anstoß isst. Es ist gut, kein Fleisch zu essen noch Wein zu trinken noch etwas zu tun, woran dein Bruder sich stößt.“ (Römer 14, 20 + 21)

Wenn man sich diese Stellen anschaut, findet man ein paar wesentliche Punkte, die auch uns als Ratschlag dienen können. Unter anderem erfahren wir, wie der falsche Umgang miteinander aussehen würde: Zu den falschen Handlungsoptionen gehören sowohl das Richten des Anderen als auch das Überstülpen der eigenen Meinung auf den Bruder, der diese nicht teilt. Derjenige, der alles isst, sollte seinen Bruder nicht dazu zwingen, es ihm gleichzutun, wenn dieser dies nicht aus Glauben tun kann. Wenn er ihn auf diesem Weg dazu bringt, gegen sein Gewissen zu handeln, dann hat er ihn zur Sünde verleitet. (Das gleiche lesen wir übrigens in 1. Korinther 8)


Die richtige Option ist somit, sich so zu verhalten, dass dem Anderen kein Anstoß und kein Fallstrick geboten wird. Doch wie sieht das in der Praxis aus?


Ich habe schon in vielen Situationen erlebt, dass diese Stelle mit dem Fallstrick als Veto-Recht in der Gemeinde benutzt wird. Das ist auch an sich nicht falsch. Auch wenn die Starken in diesem Fall die Gruppe sind, die mit der Meinung von Paulus bezüglich der Reinheit der Speisen übereinstimmt, sollen sie sich an den schwächeren Gliedern der Gemeinde ausrichten und sich entsprechend verhalten.


Ich wage jedoch zu behaupten, dass oftmals voreilig von diesem Veto-Recht Gebrauch gemacht wird. Denn „Anstoß nehmen“ kann hier nicht gleichgesetzt werden mit „Ich ärgere mich darüber, dass die anderen anders denken“. Der Fallstrick, von dem in Vers 13 die Rede ist, meint, jemandem Anlass zur Sünde zu geben. Ich denke daher, dass Paulus hier sowohl eine Ermahnung für die Starken als auch für die Schwachen bereithält.


Wenn wir in der Position der Schwachen sind, müssen wir ehrlich hinterfragen, ob tatsächlich die Gefahr besteht, dass uns Anlass zur Sünde gegeben wird oder ob wir uns nur darüber ärgern, dass einige eine andere Auffassung als wir haben. Versucht man uns dazu zu bewegen, uns anders zu verhalten, ohne dass wir dies mit unserem Glauben vereinbaren können? Das ist die Sorte Problem, die Paulus beschreibt. Wollen die anderen sich einfach selbst so verhalten dürfen, wie es ihrem Glauben entspricht und finden es in Ordnung, dass ich selbst meinen Glauben anders auslebe? Dann gibt es hier kein Problem und keinen Grund, mein Veto-Recht einzulegen. Denn auch für mich gilt „wer nicht isst, richte den nicht, der isst“ (V. 4).


Im Grunde beschreibt die letzte Variante vielmehr den optimalen Umgang mit dieser Art von Meinungsverschiedenheiten. Beiden Parteien wird zugestanden, sich so verhalten zu dürfen, dass ihr Verhalten ihrem Gewissen entspricht, solange sie nicht versuchen den anderen dabei ihre Meinung aufzuzwingen. Das funktioniert allerdings nur, wenn sich alle Parteien darüber einig sind, dass sowohl Variante A als auch Variante B richtig ist, solange alle in ihrem Handeln völlig überzeugt sind und dass Sünde in diesem Fall für jeden etwas anderes bedeuten kann.



Und wie geht das?


Diesen Ansatz im Gemeindeleben umzusetzen, ist unsagbar schwierig. Zum einen stellt sich die Frage, wie es praktisch aussehen soll, dass beide Verhaltensweisen ermöglicht werden und zum anderen stellt sich die viel schwierigere Frage, bei welchen Meinungsverschiedenheiten dieser Ansatz angebracht ist und bei welchen Fragen doch für alle das gleiche Richtig und Falsch gilt.


Auf beide Fragen habe ich leider keine gute Antwort, aber ich möchte euch ein paar Gedanken mit auf den Weg geben, die ihr weiterverfolgen könnt, wenn ihr es gleich zum Ende dieses (für meine Verhältnisse ziemlich langen) Beitrags geschafft habt.


Der erste Gedanke, den ich euch mitgeben möchte, ist, dass es auf die Fragestellung nach der Reinheit der Speisen eigentlich eine klare Antwort gab. Jesus selbst hat alle Speisen für rein erklärt, Petrus hatte eine passende Vision dazu in Apostelgeschichte 10 und auch Paulus sagt sowohl in Römer 14 als auch in 1. Korinther 8 und 10, dass alles inkl. Götzenopferfleisch gegessen werden darf. Und trotzdem kann es für jemanden Sünde sein, dies zu tun.


Wie oft gehen wir zu jemandem, der eine andere Meinung hat, schlagen die Bibel auf und sagen „Da steht es doch!“? Ich persönlich finde wahnsinnig interessant, dass Paulus hier anders gehandelt hat, obwohl es um eine Fragestellung ging, bei der aus unserer Sicht, die Beweislage absolut eindeutig war. Könnte das bedeuten, dass es vermutlich mehr Fälle gibt als wir denken, in denen die Meinungen einzelner sich unterscheiden können und trotzdem für die jeweilige Person richtig sind?


Der zweite Gedanke bezieht sich darauf, dass wir immer wieder davon lesen, wie wir Einheit in der Gemeinde haben sollen, zum Beispiel in der ersten Hälfte von Epheser 4. Interessanterweise spricht Paulus diesen Punkt auch im Römerbrief direkt im Anschluss an Kapitel 14 an:

„Der Gott des Ausharrens und der Ermunterung aber gebe euch, gleichgesinnt zu sein untereinander, Christus Jesus gemäß, damit ihr einmütig mit einem Munde den Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus verherrlicht.“ (Römer 15, 5 + 6)

Würde Paulus mit Gleichgesinntheit meinen, dass alle einer Meinung sein sollen, hätte er damit seine gesamte Argumentation in Kapitel 14 zunichte gemacht. Deswegen denke ich, dass Einheit in der Gemeinde vielmehr bedeutet, dass wir nicht zulassen dürfen, uns von Meinungsverschiedenheiten auseinanderreißen zu lassen. Auch wenn wir in einzelnen Dingen unterschiedlicher Meinung sind, sollen wir weiterhin „einmütig mit einem Munde“ Gott verherrlichen und den Zusammenhalt der Gemeinde aufrecht erhalten.


Zugegebenermaßen ist das eine der schwierigsten Aufgaben, denen wir heutzutage in unseren Gemeinden gegenüberstehen. Aber auch, wenn ich euch keine Schritt-für-Schritt-Anleitung liefern konnte, wie wir dies schaffen können, hoffe ich, dass ihr aus diesem Beitrag einige Gedanken mitnehmen konntet, die euch in Zukunft dabei helfen werden.


Zu guter Letzt möchte ich euch noch daran erinnern, dass es am Ende nicht darauf ankommt, alles bis ins Detail verstanden zu haben und zu jeder Frage die richtige Antwort zu kennen. Das könnten wir auch nicht, wenn wir es noch so sehr versuchen würden. Daher sollten wir allem voran daran arbeiten, demütig und liebevoll in unserem Umgang mit Streitfragen in der Gemeinde zu bleiben und dabei nicht das Wesentliche aus den Augen zu verlieren. Oder um noch ein letztes Mal Römer 14 zu zitieren:

„Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist. Denn wer in diesem dem Christus dient, ist Gott wohlgefällig und den Menschen bewährt.“ (Römer 14, 17 + 18)


Bis zum nächsten Mal!

Eure Lea

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